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Mit Schüssen vertriebene Migranten: Wie die Behörden in Cala Ratjada versagten

Attacke auf ein Heim mit jungen Migranten in Cala Ratjada: Die Spannungen bauten sich seit Monaten auf. Dass sie sich nun entluden, hat auch mit Unvermögen der Behörden zu tun

In diesem Heim waren die Migranten untergebracht.

In diesem Heim waren die Migranten untergebracht. / Biel Capó

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Sophie Mono

Sophie Mono

Es klingt wie aus einem schlechten amerikanischen Film: Unbekannte schießen aus einem Auto heraus mit einer Schrotflinte mehr als ein Dutzend Mal auf ein Jugendheim, flüchten dann, und werden von der Polizei verfolgt. Tatsächlich passierte genau das vergangene Woche in Cala Ratjada auf Mallorca. Es ist der traurige Höhepunkt eines lange schwelenden Konflikts, aber auch ein symbolträchtiger Beweis dafür, wie die Integration Schutzsuchender auf Mallorca derzeit scheitert.

Schon im Juli berichtete die MZ über das Aufnahmezentrum für "Menas", also jene minderjährigen unbegleiteten Migranten, die von Algerien aus auf die Balearen übersetzen, um hier eine bessere Zukunft zu finden, und deren Schutz unlängst zu einem spanienweiten Bruch der konservativen Volkspartei PP mit der rechtsextremen Vox führte. Zur Erinnerung: Seit gut einem halben Jahr sind 15 Menas in einem ehemaligen Nonnenkonvent in Cala Ratjada untergekommen. Zuständig für ihr Wohlergehen ist offiziell der Inselrat von Formentera, da die jungen Leute dort aufgegriffen wurden. Auf der kleinen Nachbarinsel Ibizas war aber kein Platz für ihre Unterbringung.

Es ist kein Geheimnis, dass die zuständigen Sozialdienste von Formenteras Inselrat, die aktuell auch noch ohne offizielle Leitung dastehen, von Anfang an mit der Situation überfordert waren. Statt offensiv Integrationspolitik zu betreiben, wurden die Jugendlichen in dem Areal mitten im Urlaubsort abgeschottet. Ein gefundenes Fressen für jene Anwohner, die schon Stimmung gegen die angeblich „schwierigen“, wenn nicht sogar „kriminellen“ Migranten machten, bevor diese überhaupt ihren Fuß über die Ortsgrenze setzen konnten. Beidseitige Distanz statt Annäherung hinsichtlich der Eingliederung ins Dorf also – und dazu eine wohl ungenügende Betreuung der jungen Menschen im Zentrum selbst. All das ist ein Nährboden für Rassismus, so auch in Cala Ratjada.

Heuchlerische Betroffenheit

Schon im Juli sammelten Anwohner rund 400 Unterschriften, um zu erreichen, dass die Jugendlichen an einem anderen Ort untergebracht werden. Irgendwo – Hauptsache, nicht vor der eigenen Haustür. Das Rathaus von Capdepera schloss sich dieser Forderung an, wenn auch ohne öffentliche Stellungnahme.

Letztlich hat sich das „Problem“ dann außerinstitutionell „gelöst“. Eine Gruppe von Anwohnern – man munkelt gitanos, also jene, über die gutbürgerliche Mallorquiner, Deutsche und Festlandspanier im Ort sonst auch gerne herziehen – geriet wohl am Dienstag (13.8.) mit einigen der Algerier wegen eines geklauten Rollers in Streit. Zu ähnlichen Vorfällen und Auseinandersetzungen, gar regelrechten Hetzjagden, war es in den vergangenen Wochen auch in Palma gekommen. In Cala Ratjada sollen zunächst Morddrohungen gegen die Migranten gefallen sein. Die Schüsse fielen dann am Mittwoch. Der Ortspolizei zufolge war es wohl eine Racheaktion der erzürnten Roma.

Natürlich gibt man sich im Ort angesichts der Ballerei angemessen betroffen. Schusswaffen, das gehe ja dann doch zu weit, typisch gitanos eben!, heißt es in den Bars. Gut, dass niemand verletzt wurde! Mittlerweile ist ein Großteil der Migranten tatsächlich anderswo untergebracht worden. Zu ihrem eigenen Schutz, heißt es.

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