Prostitution auf Mallorca: "Freiwillig macht das niemand. Es ist eine bestialische und grausame Welt"
Laut einer neuen Studie gibt es auf den Balearen den spanienweit höchsten Anteil an Prostituierten. Viele Frauen werden dazu gezwungen. Schlepper ködern sie mit falschen Versprechen und nutzen ihre Not dann schamlos aus

Eine Prostituierte liegt in einem Bett. / dpa
Die Geschichte könnte so gehen: Eine junge Frau in Kolumbien hat drei Jobs und bekommt dafür monatlich umgerechnet 350 Euro. „Mit dem Geld hält sie sich kaum über Wasser. Die Inflation hat auch vor Südamerika nicht haltgemacht“, sagt Jaume Perelló, Mitarbeiter vom Casal Petit in Palma. Die junge Frau wird schwanger, der Vater des Kindes macht sich aus dem Staub. Sie reduziert ihr Arbeitspensum aus Zeitmangel auf einen Job, das Gehalt sinkt auf 120 Euro. „Dann ist der Punkt erreicht, dass sie sagt: Es reicht. Ich wandere aus. Just in dem Moment gerät sie an die falschen Leute“, sagt Perelló. Die Kolumbianerin endet als Zwangsprostituierte auf Mallorca. Casal Petit ist eine der Organisationen, die sie aus den Fängen des mafiaähnlichen Menschenhändlerrings zu befreien versucht.
In den 80er-Jahren war das Barrio Chino in Palmas Altstadt das große und bekannte Rotlichtviertel. Heute sind nur noch wenige Frauen übrig geblieben, die auf den Straßenstrich rund um die Porta de San Antoni gehen. Jaume Perelló schätzt ihre Zahl auf 45 Prostituierte über das Jahr verteilt. Die Prostitution findet heutzutage hauptsächlich in Privatwohnungen und Clubs statt, wie etwa direkt in der sogenannten Schinkenstraße an der Playa de Palma. Nicht wenige der Freier sind Urlauber. „Es gibt auf Mallorca einen regelrechten Sextourismus“, sagt Perelló. „Von November bis Mai ist wenig los. Dafür umso mehr im Sommer. Viele Frauen kommen von den Kanaren oder aus Murcia und nehmen die Urlaubssaison mit.“
Die Balearen liegen an der Spitze
In den kommenden Wochen will das spanische Gleichberechtigungsministerium eine große Studie zur Prostitution im Land veröffentlichen, die es in diesem Format in Europa noch nie gegeben haben soll. Erstmals werden konkrete Zahlen genannt. „Wovon man nicht redet, existiert gefühlt nicht“, sagte die zuständige Ministerin Ana Redondo bei einer Vorstellung einer Zusammenfassung der Studie im September. „Es ist daher wichtig, dass wir Zahlen von dieser Schattengesellschaft bekommen, an die wir für gewöhnlich nur schlecht rankommen.“
Was die Quote an Prostituierten je 10.000 Frauen angeht, liegen die Balearen auf dem ersten Platz. 121 Prostituierte sind mehr als doppelt so viele wie der spanische Durchschnitt (56). Bei der Gesamtzahl an Prostituierten liegen die Inseln weiter hinten. Die Spitzenplätze gehen an Katalonien (34.759) und Madrid (20.549). 51 Prozent der Frauen kommt aus Lateinamerika – die meisten aus Kolumbien, es folgen Brasilien und Venezuela. 16 Prozent der Prostituierten sind Europäerinnen, bei 29 Prozent ist das Herkunftsland unklar. Zu den fehlenden 4 Prozent gibt es in der Zusammenfassung keine Auskunft.
Um an die Daten heranzukommen, werteten die Forscher mit künstlicher Intelligenz 654.000 Inserate im Internet aus. 114.576 Frauen konnten identifiziert werden, bei 92.496 besteht der Verdacht, dass sie einem Menschenhändlerring angehören. Das sind 80 Prozent. Bei 9.000 Frauen gebe es eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit. Die Forscher fanden beispielsweise eine Telefonnummer, unter der 363 unterschiedliche Prostituierte angeboten wurden.
Eine MZ-Anfrage zur Erläuterung der Forschungsmethoden lehnte das Ministerium ab. Feministinnen kritisierten bereits, dass die Daten von Online-Anzeigen für eine wissenschaftliche Arbeit übernommen wurden, ohne sie kritisch zu hinterfragen. Denn niemand könne wissen, ob Alters- oder Herkunftsangaben den Tatsachen entsprechen. Werbung lüge bekanntermaßen. „Neuheit, Verfügbarkeit, Exotik, beschriebene Charakterzüge, angebotene Leistungen und Fotos“, werden als Gründe in der Studie aufgeführt, warum laut den Forschern eine Frau wohl zur Prostitution gezwungen wird. Sehr aufschlussreich ist das nicht.
„Gehe lieber zum Psychologen“
Es ist keine leichte Aufgabe, als Journalist an Prostituierte heranzukommen. Die Organisationen in Palma rücken keine Kontakte raus. Zu schwierig sei es, das Vertrauen der Frauen zu gewinnen, zu schlecht die Erfahrungen mit der Presse. „Als ich mal einen Journalisten auf einen Rundgang mitnahm, sprach sich das so schnell rum, dass alle Frauen vor uns wegliefen“, sagt Jaume Perelló.
Die Kaltakquise übers Internet ist knifflig. Zehn Frauen schreiben wir über eine der zahlreichen Anzeigenseiten im Internet an, lediglich drei antworten. Da wäre Camilita. Laut Website eine 21-jährige Latina. Eine Stunde 150 Euro, die halbe 80 Euro. Bei „sauberen“ Freiern würde sie es auch ohne Kondom machen. „Niemand wird einem Fremden seine Geschichte erzählen“, schreibt sie. Nicht einmal für Geld. „Wenn ich reden will, gehe ich zum Psychologen.“ Eine ähnliche Absage erteilt Estrella, eine angeblich 25-jährige Kolumbianerin. Für 60 Euro gibt es die halbe Stunde mit ihr. Küssen auf den Mund, ohne Kondom und „Golden Shower“ sind drin. „Für 60 Euro verkaufe ich aber nicht meine Geschichte“, schreibt sie und antwortet nicht mehr. Eine Abfuhr gibt es auch von Sophia, einer 26-Jährigen aus Kolumbien.
Um auf die Lage der Frauen aufmerksam zu machen, veröffentlichte Casal Petit eine Doku, in der drei Zwangsprostituierte zu Wort kommen. „Du bist wie eine Puppe, die rund um die Uhr verfügbar sein muss“, erzählt die 26-Jährige Valentina aus Venezuela. „Als ich auswandern wollte, kam ein Mann auf mich zu und zeigte mir einen Weg. Es war wie ein Fenster in die Freiheit.“ Es führte ins Verderben.
Valentina teilte sich eine Wohnung mit einer Leidensgenossin. „Die war eingerichtet wie eine Diskothek. Überall hingen Kameras. Ich durfte nur zwei Stunden am Tag rausgehen. Und dann musste ich permanent meinen Standort per WhatsApp teilen.“ Valentina erzählt, wie sie von den Freiern vergewaltigt wurde. „Sie haben mir mitunter Drogen eingeflößt. Einer verrichtete sogar sein großes Geschäft auf mir.“ Als einer der Männer ihre Mitbewohnerin ermordete, zog sie die Reißleine und ging zur Polizei.
Erpressung und Vodoo
Warum nicht schon eher? Für die Hilfe, sie nach Spanien zu schleusen, stellt die Schleppermafia den Frauen einen hohen Betrag in Rechnung. „Die Hintermänner ködern sie mit Kellnerjobs und einem tollen Leben auf Mallorca. Die Frauen wissen nicht, wo sie ankommen. Nach ein, zwei Monaten sind die Ersparnisse weg“, sagt Jaume Perelló. Dann geht die Erpressung los. Die Frauen sollen ihre Schulden zurückzahlen. „In Kolumbien sucht das Netzwerk gerne das Haus der Mutter auf oder schickt Fotos, wie das Kind die Schule verlässt.“ Die Opfer landen auf der Druck der Mafia hin in der Prostitution. „Freiwillig macht das niemand. Es ist eine bestialische und grausame Welt“, sagt Valentina.
„Oft hat mich die Polizei gerettet“, sagt die ebenfalls 26-Jährige Amina aus Benin in der Doku. „Sie fragten mich immer, wer mir das antut. Ich habe aber geschwiegen. Denn wer soll meine Familie in der Heimat beschützen? Da gibt es so viele korrupte Polizisten.“ Nicht nur mit Gewalt gegen Familienmitglieder würden Afrikanerinnen erpresst. „Den sehr religiösen Frauen wurde eingetrichtert, dass ein Hexenmeister einen Vodoo-Zauber über sie legt, wenn sie nicht nach der Pfeife der Menschenhändler tanzen“, sagt Jaume Perelló. Zumal die Mafia gerne auch droht, die Damen bei der Polizei anzuzeigen, die sie dann abschieben würde. „Das ist aber eine Lüge. Solange die Frauen keine Straftat begehen, können sie in Spanien bleiben“, sagt Jaume Perelló. Wobei die Gesetzeslage den Kriminellen unter die Arme greife. „Um einen Ausweis zu bekommen, müssen die Frauen drei Jahre im Land leben. Der Staat fördert also, dass sie illegal hier sind. So unterstützt er Schwarzarbeit und eben Menschenhandel.“ Die Prostitution an sich ist in Spanien übrigens nicht verboten.
Die Helfer in der Not
Casal Petit, Médicos del Mundo und das Rote Kreuz bilden seit 20 Jahren den Zusammenschluss XADPEP, der mithilfe von Subventionen den Prostituierten in Palma einen Ausweg zeigen möchte. Täglich macht sich ein Trupp auf die Suche nach Bordellen in den Wohnungen, um bei den Frauen vorstellig zu werden. „Es kommt vor, dass uns mal eine Tür vor der Nase zugeschlagen wird. Gewalt haben wir aber noch nie erfahren“, sagt Perelló.
Viele der Frauen würden noch am selben Tag, an dem sie von Casal Petit hören, die Organisation aufsuchen. Dort können sie in eine der drei Frauenhäuser Zuflucht finden, Sprachkurse belegen oder eine Ausbildung beginnen. „Der erste Schritt ist immer, eine Anzeige bei der Polizei gegen die Menschenhändler aufzugeben. Wenig später erhalten sie als Opfer gültige Ausweise“, so Perelló.
Das sagt die Polizei dazu
Auch die Polizei klappert stichprobenartig die Wohnungen ab. „Wir machen einen Termin als Kunden aus und schicken einen Beamten in Zivil vor. Sonst werden wir nicht reingelassen“, sagt Gonzalo Calleja, Chef der für illegale Einwanderung zuständigen Ucrif-Einheit der Nationalpolizei. 81 Bordelle nahm sein Team in den vergangenen zwölf Monaten unter die Lupe, in neun waren Zwangsprostituierte beschäftigt. Es sei eine Sisyphusarbeit. „100 Wohnungen stehen bei uns noch auf der To-do-Liste. Regelmäßig machen neue Bordelle auf. Zu unserer Arbeit gehört aber auch, sich um die Flüchtlingsboote zu kümmern. Das sind in letzter Zeit so viele, dass wir kaum noch Zeit für die Prostitution haben.“
Hinzu kommt der Kampf gegen die Erpresser. „Nicht selten ziehen die Frauen ihre Anzeigen zurück. Wir kooperieren mit den Polizeieinheiten ihrer Herkunftsländer, um die Familien zu schützen. Das ist aber schwierig“, sagt Calleja. Mit Rumänien und Bulgarien klappe das gut, Kolumbien zeige sich zumindest bemüht. „Die Polizisten dort sprechen mit den Familien und sagen ihnen, dass sie jede Kleinigkeit melden sollen.“ Mit Nigeria gebe es hingegen keinerlei Kooperation.

Nova Vida baute einen Escape Room auf der Plaza Mayor auf. / Bendgens
Der Ausstieg aus der Prostitution sei keine Angelegenheit von heute auf morgen, sagt Valeria Esteban. Sie ist die Leiterin des Mallorca-Ablegers der christlichen Organisation Nova Vida, die im September einen Escape Room auf der Plaça Major angeboten hat, um auf die Zwangsprostitution aufmerksam zu machen. Zehn Freiwillige zählt die Gruppe, darunter mit Steffi Scherer eine Deutsche. „Ich sehe es als meine Herzensaufgabe, den Frauen zu helfen. Ihr Vertrauen ist gebrochen und sie haben faktisch keine sozialen Beziehungen“, sagt sie. Immer wieder trifft sich Nova Vida mit den Prostituierten, um ihnen den ersten Schritt zurück in ein normales Leben zu ermöglichen.
Valeria Esteban sieht in den Freiern die Schuldigen. „Ohne Nachfrage gebe es keine Zwangsprostitution“, sagt sie. Es müssen rechtliche Schritte, finanzielle Hilfe und soziales Engagement zusammenkommen, um die Zwangsprostitution zu stoppen. Da sind sich die Experten einig. Und manchmal kann man die Bösewichter mit den eigenen Waffen schlagen. „Ein urbaner Mythos sagt, ein afrikanischer Priester habe den Menschenhändlern mit Vodoo gedroht. Jedenfalls kamen in den vergangenen Jahren viel weniger Zwangsprostituierte aus Nigeria“, sagt Jaume Perelló.
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