Angst, Hoffnung, Stolz – wie die Ukrainer auf Mallorca den Konflikt erleben

Während viele um ihre Angehörigen bangen, sind sie angesichts der Solidarität der Menschen auf der Insel beeindruckt

Die Kirche der ukrainischen Gemeinde gleicht einer Lagerhalle.

Die Kirche der ukrainischen Gemeinde gleicht einer Lagerhalle. / Nele Bendgens

Hannah Turlach

Kristina Krutiy kann kaum fassen, welche Hilfsbereitschaft die Menschen auf der Insel an den Tag legen. Die junge Frau aus der Ukraine, die seit fünf Jahren an der Südostküste von Mallorca lebt, steht am Eingang der Kirche der ukrainischen Gemeinde an der Playa de Palma und hat alle Hände voll zu tun, die Menschen einzuweisen, die mit Taschen, Beuteln und Kartons anrücken. „Das geht seit dem Wochenende quasi ohne Pause durch“, sagt Krutiy und nimmt einen Zug aus ihrer E-Zigarette. Sie ist nervös, aber zugleich dankbar. Und sie hat Angst.

Angst um Angehörige

Um ihre Familie in der Ukraine, vor allem um ihren Vater, der in einer Vorstadt von Kiew ausharrt und sich Tag für Tag in eine schier endlose Schlange von Männern einreiht, die sich freiwillig beim Militär melden und ihre Heimat an der Waffe verteidigen wollen. „Er muss jeden Abend unverrichteter Dinge wieder abziehen, weil es einfach zu viele Männer sind. Und es zu wenige Waffen gibt“, erzählt Krutiy. Macht sie sich denn keine Sorgen um ihren Vater? „Doch, natürlich. Aber sein Herz wird ihm sagen, was das Richtige ist. Ich bin unendlich stolz auf ihn und alle anderen Männer, die die Ukraine verteidigen wollen.“

Widerstand in der Ukraine

Es sei ein sinnloser Krieg, den niemand wolle außer dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. Aber es sei auch ein Krieg, der die Ukrainer zusammenrücken lasse. „Die Menschen stellen sich in den Dörfern komplett unbewaffnet Panzern in den Weg. Andere wiederum suchen alte Glasflaschen und bauen daraus Molotowcocktails, die sie den Angreifern entgegenwerfen“, erzählt Krutiy. Ihre Mutter sei durch einen U-Bahn-Tunnel zum Bahnhof geflohen und nahe der rumänischen Grenze bei ihrer Tochter untergekommen. „Da ist sie sicherer, dort wird weniger gekämpft“, sagt sie. Und fügt ein „zumindest momentan“ an. Im U-Bahn-Tunnel habe ihre Mutter Frauen gesehen, die dort ihre Kinder zur Welt brachten.

Hilfsaktionen für die Heimat

In der Kirche an der Playa de Palma, die derzeit einer Lagerhalle gleicht, feierte die ukrainische Gemeinde noch am Donnerstagabend (24.2.), dem Tag des russischen Angriffs, einen Gottesdienst – in den folgenden Tagen angesichts der sich dort stapelnden Medikamente, Kleidung, Lebensmittel und Haushaltsgeräte kaum vorstellbar. Der Pfarrer der Gemeinde, Iván Milian, musste vor allem beruhigen. „Die Menschen haben große Angst. Aber ich habe auch Hoffnung. Gemeinsam wollen wir versuchen, unserer Heimat zu dienen.“

Forderungen an die Europäische Union

Laut Zahlen des Spanischen Statistikinstituts INE leben auf den Balearen 2.135 Ukrainer. Wie wenig sich viele von ihnen vom Westen erwarten, wurde beim Gottesdienst auch deutlich. So etwa Gala Kurnat. „Ich wünsche mir, dass eine europäische Armee einmarschiert und die Ukrainer befreit. Aber ich weiß auch, dass das nicht passieren wird.“ So richtet sich Kurnats Hoffnung zumindest auf die Wirkung der Sanktionen. „Es kann nicht wie 2014 sein, als die Maßnahmen Putin nicht direkt trafen.“

So ähnlich sieht das auch Krutiy. Es sei prinzipiell schön, dass die europäischen Länder ihre Heimat mit Worten und Sanktionen gegen Russland unterstützten, aber sie erhofft sich ein deutlich stärkeres militärisches Engagement in der Region. „Wir brauchen mehr Waffenlieferungen aus Europa, sonst funktioniert das nicht.“ Kurz darauf sagt sie mit ernstem Blick: „Die Ukrainer werden nicht aufgeben, nie.“

Demonstrationen für Frieden in Palma

Diesen Eindruck konnte man auch bei der Demonstration bekommen, den die ukrainische Familienvereinigung am Freitagabend (25.2.) in Palma organisierte. Auf der Plaça d’Espanya in Palma versammelten sich rund 500 Menschen verschiedener Nationalitäten, um gegen die russische Invasion zu demonstrieren. Sie forderten ein Ende der Gewalt und den Beitritt der Ukraine zur NATO.

Bei der bewegenden Demonstration sangen Bürger verschiedener Nationalitäten gemeinsam die ukrainische Hymne und wiederholten auf Ukrainisch, Spanisch und Englisch Ausrufe wie „Putin-Mörder“. Sie hielten Demo-Plakate mit Slogans wie „Stoppt den Krieg“ oder „SOS Ukraine“ hoch, oder auch: „Bitte helft uns, den Himmel, die Erde und uns zu schützen.“ Einige Demonstranten hatten Tränen in den Augen.

Inzwischen sind zahlreiche Menschen in der Ukraine auf der Flucht, die Balearen-Regierung hat angekündigt, Geflüchtete aufnehmen zu wollen und dafür Herbergen und das weitgehend leere Corona-Hotel bereitzustellen.

Wie das Zusammenleben von Ukrainern und Russen auf Mallorca funktioniert

Auf den Balearen sind auch gut 2.000 Russen gemeldet, was bedeutet der Krieg für das Zusammenleben? Davon berichten kann ein Angestellter im osteuropäischen Supermarkt „Gastronom Food Shop“, wo beim MZ-Besuch eine betrübende Stille den Raum füllt. Vor 15 Jahren sei er nach Spanien bekommen, so der Ukrainer, der anonym bleiben möchte. „Auf der Suche nach einem besseren Leben, so wie vieler meiner Landsleute auch.“ Der 40-Jährige ist mit einer Russin verheiratet, hat zwei Kinder. Der Konflikt spiele bei ihnen zu Hause keine Rolle. „Wir schauen natürlich alle besorgt auf die Situation in der Ukraine. Aber wir schauen genauso besorgt auch auf andere Konflikte. Niemand möchte, dass Leute umkommen.“ In seinem Viertel, Arxiduc, gebe es zwar eine Handvoll Mallorca-Russen, die den Einmarsch befürworteten. Er selbst kenne nur wenige. „Aber Nationalisten gibt es überall, egal ob in der Ukraine, Russland oder in Spanien“, erzählt er. „Eigentlich will niemand Krieg, wofür auch? Mehr Geld? Ein größeres Territorium?“

Wenig Hoffnung auf Deeskalation

Er selbst hat nur noch wenige Angehörige in der Ukraine. Die Eltern seiner Frau leben in Zentralrussland. „Die bekommen aber genauso viel vom Krieg mit wie du und ich auch, dafür leben sie zu weit von der Grenze entfernt“, erklärt er. Hoffnung auf eine Entspannung der Situation habe er nicht. „Das ist erst der Anfang, es wird noch schlimmer werden“, sagt er.

Hilfe auch für russische Soldaten

An der Playa de Palma unterdessen sollen ab jetzt jeden Tag Transporter von der Insel an die polnisch-ukrainische Grenze fahren und dort die Spenden abgeben. „Vor allem werden Medikamente gebraucht, Antibiotika, Schmerzmittel“, sagt Kristina Krutiy, inmitten der zahlreichen Kisten. „Und wir sammeln nicht nur für Ukrainer, sondern wollen auch verletzte russische Soldaten damit versorgen. Das sind 18, 20 Jahre junge Männer, die wollen doch eigentlich auch nicht kämpfen.“

Selbst mithelfen

Wer sich an der Hilfsaktion für die Ukraine beteiligen will, der kann derzeit täglich von 9 bis 20 Uhr Medikamente, Lebensmittel, Kleidung und andere Dinge in die Kirche im Carrer Bartomeu Xamena, 30, in 07610 Palma bringen.

Benötigt werden dringend auch Fahrzeuge zum Transport von Hilfsgütern.