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Rätselraten auf Mallorca: So seltsam werden Schüler jetzt benotet

Das Bildungsgesetz LOMLOE bringt eine ganz neue Art von Zeugnissen mit sich – und die sind äußerst erklärungsbedürftig

Ziemlich umstellen müssen sich Schüler und Lehrer seit diesem Jahr bei der Benotung der Leistungen. Bernardo Arzayus

Kurz vor Weihnachten gibt es die ersten Zwischenzeugnisse der Ära LOMLOE. So heißt das Bildungsgesetz, das seit diesem Schuljahr in Spanien gilt, zunächst nur in den ungeraden Jahrgängen. Vor allem die Benotung der Schülerinnen und Schüler hat es in sich, viele Eltern dürften weitgehend ratlos vor den bis zu zehnseitigen Berichten über die Leistungen ihrer Kinder sitzen.

Ein zentrales Anliegen des Gesetzes ist, dass die Schüler nicht mehr nur für ihre Prüfungsleistungen benotet werden, sondern dass Lehrerinnen und Lehrer in die Bewertung auch andere Aspekte aufnehmen sollen. So gibt es keine herkömmlichen Noten mehr; die einzelnen Fächer werden in verschiedene Kompetenzen aufgeteilt. Jedes Fach besteht aus einer Anzahl an Kompetenzen, die die Schülerinnen und Schüler im Laufe eines Schuljahres erwerben sollen. „Die Zahl der Kompetenzen ist vom spanischen Bildungsministerium vorgegeben“, erklärt eine Sprecherin des balearischen Bildungsministeriums – genau wie ihre Bezeichnungen.

Schulen können Stellenwert der Kriterien selbst entscheiden

So heißt eine der Kompetenzen aus dem Fach Englisch etwa „Sich in interkulturellen Situationen empathisch und respektvoll verhalten“ oder in Geschichte „Die vorrangigen Probleme, die die Gesellschaft betreffen, identifizieren, bewerten und Interesse dafür aufbringen“.

Bewertet werden diese Ober-Kompetenzen anhand von sogenannten Kriterien. Jede Kompetenz setzt sich aus einer festgelegten Zahl an Kriterien zusammen, die einen bestimmen Prozentsatz der Bewertung ausmachen – je nach Wichtigkeit. Um den Schulen mehr Autonomie zuzugestehen, kann jede Einrichtung selbst entscheiden, welchen Stellenwert sie welchem Kriterium zukommen lässt.

Bewertungen werden fortlaufend eingepflegt

Die Kriterien werden mit den folgenden Bezeichnungen bewertet: „Completamente“, also vollständig, „Mayoritariamente“, also zum Großteil, „Suficiente“, also ausreichend, „Poco“, also zu einem kleinen Teil, oder „Nada“, also gar nicht. Die Bewertungen können die Eltern der öffentlichen und halbstaatlichen Schulen dann in der Plattform GestIB des Bildungsministeriums abrufen. Und das ständig, da die Bewertungen fortlaufend eingepflegt werden. Je weiter das Schuljahr fortschreitet, desto mehr Kriterien werden bewertet sein.

So sehen die Bewertungen im Portal GestIB aus. MZ

Ein Beispiel: Der oben abgebildete Screenshot von GestIB stammt von einer Schule aus dem Nordosten von Palma. Darauf ist zu erkennen, dass beispielsweise im Fach Matemáticas, also Mathematik, 23 einzelne Kriterien bewertet werden. In der katalanischen Sprache und Literatur sind es 21 und in Sport 13 Kriterien. Welche Kriterien das genau sind, wird in einem rund zehnseitigen Anhang an das Deckblatt erklärt.

Bericht ist schon "für spanische Muttersprachler kaum zu verstehen"

Wer über eher wenige Spanisch- oder Katalanischkenntnisse verfügt, dürfte aufgeschmissen sein. „Dieser Bericht ist sogar für spanische Muttersprachler kaum zu verstehen“, kritisiert Miquel Àngel Guerrero von der Elternvertretung FAPA auf Mallorca. Die Formulierungen seien für Normalsterbliche viel zu technisch gehalten.

„Hier muss nachgebessert werden, die Kriterien müssen in den kommenden Jahren verständlicher formuliert werden“, sagt Guerrero, der im Prinzip mit den Zielen der LOMLOE konform geht. „Wir finden es gut, dass die Kinder und Jugendlichen nicht mehr stur nach Noten, sondern nach ihren Kompetenzen bewertet werden.“

Wer sich nicht zu tief in die Bewertungen der Kinder einfuchsen möchte, der sollte sich an einer Farbskala orientieren, mit denen die einzelnen Fächer gekennzeichnet werden. Das Fach bekommt die Farbe Grün, wenn die meisten Kriterien positiv bewertet werden, die Farbe Gelb, wenn hier und da noch ein wenig Nachholbedarf besteht, und die Farbe Rot, wenn großer Nachholbedarf besteht. Die klassischen Noten von 1 bis 10 gibt es nur noch am Schuljahresende in den Abiturklassen. In der Mittelstufe ESO und in der Grundschule werden im Jahreszeugnis die Bewertungen schriftlich vergeben.

Lehrer tun sich bei der Bewertung schwer

Diese Neuerungen haben vor allem auch die Lehrer zum Schuljahresstart kalt erwischt, wie Aurora Martín (Name geändert) der MZ erzählt. Die Spanischlehrerin an einer öffentlichen Schule beklagt, dass sie in ständigem Bewertungsstress steht, um die Schüler in allen vorgeschriebenen Kriterien zu bewerten. „Und häufig geht das kaum, weil inzwischen vor allem Gruppenarbeiten erledigt werden. Da ist schwer zu erkennen, was der oder die Einzelne dazu beigetragen haben.“

FAPA-Direktor Miquel Àngel Guerrero appelliert genau wie die Sprecherin des Bildungsministeriums an die Eltern, sich in der ersten Zeit aufgrund der neuen Bewertungen nicht verrückt machen zu lassen. „Das Ganze muss erst einmal anlaufen, Schüler, Lehrer und Eltern müssen sich daran gewöhnen“, sagt Guerrero. Bei großer Unsicherheit oder elementaren Fragen sollten Eltern das Gespräch mit der Schule suchen.

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