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Meinung | Mein erstes Mal auf Mallorca

Warum auf Mallorca alle pünktlich sind – obwohl niemand eine Uhrzeit nennt

Es gibt Momente auf Mallorca, in denen man merkt, dass Regeln offenbar auch ohne Regeln funktionieren. Zum Beispiel dann, wenn man das erste Mal zu einem Essen auf dem Campo eingeladen wird – ohne genaue Uhrzeit

Leckeres Essen auf dem Campo

Leckeres Essen auf dem Campo / Michael Wrobel

„Am Sonntag machen wir auf unserem Campo eine Comida. Ihr seid doch dabei, oder?“, hatte unser Freund Pep gesagt. „Vorher können wir noch einen Aperitif trinken und ein bisschen entspannen.“

Klang gut. Nur eine kleine Information fehlte: Wann genau sollten wir eigentlich da sein? Auf unsere Nachfrage reagierte Pep leicht irritiert. „Wann ihr wollt“, sagte er. „Eben zur Comida.“ Für Mallorquiner scheint das eine völlig ausreichende Zeitangabe zu sein. Für Deutsche eher nicht.

Meine Frau und ich diskutierten deshalb am Vormittag ernsthaft die Abfahrtszeit. Was bedeutet „vorher noch ein bisschen Zeit“? Ist zwölf Uhr zu früh? Oder schon zu spät? Beginnt das Essen um zwei? Um drei? Oder irgendwann dazwischen? Am Ende entschieden wir uns für einen Kompromiss und fuhren gegen zwölf los.

Der Campo von Caty und Pep liegt irgendwo zwischen Inca und Lloseta. Also wirklich irgendwo. Wer dort zum ersten Mal hinfährt, hat spätestens nach der dritten schmalen Landstraße das Gefühl, falsch zu sein. Doch plötzlich tauchte zwischen Fincas, Mauern und Feldern doch noch das Haus auf. Und in der Einfahrt hinter dem großen Tor: Autos. Etliche Autos. Wir waren die Letzten. „Ah, da seid ihr ja endlich!“, rief uns schon jemand lachend entgegen.

Drinnen saßen längst alle anderen entspannt beim Aperitif. Und natürlich stellte sich schnell heraus: Keiner hatte eine genauere Uhrzeit bekommen als wir. Trotzdem waren alle pünktlich.

Auf Mallorca scheinen die Uhren anders zu ticken

Bis heute verstehe ich nicht ganz, wie das funktioniert. Vielleicht gibt es auf Mallorca tatsächlich einen geheimen gesellschaftlichen Code, den nur Einheimische kennen. Vielleicht wissen Mallorquiner einfach intuitiv, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Oder Deutsche denken schlicht zu kompliziert über Verabredungen nach.

Die eigentliche Comida begann jedenfalls irgendwann am frühen Nachmittag. Ehrlich gesagt weiß ich es nicht mehr genauer. Uhrzeiten verlieren bei solchen Tagen auf Mallorca erstaunlich schnell an Bedeutung.

Es wurde gegessen, getrunken, erzählt, gelacht. Irgendwann kam Kuchen auf den Tisch. Und Kaffee – natürlich mit Ron Amazonas. Stunden später dann plötzlich noch Brot, selbst gemachte Sobrassada, Käse, Oliven aus dem eigenen Garten und neue Teller. „Ein bisschen Abendessen“, erklärte Caty völlig selbstverständlich.

Zu Ende war das Mittagessen schließlich gegen 22.30 Uhr. Und auch das schien niemand besonders ungewöhnlich zu finden.

Vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen Deutschen und Mallorquinern: Wir brauchen für ein Essen zuerst eine Uhrzeit. Mallorquiner brauchen nur einen Anlass. Und erstaunlicherweise funktioniert selbst das pünktlich.

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