Meinung | Fels in der Brandung
Palma und das Ende der Traditionsläden: Ist wirklich nur die Gentrifizierung schuld?
Viele alte Geschäfte in Palma galten über Generationen als feste Institutionen. Doch veraltete Sortimente, familiäre Strukturen und fehlende Wirtschaftlichkeit erklären manches Ende besser als bloße Eigentümergier, erklärt MZ-Kolumnist Lutz Minkner

Viele Traditionsläden auf Mallorca suchen neue Mieter / ERNEST CARRANZA
Als wir vor über dreißig Jahren die Quartiere von Palmas Altstadt durchstreiften, zeigte sich ein zwiespältiges Gesicht: Ja, da gab es einige attraktive Gebäude aus der Zeit des modernisme, der spanische Spielart des Jugendstils, es gab Einblicke in die Patios von palacetes, noblen Stadthäusern des mallorquinischen Adels rund um Almudaina-Palast und Kathedrale und viel Gesichtsloses, dem man nur bei näherem Hinschauen ansehen konnte, dass es einmal bessere Zeiten erlebt hatte. Wir erinnern uns an Häuser in Santa Catalina, in deren Erdgeschossen noch kleine Läden um Kunden für Kleinkram des täglichen Bedarfs warben, deren Obergeschosse aber zerborstene Fenster hatten und aus deren Dächern Pinien wuchsen. Morbid und nur auf den ersten Blick charmant. Viele mallorquinische Eigentümer wurden mit dem Verkauf ihrer Schrottimmobilien reich. Und mancher Immobilienexperte staunte, mit welcher Dreistigkeit Quadratmeterpreise für drei Geschosse berechnet wurden, obwohl außer dem Erdgeschoss keine Böden und Decken mehr vorhanden waren, und man vom Eingang bis in den Himmel schauen konnte. Ein bisschen wie Havanna heute. Doch dann kamen mutige Investoren aus Mallorca, vom Festland und aus dem europäischen Ausland, die den Kampf gegen ein schlafmütziges Rathaus aufnahmen und viel Geld in die Hand nahmen (sehr viel Geld, denn das Bauen in der Altstadt ist teuer: Lkws können die Baustelle nicht anfahren, Kräne kann man nicht aufstellen, usw.), um Palma wieder im alten Glanz erscheinen zu lassen. Aber, die Struktur der Eigentümer und Mieter änderte sich, und viele der kleinen Geschäfte gaben auf.
Die Zeiten ändern sich, auch im Einzelhandel
Nun wird immer wieder vom Sterben der alten Traditionsgeschäfte geschrieben und beklagt, dass die Gentrifizierung schuld sei, die auch die alten Kunden verdränge. Oder die Gier der Eigentümer, deren Mietforderungen den kleinen Unternehmern nicht mehr die Luft zum Atmen ließen. Das mag teilweise zutreffen. Aber sind das wirklich die Gründe für die Aufgabe von Traditionsgeschäften, die über Generationen in der Hand einer Familie lagen? Analysiert man die Gründe für die Aufgaben von Traditionsgeschäften ergibt sich ein differenziertes Bild: Viele der alten Betreiber bekennen ehrlich, dass oft andere Gründe im Vordergrund stehen: Da ist zunächst das bisherige Warenangebot: Vor hundert Jahren mag es eine gute Geschäftsidee gewesen sein, Nähgarne und Knöpfe zu verkaufen, oder Eisenwaren oder Miederwaren oder Fächer oder Flechtkörbe oder Bedarf für die Schule. Die Geschäfte liefen über Generationen gut, versperrten aber oft den Blick auf Innovationen und Aktualisierung des Angebots. Ja, und was ist mit den Mieten? Man ist erstaunt, wie viele der alten Betreiber Eigentümer der Immobilie waren und sind und deshalb Jahrzehnte gar keine Miete zahlten, jetzt aber nach der Geschäftsaufgabe einen Mieter suchen, der nicht nur das Geschäft saniert, sondern auch den Alteigentümer. Oft haben auch Familienmitglieder für kleines Geld im Geschäft mitgearbeitet. Hätte man Miete und Angehörige zahlen müssen, hätte das Geschäft schon vor Jahren Konkurs anmelden müssen. Jede Medaille hat zwei Seiten!
Nostalgie bezahlt keine Rechnungen
Man muss leider das Fazit ziehen: Es macht keinen Sinn, aus nostalgischen Gründen Geschäfte offenzuhalten, die allenfalls als Museum dienen können, aber nicht wirtschaftlich zu betreiben sind. Ich bin aber sehr gern und immer wieder Kunde oder Gast im kleinen Einzelhandel, der Tradition in der alten Kulisse und zeitgemäße Produkte fortführt, z.B. in einer Chocolateria, einem historischen Café, einem Geschäft mit Weinen und Ölen usw. Ein Einkauf dort bietet Käufern mit Leidenschaft einen Spaßfaktor, der beim Online-Handel nicht aufkommt.
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