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Meinung | Insel(t)räume

Zwischen Berlin und Mallorca: Wenn deutsche Ruhe auf spanische Lautstärke trifft

Eine S-Bahn-Fahrt vom Flughafen in die Berliner Innenstadt wird für MZ-Kolumnistin Sophie Mono zur kleinen Lektion über Lautstärke, Gelassenheit und die Unterschiede zwischen Deutschland und Mallorca

Auch bei der Nutzung von Handys gibt es überall kulturelle Unterschiede.

Auch bei der Nutzung von Handys gibt es überall kulturelle Unterschiede. / UPF

Donnerstagvormittag, erster Urlaubstag in Berlin. Die S-Bahn vom Flughafen in die Stadtmitte ist gut besetzt. Müde vom Hinflug aus Palma schaue ich aus dem Fenster. Stelle mir vor, wie es wohl sein mag, hier zu wohnen. Nah am Puls der Zeit, Metropole – aber so wenig Meer, so wenig Mallorca.

“Hallo“, höre ich es kreischen und schrecke aus meinen Gedanken auf. “Hallo“, tönt es noch einmal. Dieselbe durchdringende Frauenstimme, ein paar Sitze weiter. Mittfünfzigerin, adrett gekleidet, strenge Gesichtszüge. “Reden Sie doch noch etwas lauter, ich habe noch nicht alles verstanden”, blafft sie in schneidendem Ton weiter. Erst langsam verstehe ich, an wen sich ihr Sarkasmus wendet: Ein Mann in den Vierzigern, dunkle Augen, dunkle Haare, dunkler Bart, telefoniert. Lautstark? Mag sein – mir ist es jedenfalls nicht aufgefallen. Kein Wunder: Einen voluminösen Geräuschpegel im öffentlichen – und privaten – Raum bin ich aus Spanien mehr als gewohnt.

Der Mann schaltet ganz bewusst auf stur

Anders als diese Stimme, die schneidend, überheblich und anmaßend zur Ruhe mahnt. Die kommt mir auf Mallorca im Alltag nicht so oft unter. Der Mann drückt auf seinem Handy herum. Kurz denke ich, er will auflegen, sich der Maßregelung geschlagen geben. Stattdessen ertönt aus dem Lautsprecher des Smartphones plötzlich auch die Stimme seiner Gesprächspartnerin. Unschuldig blickt der Mann seine Angreiferin an.“ „Unglaublich“, keift die Mittfünfzigerin und spitzt den Mund, um ihre Worte auch szenisch zu untermalen. Mittlerweile hat sie die Aufmerksamkeit des ganzen Abteils auf sich gezogen. “Schon ein drei- oder vierjähriges Kind weiß, wie man ein Handy richtig bedient. Sie haben gerade den Lautsprecher angemacht. Soll ich ihnen jetzt etwa auch noch zeigen, wie der ausgeht?” Während sie noch ein bisschen weiter keift und er sich weiter auf dumm stellt, muss ich grinsen.

Nach einem Besuch auf Mallorca würde die Dame wohl ganz anders reagieren

Wie schön es doch wäre, diese Dame einmal auf der Insel begrüßen zu dürfen. Zunächst, denke ich, würde ich sie mitnehmen auf einen Kaffee in der Dorfkneipe. Ob sie es wohl schaffen würde, sich bei all den Peps, Joans und Jorges Gehör zu verschaffen, die während ihres zweiten Frühstücks das aktuelle Insel- und Weltgeschehen gleichzeitig zu kommentieren pflegen, ohne auf Lautstärke zu achten oder darauf zu achten, dass ihre Meinungen untergehen, wenn alle auf einmal reden?

Dann würde ich mit ihr zum Spielplatz gehen, wo die Juanas, Marias und Antonias dieser Insel sich so viel zu erzählen haben, als hätten sie gerade eine Weltreise hinter sich - und dabei gerne auch mal vom einen Ende des Parks zum anderen brüllen.

Als krönenden Abschluss würde ich die gutbürgerliche Deutsche in einen waschechten Chiquipark führen. Kindergeburtstag à la española. Und wenn 60 kleine Paus, Leos und Llucias gleichzeitig schreien, heulen, singen und feiern, während sich ihre 120 Eltern auf engstem Raum über Kindermusik hinweg angeregt unterhalten und jegliche Skalen der Lärmpegelmessgeräte sprängen, dann würde die Dame sich vermutlich zurückwünschen in jenem S-Bahn-Abteil bei Berlin. Wo es doch eigentlich recht ruhig zuging, bevor sie losgelegt hat.

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