Meinung | Insel(t)räume
Was man in Sommernächten auf Mallorca über seine Nachbarn erfährt
Tropennacht, offene Fenster, keine Privatsphäre: In spanischen Städten bekommt man im Sommer oft mehr vom Leben der Nachbarn mit, als einem lieb ist findet MZ-Kolumnistin Sophie Mono

Bei der Sommer-Hitze auf Mallorca kann man kaum schlafen. / Nele Bendgens
Es ist Nacht, es ist heiß – und es ist laut. Jetzt, wo sich wieder eine Tropennacht an die andere reiht, ist sie wieder da. Diese Nähe zum Nachbarn, die oftmals größer ist, als man sich vorzustellen gewillt ist. Der andere so nah, dass man sich selbst teils ganz weit weg wünscht. Denn alle haben abends die Fenster auf, hoffen auf einen kleinen Luftzug, der kühler ist als 30 Grad. Und alle teilen so ungefiltert ihre Privatsphäre mit jedem anderen im Umkreis.
Es sind Sommernächte voller Geschichten. Insiderwissen über die von nebenan, von obendrüber, von untendrunter – oder von allen durcheinander. Klar: In weitläufigen Fincas kann einem das nicht passieren. Da sind es nur die Grillen, die einem Nacht für Nacht vor dem Fenster einen erzählen. Doch jeder, der hier in Spanien nähere Nachbarn hat, weiß, wovon ich rede.
Das Fenster des Mini-WG-Zimmers entpuppt sich als ungewollte Luke zur Welt der Nachbarn
Erinnerung, Sommer 2012, Erasmus-Semester in Madrid. Ich lebe mittendrin im Zentrum, zwischen der Puerta del Sol und der Gran Vía. Minikleines WG-Zimmer, in dem man sich kaum umdrehen kann – aber immerhin: mit Fenster. Schön ruhig, nach hinten raus, in den Innenhof, pries die Vermieterin bei der Besichtigung an. Von wegen!
21 Uhr. Es dämmert langsam. Zeit für die Spanier, mit dem Kochen loszulegen. Ein Potpourri aus Gerüchen wabert durchs Fenster. Bratfett, Knoblauch, Kräutermischungen. Warum einfach Abendbrot essen, wenn's auch was Frittiertes sein kann? Dann die Fernseher. Primetime ist in Spanien nicht um 20.15 Uhr, sondern um 22 Uhr, nach den Hauptnachrichten. Oben läuft ein Thriller, schräg gegenüber eine spanische Sitcom, unten eine pseudo-investigative Doku-Reportage. Mitternacht. Manche Fernsehgeräte sind mittlerweile aus, dafür geht es bei den Nachbarn jetzt zwischenmenschlich heiß her. Beim Pärchen oben in einvernehmlichen Gleichklang im knarzenden Bett, bei der Familie gegenüber in erbitterten Streitereien. Besonders schön: Die Architektur des typischen spanischen patio formt einen akustisch einwandfreien Schall – damit man auch bloß keinen Laut verpasst.
Egal in welcher spanischen Stadt man schläft - langweilig wird es nicht
Andere Erinnerung, Sommer 2015, mein erster Sommer in Palma. Wieder eine WG, diesmal mit einem größeren Zimmer zur Plaça Paris nahe des Escorxador raus. Kein Radio patio diesmal – aber dennoch Nachbarn in Höchstform. Bis heute weiß ich nicht, wie der vom Balkon nebenan eigentlich aussieht. Auch über Lärm kann ich mich bei ihm wirklich nicht beschweren. Nur dass er täglich mehrere Kilo Marihuana hinter seiner Sichtschutzwand wegquarzt, daran besteht kein Zweifel – geruchsdicht ist sie nämlich nicht. Für die stimmige Geräuschkulisse der Sommernacht sorgen hier die Andalusier von untendrunter, die auf ihrem Balkon allabendliche Familienzusammenführungen zu veranstalten scheinen. Nicht zu vergessen ein Herr von irgendwo rechts, der stundenlang am Handy hängt und gar nicht aufhören kann zu reden. Dass immer mal wieder auch andere Körpergeräusche zu hören sind – darauf gehen wir gar nicht weiter ein.
Ja, spanische Sommernächte - sie sind lang, heiß, manchmal zum Haareraufen. Nur eines sind sie ganz sicher nicht: langweilig. In diesem Sinne: ¡Buenas noches!
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