Meinung | Insel(t)räume
Ich dachte, ich leide am Smartphone-Syndrom – bis zu dieser Begegnung in Cala Ratjada
Was passiert, wenn digitale Gewohnheiten längst stärker sind als gedacht? Eine persönliche Geschichte von MZ-Kolumnistin Sophie Mono über Papierfotos, Orientierung in Cala Ratjada und den Griff zum Smartphone

Unser Leben ist mittlerweile komplett digital - das ist normaler Alltag / Monika Skolimowska/dpa
Letztens ist es mir passiert. Ich war selbst überrascht. Und peinlich berührt. Aber Leugnen bringt ja nichts. Ich betrachtete eine Fotocollage, auf die mehrere kleine Bilder gedruckt waren. Und ganz wie von selbst, ferngesteuert geradezu, näherten sich mein Daumen und mein Zeigefinger einem der kleinen Fotos, berührten es und spreizten sich dann. Einmal vergrößern, bitte. Hilfe, das Smartphone-Syndrom! Die Touchscreen-Toxikose! Da lästere ich über die Kinder anderer Leute, die mit Bildschirmen statt Büchern durch die Welt gehen – und dann das! Ich, die Papier-Präferentin, die alles Digitale mehr erträgt als trägt, fange an, analoge Fotos großziehen zu wollen. Was ist nur los mit mir?
Meine Wegbeschreibung in Cala Ratjada ist plötzlich ziemlich altmodisch
Wenige Tage später: Ich laufe durch Nebenstraßen in Cala Ratjada. Plötzlich spricht mich ein Pärchen an. Sie: knallrotes Dekolleté, abgestimmt auf Schultern selbiger Farbe. Er: Sandige Füße und Sonnenhut auf dem Kopf. Touristen, wie sie im Buche stehen. Normalerweise hat man ja nicht viel direkten Kontakt zu ihnen. Selbst in einem Küstenort nicht, in dem ihre Präsenz den gesamten Rhythmus des Dorfes bestimmt. Diese beiden Exemplare jedoch steuern direkt auf mich zu.
“Entschuldigung“, sagt sie ganz selbstverständlich auf Deutsch. “Können Sie uns vielleicht helfen, den Weg zu unserem Hotel zu finden?” Warum fragen eigentlich immer die Frauen nach dem Weg und nie die Männer, denke ich noch bei mir – ohne dass mir aufgeht, dass mich schon seit Ewigkeiten niemand mehr nach irgendeinem Weg gefragt hat. Tatsächlich lasse ich mir den Namen der Unterkunft nennen. Ganz sicher bin ich mir nicht, ob es das Hotel ist, das ich meine. Also fange ich an, sie nach Anhaltspunkten zu fragen, die möglicherweise in der Nähe sein könnten. Eroski-Kreisverkehr? Son-Moll-Strand? Hafen?
Genau wie ich scheinen auch die beiden orientierungstechnisch eher ungenügend als mangelhaft gestrickt zu sein. Wieder überlege ich, komme zu dem Schluss, dass es mir so ist, als hätte ich besagte Unterkunft nahe der Cala Agulla wahrgenommen, und beginne umständlich, den recht weiten Weg dorthin zu erklären. Die beiden machen Gesichter, als wenn jedes “rechts” und “links” und “wieder rechts” sie eigentlich nur noch mehr verwirren würden.
Wenn Google Maps dann doch die beste Lösung ist
Plötzlich halte ich inne. In meinem Kopf macht es Klick. Und ich fange an zu lachen. Ernte noch verwirrtere Blicke. Und dann, endlich, zücke ich mein Smartphone. Da stimmen auch meine beiden Urlauber ins Gelächter mit ein, schlagen sich an die Stirn und greifen ebenfalls zu ihren internetfähigen Mobiltelefonen. Und geführt von Google Maps ziehen sie friedlich zum Hotel. Ganz unkompliziert und ganz ohne meine Hilfe.
Irgendwie tat das mal ganz gut, denke ich mir danach. Das Gefühl zu haben, im Hier und Jetzt zu sein, bei Menschen, die mich um einen Gefallen bitten. Den Kopf anstrengen zu müssen – und die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, sich vollkommen zu vertun mit dem, was man dem Gegenüber da gerade erzählt. Andererseits: Google Maps ist eindeutig eine kompetentere Navigationshilfe als ich. Und ja: Ein Touchscreen ist ganz schön praktisch, wenn das Foto mal wieder viel zu klein abgebildet ist.
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