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Meinung | Insel(t)räume

Borat-Anzug, Bierbauch, Nationalhymne: Deutsche Fremdscham auf einem Tennisplatz in Cala Ratjada

Alkohol, Borat-Anzüge und Nationalhymne: Eine Szene auf einem Tennisplatz sorgt für viele Kinderfragen – und für wenig Stolz aufs Vaterland bei MZ-Kolumnistin Sophie Mono

Alle Jahre wieder: Zum Vatertag klagen Urlauber regelmäßig über Partytouristen, die die Cala Agulla bei Cala Ratjada bevölkern

Alle Jahre wieder: Zum Vatertag klagen Urlauber regelmäßig über Partytouristen, die die Cala Agulla bei Cala Ratjada bevölkern / Monika Umland / Cala Ratjada Insider

„Blüühh im Glaaanze diiieses Glückes, blüüühee, deutsches Vaterland!“ Ach ja, unsere Nationalhymne. Es soll ja Leute geben, deren Puls vor Stolz beschleunigt, wenn sie die lieblichen Zeilen vernehmen. Und sich zugehörig fühlen zu diesem stolzen Vaterland, in dem es nur so blüht und glänzt.

Ich gehöre nicht dazu. Bei mir regt sich da gar nichts. Das Einzige, was in Zusammenhang mit dem deutschen Geträller schon mal mein Gemüt in Wallungen bringen kann, ist – je nach Situation – Fremdscham. Dieses beißende Gefühl, wenn Landsleute dafür sorgen, dass man kurzfristig am liebsten staatenlos wäre – oder zumindest nicht deutsch.

Nie war dieses Gefühl so stark ausgeprägt wie neulich im Wald. 14. Mai: Vatertag in Deutschland, Saufurlauber-Auflauf in Cala Ratjada, normaler Schultag auf Mallorca. Gemeinsam gehen wir durch das kleine Wäldchen vom Kindergarten nach Hause: ich, ein Hund und drei Minderjährige unter meiner Aufsichtspflicht. Da plötzlich die Klänge. „Blüüüüh im Glaaanze diiieses Glückes.“ Ehe ich mich versehe, stehe ich alleine auf dem Pfad. Meine kleinen Begleiter sind fix zur Quelle des Lärms gelaufen: einem vom Wald – sowie von der Straße und vom angrenzenden Restaurant aus einsehbaren Tennisplatz. Wie gebannt blicken sie auf das Schauspiel, wenige Meter entfernt hinter einem Maschendrahtzaun.

Dieser Anblick verschlägt mir fast die Sprache

Auch ich schaue, verarbeite, schlucke. Eine Männergruppe, mitten auf dem Tennisplatz, Arm in Arm, die Nationalhymne grölend. Schwankend vom Alkohol – aber immerhin: angezogen. Anders als ihre Handvoll Kumpels, die sich über das Tennisfeld verteilt haben: Bierbäuche, Sonnenbrand, schaukelndes Gemächt – und all das dank eng sitzender Borat-Anzüge perfekt in Szene gesetzt.

„Guck mal, da quetscht der nackte Popo durch den Zaun“, kommentiert einer meiner kleinen Begleiter, der als Erstes die Sprache wiedergefunden hat, und deutet auf den uns am nächsten stehenden Tennisspieler, der mit dem Allerwertesten gegen den Zaun lehnt. „Und bei dem da sieht man fast den Penis“, kichert ein anderer meiner Schutzbefohlenen und deutet unbefangen auf einen anderen Landsmann. Kurz will ich einen mahnenden „Nicht mit nacktem Finger auf angezogene Leute“-Spruch anbringen, schlucke ihn dann aber hinunter. Passt irgendwie nicht.

Die Hymnensänger geben nochmal alles, bei manchen überschlägt sich schier die Stimme, so blühend sehen sie ihr Vaterland vor sich. Endlich finde auch ich meine Sprache wieder. Schlage meinen Weggenossen vor, doch besser jetzt zu gehen.

Da wendet sich der Borat-Bekleidete am Zaun uns zu. Präsentiert uns jetzt Baumel-Penis unter hauchdünnem Stoff statt Quetsch-Popo in Drahtmaschen. „Deutschlaaand“, ruft er mit glasigem Blick und hebt zum Gruß den Tennisschläger. Ich treibe zur Eile an. Versuche, auf dem Weg nach Hause die Fragenflut von drei kleinen Jungs zu beantworten. Wo man denn solche Anzüge kaufen kann. Warum die so komisch geguckt haben. Weshalb die so wenig anhatten. Und was das denn für ein Lied war, das die da gesungen haben. „Die deutsche Nationalhymne“, antworte ich matt. „In ihrer besten Version.“

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