Meinung | Mein Mallorandum
Mallorca-Blackout: Ein kaputtes Auto, ein verschollener Abschlepper und die Rettung durch zwei Kölsch
Spezialbrillen, Snacks und beste Laune: Eigentlich wollten wir in Colònia de Sant Jordi nur die totale Sonnenfinsternis erleben. Dann brach die Antriebswelle. MZ-Kolumnist Mirko Perković erzählt wie anstatt aus zwei Minuten Dunkelheit sechseinhalb Stunden Abenteuer wurden

Während der totalen Sonnenfinsternis in Colònia de Sant Jordi. / Mirko Perković
Die totale Sonnenfinsternis am 12. August. Das Jahrhundertereignis über Mallorca. Magische Momente! Meine Freundin, ihr zweijähriges Kind und ich – nur wir drei. Ziel: Colònia de Sant Jordi. Wir haben alles dabei: Spezialbrillen, Snacks, Spitzenlaune. Zwei Minuten Dunkelheit wollen wir sehen. Was wir bekommen? Sechseinhalb Stunden.
Denn noch bevor sich die Sonne verdunkelt, erleben wir unseren privaten Blackout. Beim Einbiegen auf den Parkplatz: ein Bordstein in Puig-de-Massanella-Dimensionen, ein hässliches Knirschen. Ein Schlag. Stillstand. Diagnose: Antriebswelle gebrochen. Das Automobil? Alles, nur nicht mehr mobil.
Warteschleifen, Verkehrschaos und Verzweiflung statt kosmische Magie
19.00 Uhr. Der Countdown läuft. Versicherung anrufen. Warteschleife, Klaviermusik, „Ihr Anruf ist uns wichtig.“ Nach gefühlt drei Sommerurlauben eine Stimme: Ein Abschleppwagen kommt, um 20.30 Uhr. Über uns beginnt genau zu diesem Zeitpunkt das Spektakel: Die Sonne verschwindet. Die Vögel verstummen. Die Temperatur fällt, Tausende jubeln, applaudieren, filmen. Die Dunkelheit kommt. Der Abschlepper nicht. Er steht in Llucmajor, vierzig Kilometer entfernt – treudoof in einer Straße, die genauso heißt wie unsere. Missverstanden fühle ich mich ja eh seit Stunden. Man möchte lachen. Man kann nicht mal mehr weinen. Also: neuer Anruf, neuer Abschlepper, neues Glück.

Der langersehnte Abschleppdienst ist endlich da. / Mirko Perković
Jetzt fehlt nur ein Taxi ins ferne Cala Ratjada. Leichter gesagt als getan, wenn gefühlt ganz Europa nach Colònia gepilgert ist. Die Straßen verstopft, die Apps tot, die Taxizentrale dauerbesetzt – und das Handynetz geht streckenweise auch nicht. Es ist zum Verzweifeln.
Die Kleine hält sich heldenhaft. Einmal, ganz leise: „Nach Hause gehen?” Dann teilt sie ihre Reiskekse mit uns. Bei uns Erwachsenen steigt der Puls. Im Minutentakt. Als unsere Nerven die Kernschmelze erreichen, finden wir Asyl: Wir stranden im „Strandkorb“ bei Andreas. Er fragt nicht lange und stellt Kölsch auf den Tisch. Das erste Licht des Abends. Dann noch eins. Die Korona der Sonne ist schön – die Krone auf dem Glas schöner.
Während die Eclipse-Touristen im Dauerstau hupen, wird aus einer Panne so langsam eine Anekdote. So funktioniert Andreas’ Pinte. So funktioniert Mallorca. 01.30 Uhr. Scheinwerfer. Ein Freund sammelt uns ein, ohne zu meckern, quer über die Insel. Das Kind schläft auf Mamas Arm. Die Sonne ist heute zwei Minuten weg. Na, und? Solange man Freunde hat, sehe ich bestimmt nicht schwarz!
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