Stadt Palma hält jetzt doch an Pferdekutschen fest - dabei hätte Alcúdia eine Lösung

In Alcúdia sollen die von Tierschützern kritisierten Gefährte schon bald durch E-Kutschen ersetzt werden. Nicht so in der Balearen-Hauptstadt: Hier will das konservative Rathaus zur Freude der Kutscher von den Plänen der Vorgänger nichts mehr wissen

Die Kutschfahrten führen in Palma durch die engen Gassen der Altstadt.  | FOTO: MANU MIELNIEZUK

Die Kutschfahrten führen in Palma durch die engen Gassen der Altstadt. | FOTO: MANU MIELNIEZUK

Simone Werner

Simone Werner

José Antonio Salazar ist schon jetzt wehmütig: Die diesjährige Saison wird sehr wahrscheinlich die letzte sein, in der der Kutscher (calesero) seine Pferde bei seiner Arbeit um sich hat. Die Gemeinde Alcúdia will als erste auf Mallorca von herkömmlichen galeras auf Elektrokutschen umstellen. Wenn alles gut geht, könnten die in Valencia beim Unternehmen Beer Bike Spain in Auftrag gegebenen galeras eléctricas schon im September fertig sein. „Allerdings könnte es dann noch eine Weile dauern, bis sie auf der Insel sind“, sagt Salazar, der mit Pferden aufgewachsen ist und sich schon in dritter Generation als Kutschfahrer seinen Lebensunterhalt verdient.

Aktuell besitze er eine Kutsche und sechs Pferde. „Ich werde sie verkaufen müssen und sehr vermissen. Schließlich kosten die neuen Elektrokutschen inklusive Mehrwertsteuer und Transport von Valencia nach Mallorca um die 30.000 Euro. Es ist eine große Investition. Viele von uns müssen dafür einen Kredit aufnehmen oder ihre ganzen Ersparnisse opfern“, erzählt Salazar. Subventionen, etwa vom Rathaus von Alcúdia, gebe es keine.

Eine der Pferdekutschen, die in der Gemeinde Alcúdia verkehren.

Eine der Pferdekutschen, die in der Gemeinde Alcúdia verkehren. / José Antonio Salazar

In Sorge erwartet

Auch wenn es so klingen könnte, wenn man dem 39-Jährigen zuhört: Seine Kollegen und er wurden nicht zur Umstellung auf Elektrokutschen gezwungen. Es waren die caleseros selbst, die sich mit dem Anliegen an das Rathaus wandten, wie auch die zuständige Gemeinderätin Azahara Machado bestätigt. Grund seien die zunehmenden Beschwerden von Menschen gewesen, die die Touristenattraktion als Tierquälerei empfinden. „Die Kutscher haben keine Lust mehr, wegen ihrer Arbeit angefeindet zu werden“, sagt Machado.

Zu dem Sinneswandel des Kutscher beigetragen habe auch die Tatsache, dass immer strengere Auflagen für Kutschfahrten an heißen Tagen gelten. „Durch den Klimawandel und die häufigeren Hitzewellen sind die Kutschen immer weniger im Einsatz“, sagt Machado. Wenn der spanische Wetterdienst Aemet gelbe, orange oder rote Hitzewarnungen ausspricht, muss der Kutschverkehr aussetzen.

Zehn von acht Kutschen sollen ersetzt werden

In Alcúdia chauffieren zehn Pferdekutschen die Urlauber herum. In Auftrag gegeben worden seien aber bisher nur acht Elektrokutschen, weiß Machado. „Der Plan ist, dass alle ausgetauscht werden, wenn die neuen Gefährte erst einmal zugelassen sind. Doch manchen Kutschern bereitet die Umstellung Sorgen. Sie wollen erst einmal abwarten und schauen, wie es bei den Kollegen funktioniert“, weiß die Lokalpolitikerin.

Auch Salazar hat seine Kunden zuletzt immer wieder gefragt, ob sie auch in Elektrokutschen einsteigen würden. Die Antworten waren ernüchternd. „Bisher hat keiner ‚Ja‘ gesagt. Es sind die Pferde, die das Erlebnis besonders machen, da die Gäste selbst keine haben“, ist er sich sicher. „Mit Pferdekutschen sind uns Kunden garantiert. Ob wir mit Elektrokutschen auch welche haben, ist äußerst ungewiss“, sagt Salazar besorgt.

Eine Elektrokutsche.

Eine Elektrokutsche. / José Antonio Salazar

Ganz anderes Fahrerlebnis

Schon für den Kutscher selbst sei das Fahrerlebnis mit einer Elektrokutsche ganz anders als mit einer durch Pferde betriebenen. „Ich fand es beim Probefahren in Valencia seltsam. Es fühlt sich an, wie wenn man ein herkömmliches Fahrzeug fährt. Zudem fehlen die Geräusche.“ Auch seien die Elektrokutschen mit 25 km/h schneller unterwegs als die Pferdekutschen, sagt José Antonio Salazar, der den Wechsel nur mitmacht, da es seine einzige Möglichkeit ist, weiter seiner Arbeit nachgehen zu können.

Optimistischer und auch stolz blickt die zuständige Stadträtin in die Zukunft. „Wir freuen uns darauf, auf unseren Straßen bald Elektrokutschen zu sehen und damit Pionierarbeit geleistet zu haben.“ Elektrokutschen sind in Spanien schon seit Jahren im Gespräch. Bisher gebe es aber noch keine offiziell zugelassenen. „Ich bin mir sicher, dass langfristig überall von Pferdekutschen auf Elektrokutschen umgestellt wird“, so Machado.

Palma zieht nicht mehr mit

In Palma allerdings sieht es bisher nicht danach aus. Arenal miteingerechnet, sind hier 28 Pferdekutschen unterwegs, mehr als irgendwo anders auf der Insel. Eigentlich sollte es sie schon bald nicht mehr geben. Das von einer Linkskoalition geführte Rathaus hatte im Juli 2022 beschlossen, die Pferdekutschen bis 2024 aus der Stadt zu verbannen und sie durch Elektrokutschen zu ersetzen. Zuvor hatte es einen Aufschrei der Empörung gegeben, als zum wiederholten Male ein Pferd auf der Straße zusammengeklappt war.

Die Pferdekutschen in Palma de Mallorca sind umstritten

Die Pferdekutschen in Palma de Mallorca sind umstritten. / Archiv

Einstige Pläne erst einmal verworfen

Seit einem Jahr regieren nun aber im Rathaus die konservative Volkspartei (PP) und die rechtsextreme Partei Vox. Sie haben die Pläne der Vorgänger erst einmal verworfen. „Derzeit ist der Einsatz von Elektrokutschen nicht geplant“, bestätigt ein Sprecher der Stadtverwaltung auf MZ-Anfrage. Stattdessen wolle man den Kutschbetrieb strenger überwachen und kontrollieren, um Tierquälerei auszuschließen und sicherzustellen, dass die Pferde unter einwandfreien hygienischen Bedingungen gehalten werden.

In der Praxis bedeute dies etwa, dass die Kutscher per tierärztlichem Attest nachweisen, dass ihre Tiere alle vorgeschriebenen präventiven Behandlungen bekommen haben und geimpft sind. Zudem müssten die Pferde an ihrem Geschirr die Lizenznummer tragen, und die Hufeisenbogen dürften nur aus Gummi sein. Auch Pferdekutschen, die aktuell nicht in Betrieb sind, müssten sich der Revision unterziehen. Jeder Verstoß gegen die Vorschriften werde sanktioniert, betont der Sprecher. Gegen zwei Kutschfahrer sei 2024 bereits ein Verfahren eingeleitet worden.

Bußgelder in Höhe von bis zu 1.800 Euro

Auch in Palma dürfen die Kutschen, wenn der Wetterdienst eine Hitzewarnstufe ausgegeben hat, nicht verkehren. Im Gegensatz zu früher gelte dies nicht nur bei Warnstufe Orange und Rot, sondern auch bei Gelb (ab 36,5 Grad), so der Sprecher. Bei Verstößen drohen Bußgelder in Höhe von bis zu 1.800 Euro.

Kutscher Venancio Vargas ist zwar erleichtert, dass er nicht auf Elektrokutschen steigen muss, findet die Vorgaben zur Warnstufe Gelb aber zu streng. „Die Warnstufe gilt oft für den ganzen Süden Mallorcas. Wenn es also in Sant Elm besonders heiß ist, dürfen wir auch in Palma nicht einmal die kurze Standard-Route durch die schattigen Gassen im Zentrum fahren. Dabei besteht dort kein Risiko“, kritisiert er. Im Gegensatz zu den Kutschern in Alcúdia wollten die caleseros in Palma die Umstellung auf Elektrofahrzeuge in jedem Fall verhindern.

„Es stimmt, dass die Pferdehaltung hohe Kosten für Nahrung und Tierarzt sowie viel Arbeit mit sich bringt. Wir sehen es aber nicht nur als Geschäft, sondern als unseren Lebensstil“, sagt der 22-Jährige weiter. Er sei schon mit den Kollegen in Alcúdia im Gespräch, um ihnen die Pferde abzukaufen. „So retten wir sie hoffentlich vor dem Schlachter.“