Meinung | Insel(t)räume
Sie kommt, schweigt – und verändert alles: Eine Begegnung mit Madó Farta
Mit einem Schild und einer Totenkopfmaske zieht Madó Farta schweigend über den Marktplatz von Capdepera. Der Auftritt wirkt unheimlich und unpassend, doch ihre Botschaft beschäftigt MZ-Kolumnistin Sophie Mono auch danach: Ist das die Zukunft, die Mallorca wirklich will?

Schnappschuss von Madò Farta bei ihrem Besuch in Capdepera / Sophie Mono
Samstagabend, Capdepera, Mitte Juli. Die Außentische der Restaurants am Marktplatz sind gut besucht. Einheimische, Urlauber, Mallorquiner, Ausländer – eine bunte Mischung. Alle sind gut drauf. Sommerstimmung wie aus dem Bilderbuch.
Und dann kommt sie. Noch bevor ich sie sehe, spüre ich ihre Anwesenheit. Von einem auf den anderen Moment schlägt die kollektive Stimmung um. Madó Farta ist da. Traditionelle mallorquinische Bauerntracht, dazu eine Totenkopfmaske. Still schreitet sie die Tische entlang. Von einem Tisch zum nächsten. In der Hand ein Plakat mit der handgeschriebenen Aufschrift “És el que volem? Salvem Mallorca“ („Ist es das, was wir wollen? Retten wir Mallorca?“). Ein groteskes Bild in diesem Idyll.
Eine Symbolfigur mit Totenmaske
Madó Farta, sie ist eine symbolische Figur, die für den stillen Protest gegen das vom Tourismus beherrschte Wirtschaftsmodell auf der Insel steht. Ich brauche einen Moment, um mich daran zu erinnern, dass ich genau das vor Kurzem in der MZ gelesen habe. Denn in letzter Zeit taucht Madó Farta immer wieder irgendwo auf der Insel auf. Bei der Demo am Es Trenc, in Palmas überfüllter Altstadt, an Urlauber-Partymeilen...
Jetzt also auch hier. Im beschaulichen Capdepera. Das nie so einladend wirkt, wie an lauen Sommerabenden wie heute. Bis sie kam.
Ich beobachte die unheimliche Gestalt. Extra nah geht sie an den Restaurantgästen vorbei. Nicht schnell, nicht langsam. Aber so, dass alle hinsehen. Die Mehrheit der Leute scheint keine Ahnung zu haben, was hinter der Erscheinung steckt – die Urlauber verstehen ja nicht einmal ihr Schild. Doch ihre Ausstrahlung spürt jeder. Ernsthaft, ablehnend, aber auch aggressiv?
Einige gaffen und holen ihre Handykameras hervor. Andere senken unangenehm berührt den Blick. Wieder andere fangen boshaft an zu tuscheln. Spanier. “Ernsthaft? Was soll das denn? Die machen die Insel noch kaputt mit ihren Protesten gegen den Tourismus“, höre ich es vom Nachbartisch zischen – eine Gruppe Anwohner. “Die ist gruselig“, kommentiert mein Sohn. Er ist sechs. Ich kann ihn verstehen. Dann ist sie auch schon wieder weg. “Total unpassend“, keift ein Kellner hinterher.

„Überfülltes Mallorca, vertriebene Anwohner“: Madó Farta bei einem ihrer Auftritte. / Joan Mora
Der schöne Schein trügt, auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen
Ja, irgendwie schon. Tourismusproteste, schön und gut – aber warum gerade hier und heute, wo doch alles so ist, wie es sein sollte? Oder besser: Wo alles so zu sein scheint, wie es sein sollte? Ich denke an meine Angst vor der nächsten Mieterhöhung. An die befreundete Familie, die von Capdepera aufs Festland ziehen musste, weil sie hier keine Wohnung gefunden hat. Und die neuen Luxusappartements, die überall entstehen, die sich aber keiner von hier leisten kann. An unsere geringen Gehälter, die es uns nur noch so selten erlauben, genau das zu tun, was wir gerade tun: auswärts essen zu gehen.
Ich denke an das Schild. “Ist es das, was wir wollen?” Ihre Erscheinung mag provokant, ja unpassend sein. Aber sie ist auch zielführend. “Ich hoffe, dass die Menschen einen Moment innehalten. Dass sie sich eine Frage stellen”, sagte Madó Farta neulich in einem Interview. Innehalten, nachdenken – bei mir hat das geklappt. Eine Unterbrechung, nicht angenehm, aber nachhaltig. Genau so, wie Protest sein sollte.
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