Meinung
Mallorca am Limit – aber Handschellen gibt es nur für Aktivistinnen
Es ist bezeichnend für den Zustand der Insel, für welche Vergehen man in Handschellen abgeführt wird und welche ungeahndet bleiben, findet Matías Vallés

Redaktion MZ
Seit Mai hatten wir kein Auge mehr zugetan. Doch seit vergangener Nacht können wir endlich wieder ruhiger schlafen: Zwei junge Graffiti-Sprayerinnen wurden in Handschellen einem Richter vorgeführt, weil sie Immobilienbüros beschmiert haben. Zweifellos handelt es sich um verwerflichen Vandalismus, der mit aller Härte bestraft gehört.
Am besten legt man schon einmal weitere Handschellen für all jene Mallorquiner bereit, die es wagen zu bestreiten, dass der Tourismus und der stückweise Verkauf der Insel Wohlstand für alle geschaffen haben. Oder zumindest für fast alle – so genau führen wir darüber schließlich nicht Buch.
Über die Handschellen dürfte sich sicher auch jener Immobilienmagnat gefreut haben, den das Landgericht von Palma zu 15 Jahren Haft verurteilt hatte, der aber auf freiem Fuß blieb und anschließend flüchtete. Er wurde damals nicht in Handschellen gelegt, weil wir offenbar zu sehr mit den Anschlägen von Santa Maria beschäftigt waren. Damit wäre also klargestellt: Handschellen sind aufmüpfigen jungen Frauen vorbehalten.
Wer alles nicht in Handschellen abgeführt wird
Denn es gibt weitere Ausnahmen:
- Nie wurden die größten korrupten Politiker von PP oder UM in Handschellen abgeführt, obwohl sie Mallorca Millionen Euro gekostet haben.
- Nie wurden die immer zahlreicher werdenden Urheber von Immobilienbetrug in Handschellen abgeführt.
- Nie wurde ein "Deutsch-Schwede" in Handschellen abgeführt, weil er den Mallorquinern öffentliche Wege wegnahm, indem er sie mit einem Vorhängeschloss absperrte.
- Nie wurde jemand in Handschellen abgeführt, der ohne Genehmigung gebaut und Mallorca damit unwiederbringlich geschädigt hat.
- Nie wurde ein Unternehmer in Handschellen abgeführt, der sich mallorquinischen Boden aneignete, um dort eine Restaurant-Terrasse zu betreiben, für die er nichts bezahlt, und der obendrein noch das Mobiliar auf der Straße stehen lässt.
- Nie wurde ein umweltzerstörerischer Immobilienunternehmer in Handschellen abgeführt, der mit zahlreichen illegalen Ferienvermietungen Geld verdient.
- Nie wurde der Kapitän einer Yacht in Handschellen abgeführt, weil er das Meer der Balearen durch die Entsorgung von Abwässern unwiederbringlich geschädigt hat.
- Nie wurden wegen Kindesmissbrauchs verurteilte Priester in Handschellen abgeführt.
Erst gestern schrieb der mallorquinische Musiker Joan Miquel Oliver in einem Interview mit der MZ-Schwesterzeitung "Diario de Mallorca" gewissermaßen ein Graffiti: „Der Tourismus ist eine Plage.“ Eine Aussage, der ich zustimme, obwohl sie mir noch viel zu nachsichtig erscheint. Bald wird ein solcher Satz verboten sein. Oder besser noch: mit Handschellen belohnt werden.
Schlafen Sie gut.
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