Meinung | Mein erstes Mal auf Mallorca
Wie Mallorquiner All-inclusive machen
Als MZ-Kolumnist Michael Wrobel mit einer Gruppe mallorquinischer Freunde ein verlängertes Wochenende in einem All-inclusive-Hotel in Alcúdia verbrachte, glaubte er, den größten Widerspruch der Insel zu erleben. Stattdessen lernte er, dass Mallorquiner selbst aus einem Touristenhotel noch ein Stück Mallorca machen.

Blick auf eine All-inclusive Hotelanlage. / Michael Wrobel
Es gibt auf Mallorca Dinge, die auf den ersten Blick einfach nicht zusammenpassen. Zum Beispiel Mallorquiner und ein All-inclusive-Hotel. Schließlich gilt gerade diese Urlaubsform für viele als Sinnbild des Massentourismus. Und über den wird auf Mallorca seit Jahren intensiv diskutiert.
Umso überraschter war ich, als unsere Freunde Caty und Pep fragten, ob wir nicht mit einer größeren Gruppe für ein verlängertes Wochenende nach Alcúdia fahren wollten. In ein Vier-Sterne-All-inclusive-Hotel.
Ich war neugierig. Nicht auf das Hotel, sondern auf die Mallorquiner. Würden sie sich dort überhaupt wohlfühlen? Spoiler: Ich lag komplett daneben.
Erst einmal zum Mittagsbuffet
Kaum hatten wir eingecheckt, bewegte sich unsere Gruppe mit beeindruckender Zielstrebigkeit Richtung Mittagsbuffet. „Komm“, sagte Pep. „Wir schauen erst einmal, was es alles gibt.“ Aus diesem „erst einmal schauen“ wurde eine erstaunlich gründliche Bestandsaufnahme: Welches Fleisch gibt es? Wie sieht das Dessertbuffet aus? Und wann öffnet eigentlich die Snackbar?
Bezahlt war schließlich alles. Also wurde auch alles genutzt. Frühstück, Mittagessen, Eis, Kaffee, Cocktails an der Poolbar und natürlich das Abendbuffet – ausgelassen wurde nichts.
Trotzdem fiel mir schnell auf, dass meine mallorquinischen Freunde das Hotel ganz anders nutzten als viele Urlauber. Beim Frühstück landeten kaum exotische Speisen auf den Tellern. Stattdessen wurden die Brotscheiben ganz selbstverständlich zu pa amb oli umfunktioniert – mit Tomaten, Olivenöl und Schinken. Der Kaffee am Mittag wurde nicht einfach schwarz getrunken, sondern mit einem Schuss Amazona von der Bar verfeinert. Man war schließlich auf Mallorca.
Ein Wochenende auf der eigenen Insel
Fast noch spannender war aber etwas anderes. Während viele Gäste das Personal kaum wahrnahmen, entwickelte sich zwischen unseren Freunden und den Hotelangestellten schnell eine ganz andere Atmosphäre. Es wurde gelacht, gescherzt und erzählt – fast so, als würde man sich schon seit Jahren kennen. Ich hatte den Eindruck, dass sich beide Seiten darüber freuten. Die einen, einmal Landsleute zu bewirten. Die anderen, ein Wochenende auf ihrer eigenen Insel zu verbringen – ohne kochen, einkaufen oder abspülen zu müssen.
Am Nachmittag machten wir einen Spaziergang rund um das Hotel. Plötzlich waren meine mallorquinischen Freunde keine Hotelgäste mehr, sondern Fremdenführer. Hinter jeder Kurve gab es etwas zu erzählen. „Ist das nicht schön?“, fragte Pep immer wieder. „Ja, so schön ist Mallorca.“
In diesen Momenten wurde mir klar: Sie machten hier keinen Urlaub auf ihrer Insel. Sie genossen sie einfach. Und sie waren sichtlich stolz darauf, sie mit uns teilen zu können.
"Urlaub machen wir hier ja nicht"
Am Abend wurde schließlich gefeiert. Offiziell gab es zwar ein Animationsprogramm. Tatsächlich übernahm unsere mallorquinische Clique den Job. Es wurde getanzt, gesungen und gelacht. Irgendwann gehörte die Tanzfläche uns. Die Animateure hatten plötzlich erstaunlich wenig zu tun, während die übrigen Hotelgäste das bunte Treiben eher staunend beobachteten.
Irgendwann fragte ich Pep, ob das für ihn kein Widerspruch sei. Auf der einen Seite die Diskussionen über den Massentourismus, auf der anderen Seite ein Wochenende im All-inclusive-Hotel. Er musste kurz überlegen. „Nein“, sagte er schließlich. „Urlaub machen wir hier ja nicht. Wir verbringen einfach Zeit miteinander.“ Dieser Satz blieb mir im Kopf.
Vielleicht liegt genau darin der Unterschied. Meine mallorquinischen Freunde fuhren nicht nach Alcúdia, um Urlaub auf Mallorca zu machen. Sie fuhren dorthin, um gemeinsam Zeit miteinander zu verbringen. Das Hotel war die Kulisse. Und das All-inclusive-Bändchen am Ende nur die Eintrittskarte dazu.
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