Eine Unwetter-Katastrophe wie in Valencia ist auf Mallorca keine Frage des Ob, sondern des Wann
Die Zerstörung auf dem Festland lässt auch auf Mallorca die Alarmglocken schrillen. Wie gefährdet und gewappnet ist die Insel?

Von Überschwemmungen gefährdete Bereiche auf Mallorca auf einer Karte des spanischen Umweltministeriums. / DM
Alexandra Wilms
Die Frage, ob eine Flutkatastrophe wie die in Valencia auch auf Mallorca passieren könnte, liegt auf der Hand – und beantwortet sich mit einem Blick in die jüngere Geschichte von selbst: Erst 2018 starben in Sant Llorenç im Osten der Insel bei einem vergleichbaren Wetterphänomen 13 Menschen in den Fluten überbordender Sturzbäche.
Würde ein Starkregen wie der von Valencia in anderen, dichter besiedelten Gegenden Mallorcas niedergehen, wären die Auswirkungen deutlich schlimmer, prophezeit Joan Estrany. Der Geografie-Professor leitet an der Balearen-Universität das „Observatorium für Naturgefahren und Notfälle“ RiscBal. Allein in Palma und Marratxí lebten rund 130.000 Menschen in Überschwemmungsgebieten, so Estrany.

Tödliche Überschwemmungen in Sant Llorenç auf Mallorca /
Die großflächige Versiegelung verhindert, dass Wasser abfließt
Zu den Gefahrengebieten gehörten in Palma unter anderem der Carrer Manacor, der Bereich rund um die Feuerwache der Stadt sowie die Gegend östlich der Via Cintura in Palma. In Marratxí seien Ortsteile wie beispielsweise Es Pont d‘Inca und Es Figueral betroffen. Problematisch sei nicht nur die Tatsache, dass ganze Stadtteile und Siedlungen in Überschwemmungsgebieten errichtet wurden: Die großflächige Versiegelung führe dazu, dass das Wasser schlechter ablaufen kann.
Doch nicht nur die Inselhauptstadt liegt teilweise in gefährdeten Gebieten. Einer offiziellen Karte des spanischen Umweltministeriums zufolge gibt es auf den Balearen 43 Gebiete mit potenziell bedeutendem Hochwasserrisiko. 32 liegen an der Küste, elf im Bereich von Sturzbächen – zehn davon befinden sich auf Mallorca. Neben Na Bàrbara und dem Torrent Gros in Palma sowie Coanegra in Marratxí gehören auch der Torrent de Campos, es Riuet in Manacor, Ca n’Amer in Sant Llorenç, Vall d’en Marc/Sant Jordi in Pollença, der Torrent Major von Sóller und die Sturzbäche Torà in Peguera sowie Galatzó in Santa Ponça zu diesen Wasserläufen.
Abschüssiges, zerklüftetes Gelände erhöht die Gefahr
Und das sind nur die in den offiziellen Karten verzeichneten Risikogebiete. Estrany zufolge sind diese nach europäischen Vorgaben ausgewiesen, die sich für Mikrogebiete wie die Inseln nur bedingt eignen. Abschüssiges, zerklüftetes Gelände führt auf Mallorca an vielen Stellen dazu, dass das abfließende Wasser extrem an Geschwindigkeit zunimmt und sich die Gefahr deshalb vergrößert. Auch außerhalb Palmas sei die dichte Besiedelung der Insel und die Umlenkung von Sturzbächen ein großes Problem, so zum Beispiel in Alaró oder Mancor de la Vall. Dort sind Estrany zufolge Reihenhäuser unterhalb des Niveaus des Sturzbaches errichtet worden.
Die Bebauung von als Überschwemmungsgebieten bekannten Gegenden macht das Flutdrama von Valencia auch auf Mallorca zum Politikum. Schon in den ersten Tagen nach der Katastrophe verwiesen Umweltschutzverbände wie der GOB und Terraferrida darauf, dass die aktuelle Balearen-Regierung die Bebauung begünstigt: In Folge des schon im Mai dieses Jahres beschlossenen Dekrets zum Bürokratieabbau sollte nun wieder auf Parzellen gebaut werden dürfen, die von der Vorgängerregierung wegen des Hochwasserrisikos als nicht bebaubar erklärt worden waren.
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Daten von Terraferrida zufolge traf das auf 570 Parzellen zu, die vor allem in Campos (287), Palma (98) und Sa Pobla (64) liegen. Der GOB warnte, bei einem extremen Starkregen wie dem von Valencia würde ein Drittel der Gemeinde Campos von den Wassermassen verschlungen werden – ausgerechnet die Heimatgemeinde der balearischen Ministerpräsidentin Marga Prohens.
Unter dem Eindruck der Katastrophe rudert die Regierung zurück
Die vermied am Dienstag (5.11.) im Parlament eine klare Aussage zum umstrittenen Dekret, das bereits am kommenden Dienstag zum Gesetz erklärt werden sollte. Nach Forderungen der Opposition, den Gesetzentwurf zurückzuziehen und das Bebauungsverbot aufrechtzuerhalten, zeigte sich Prohens aber willens, über „diese Frage nachzudenken“. Am Freitag zog die Regierung schließlich diese Lockerung der Bauvorschriften ganz zurück.
Die Ministerpräsidentin räumte zudem ein, dass auf den Inseln „ganze Dörfer und Stadtteile in Überschwemmungsgebieten errichtet“ worden seien, und warnte davor, dass das Wetterphänomen Kaltlufttropfen – heute in Spanien DANA genannt (Depresión Aislada en Niveles Altos) – „immer häufiger und heftiger“ eintreten würde.

Beitrag: Michael Wrobel / Birdy Media
Angesichts dessen schlug sie einen parteiübergreifenden Pakt vor, um ein Gesetz zu verabschieden, das die Sicherheitsmaßnahmen verstärkt und Notfallprotokolle verbessert. Zusätzlich soll in den kommenden Jahren auch das Budget für die Reinigung der Sturzbachbetten deutlich erhöht werden. Weiterhin versprach Prohens Gelder, die Finca-Eigentümern vorbeugende Maßnahmen zum Hochwasserschutz erleichtern sollen.
Viele wissen gar nicht, wie groß die Gefahr ist
Zur Vorsorge gehöre indes auch die Aufklärung der Bevölkerung. Denn die meisten Menschen, die in Überschwemmungsgebieten leben, sind sich dessen nicht bewusst und dementsprechend auch nicht auf einen Ernstfall vorbereitet, wie eine Studie dreier mallorquinischer Wissenschaftler aus dem Jahr 2020 gezeigt hat.
Genügend Anschauungsmaterial, um den betroffenen Bewohnern die Gefahren deutlich zu machen, gibt es. Die alle sechs Jahre fällige Aktualisierung der Daten ist bereits vor dem Sommer ausgeschrieben worden. Neben der Karte des spanischen Ministeriums hält auch das Instituto Cartográfico y Geográfico de las Illes Balears (ICGIB) eine Übersicht bereit.
So werden die Sturzbäche überwacht
Zudem hat das Risiko-Observatorium RiscBal neben den Karten mit den prinzipiell gefährdeten Gebieten eine gleichnamige App entwickelt, die in Echtzeit Informationen liefert. Dank eines Netzes von derzeit hundert Messstationen an kritischen Stellen können die Wissenschaftler genaue Daten zu den Auslastungen und Pegelständen von Sturzbächen liefern.

Nach den heftigen Regenfällen in der Nacht: Hochwasser in Porto Cristo / DM
Bei den starken Regenfällen Ende Oktober dienten die Daten den Behörden dazu, rechtzeitig Straßen zu sperren und entsprechende Warnungen auszusprechen. Die Messstationen, die dank der Zusammenarbeit von Universität und Regierung in den vergangenen zwei Jahren errichtet wurden, werden mit Solarenergie und Batterien betrieben und sind auch bei Stromausfall funktionsfähig.
Ob sie im Katastrophenfall wirklich ihre Aufgabe erfüllen, wird man erst wissen, wenn es zum Schlimmsten kommt. Das wünscht sich Joan Estrany natürlich nicht – doch dass es passiert, steht für den Wissenschaftler fest: „Was in Valencia passiert ist, wird auch in Palma irgendwann geschehen.“
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