Allein im „Paradies“: So vertrackt ist die Situation der minderjährigen Bootsmigranten auf Mallorca
Die Betreuung jugendlicher Bootsmigranten hat eine spanienweite Krise ausgelöst. Die Minderjährigen, die aus Nordafrika über den Seeweg auch an der balearischen Küste ankommen, brauchen Hilfe. Doch die Behörden sind häufig überfordert

Zahlreiche Boote, mit denen Migranten ankamen, in Son Tous. / Bernardo Arzayus
„Eine Reportage? Jetzt nicht“, sagt eine Sozialarbeiterin freundlich, aber bestimmt und versperrt demonstrativ die Eingangstür des ehemaligen Nonnenkonvents, als die MZ unangekündigt an die Tür klopft. Ein hochgewachsener Teenager mit rundem Gesicht steckt neugierig den Kopf heraus und setzt ein sympathisches Lächeln auf. In dem historischen Gebäude mitten im Ort, zwischen Mehrfamilienhäusern und Hotels, nur wenige Hundert Meter vom Hafen von Cala Ratjada auf Mallorca entfernt, werden derzeit etwa ein Dutzend Menas untergebracht – jene minderjährigen, unbegleiteten Einwanderer, deren weitere Versorgung aktuell eine spanienweite Polit-Krise ausgelöst hat.
Menas, das steht für menores extranjeros no acompañados. Für junge Menschen, die ohne gültige Papiere, meist in kleinen Booten, die gefährliche Überfahrt vom afrikanischen Kontinent nach Spanien wagen, um in Europa Fuß zu fassen. Anders als erwachsene Migranten können die Minderjährigen nicht einfach abgeschoben werden. Zuständig ist für sie der Consell der Insel, auf der sie erstmals aufgegriffen werden – im Fall der Menas in Cala Ratjada der Inselrat von Formentera. Dort seien sie Anfang des Jahres bei ihrer Ankunft entdeckt worden, so ein Sprecher des Consell de Formentera im März zur MZ. Trotz mehrfacher Anfrage lehnt die Behörde eine Reportage vor Ort ab und beschränkt sich auf ein Minimum an Information: Da auf Formentera kein Platz war, habe man die jungen Menschen im März in das ehemalige Nonnenkloster in Cala Ratjada gebracht. Zum Alter, der genauen Zahl oder dem Betreuungsschlüssel im Zentrum will man sich nicht äußern.
Überforderte Behörden
Insgesamt 306 Menas sind aktuell in der Obhut der balearischen Inselräte, verteilt auf verschiedene Zentren – etwa 650 Prozent zu viele, um eine angemessene Betreuung zu ermöglichen, klagte die balearische Sozial- und Familienministerin Catalina Cirer bei einem spanienweiten Krisentreffen auf den Kanaren Mitte vergangener Woche.
Trotzdem wurden den balearischen Behörden nun zehn weitere Menas von den Kanaren anvertraut, die mit der Aufnahme der jungen Menschen ohnehin schon überfordert sind. Die Ressourcen sind gering, die Gelder knapp. Immerhin: Für die Aufnahme der zehn Menas, die von den Kanaren übersiedeln, bekommen die Balearen knapp 530.000 Euro von der spanischen Zentralregierung.
Doch die Lage ist vertrackt: Zwar ist der Migrationsfluss auf die Balearen im Vergleich zu den Kanaren gering. Dennoch kommen jede Woche, zuweilen täglich auch auf den spanischen Mittelmeerinseln neue Boote mit Menschen an, die ohne Erlaubnis von Algerien aus übersetzen. Allein in der vergangenen Woche waren es laut der Delegation der Zentralregierung auf den Balearen 399 Menschen. Immer wieder sind darunter auch Minderjährige, die aus den verschiedenen afrikanischen Ländern stammen. Vergangene Woche wurden 34 gezählt – wobei nicht alle ohne Begleitung unterwegs waren. „Auch die Balearen sind eine Migrationsroute“, mahnte Ministerpräsidentin Marga Prohens in der Diskussion mehrmals an. Dies müsse bei der Verteilung der Menas bedacht werden.
Vorurteile von rechts
Das Thema ist heikel, und das nicht nur auf politischer Ebene. Dass die rechtsextreme Partei Vox heftig für die Schließung der Betreuungszentren der Menas kämpft, um „die Sicherheit der Bevölkerung zu garantieren“, schürt Vorurteile und die Angst vor der angeblichen Bedrohung, die laut den Rechtsextremen von den oft traumatisierten Jugendlichen ausgehen soll. Gleichzeitig trägt die – wenn auch wohl gut gemeinte – Abschirmung der Menas durch die Inselräte nicht dazu bei, Vorurteile abzubauen. In Cala Ratjada etwa ist die Präsenz der Jugendlichen seit Wochen ein Aufregerthema im Dorftratsch. Die Gerüchte über angebliche Pöbeleien und Ruhestörungen seitens der Menas erhitzen die Gemüter und nehmen teils gefährlich pauschale Färbungen an. Fakten gibt es dagegen wenige – und sowohl die Ortspolizei als auch das Rathaus wollen sich trotz mehrfacher MZ-Anfrage nicht zum Thema äußern.
„Stell dir vor, du bist ein Kind ohne Besitz und kommst nach Algerien, weil du aus Elend oder Krieg in deinem Heimatland geflüchtet bist. Du erwartest dort das Paradies, aber findest es nicht. Was würdest du tun“, fragt Sidhmad. Er ist einer der wenigen ehemaligen Menas, der sich traut, mit der Presse zu sprechen – wenn auch ohne seinen echten Namen zu nennen. Auch er selbst wagte einst die Überfahrt und hat eine Zeit lang in einem der Betreuungszentren auf Mallorca gelebt. Rückblickend empfindet er den Aufenthalt als positiv für seine Entwicklung. „Je mehr dieser Zentren es gibt, desto besser. Die Menschen dort sind Kinder. Sie brauchen jemanden, der ihnen den rechten Weg weist“, findet er. Stigmatisierungen oder Ablehnung seitens der Bevölkerung führten hingegen zum Gegenteil.
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