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Meinung | Der ganz normale Wahnsinn

„Das nennt man Sommer“: Warum ich diesen Satz nicht mehr hören kann

Das Schlafzimmer glüht, das Mittelmeer erreicht Badewannentemperatur – und Erinnerungen an frühere „Supersommer“ sollen beweisen, dass alles schon immer so war. MZ-Kolumnist Ingo Wohlfeil über Hitze, Klimawandel-Leugnung und wachsenden Pessimismus

Hitzewelle auf Mallorca: So kühlen sich die Menschen auf der Insel ab

Hitzewelle auf Mallorca: So kühlen sich die Menschen auf der Insel ab / Clara Margais/dpa

Mein Schlafzimmer liegt unter dem Dach. Es hat keine Klimaanlage. Ohne Durchzugsmöglichkeit. Das ist eine Herausforderung. Schon morgens heizt sich die Luft im Raum auf über 30 Grad auf. Schlafen funktioniert dann nicht mehr allzu gut. Vier, fünf Stunden sind es maximal pro Nacht. Und das auch nur dank zweier Ventilatoren. Vielleicht noch etwas Siesta anhängen im klimatisierten Wohnzimmer am Tage. Die Konsequenzen dieses Schlafentzugs sind Fahrigkeit, Dauermüdigkeit, Schlappheit. Ich bin unausgeglichen und auch schnell reizbar. Und das geht nun schon seit zweieinhalb Monaten so.

Aber vielleicht bilde ich mir das mit der Rekord-Hitze auch nur ein. Rekord und Hitze in Wortkombination scheinen Teilen der Bevölkerung nicht mehr vermittelbar zu sein. Schnell werden die Augen allwissend verdreht: „Das nennt man Sommer“, werde ich aus jeder Ecke des Internets angebrüllt. Hitzewellen, wie es sie noch nie in der Form gegeben hat? „Das nennt man Sommer." Das Meer kocht bei 33 Grad? „Das nennt man Sommer."

Erinnerungsverfälschung oder Konfabulation?

Wichtig ist dabei keine wissenschaftliche Expertise, sondern ein Gefühl, dass die Sommer damals mindestens genauso krass waren. 1968, 1976, 1983, 1997. Jede Generation hat eine genaue Erinnerung an ihren eigenen Super-Sommer, der den jetzigen gleich dreimal in die Tasche steckt. Und auf Mallorca war es schon immer heiß. Muss man wissen, wenn man hier im August Urlaub macht. Ich bewundere die menschlichen Eigenschaften wie Ignoranz und die Fähigkeit zur eigenen absoluten Wahrheit, um unbequeme Erkenntnisse zur Seite zu schieben.

Die lautstarke Leugnung des menschengemachten Klimawandels ist dabei die Ausgangsposition, um die eigene intellektuelle Überlegenheit zu demonstrieren und die faktische Wahrheit auszublenden.

Übersterblichkeit durch Hitze? Hätten sie mal die Klimaanlage angemacht! Ausgetrocknete Flussbetten in ganz Deutschland? Ist ja nicht das erste Mal! Der nächste Regen kommt bestimmt. Ausgefallene Ernten? Schuld der Regierungsparteien!

Ich nehme diese Begründungen mittlerweile allesamt widerspruchslos hin. Ich bin des Diskutierens mit Realitätsverweigerern müde. Auf meiner Blockliste in den sozialen Medien ist die Gruppe der Klimawandel-Leugner größer als die der „Xavier Naidoo hat recht“ -Fraktion.

Endzeitstimmung statt Freude über den Hochsommer stellt sich ein

Ich denke an meine fünfjährige Tochter. Und welche Welt ihr hinterlassen wird. Es wird wohl keine sein, in der der Sommer der fröhlich herbeigesehnte Höhepunkt des Jahres ist. Ich bin vollumfänglich pessimistisch und sehe eine Mad-Max-Dystopie vor mir. Das ist ja auch auf Dauer nicht gut für die Psyche.

Und deshalb sollte ich mir vielleicht dringend ein Beispiel nehmen an Menschen, die mir erzählen, wie toll das Mittelmeer mit Badewannentemperatur ist. Nichts Neues. Schließlich wurde das Mittelmeer schon vor 50 Jahren als Badewanne bezeichnet. „Das nennt man Sommer!“ Wie recht sie alle haben!

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