Autobahn-Mord auf Mallorca: Das sagt die Familie von Tim V. vor dem Prozessbeginn
Zwei Jahre nach dem Tod des 20-Jährigen hofft die Familie nun auf Gerechtigkeit. Sie schildern, was für ein Typ Mensch der junge Mann war

Tim V. machte in Kassel eine Ausbildung und wollte im Anschluss studieren. / Familie
Zwei Jahre ist es her, dass der 20-jährige Mallorca-Urlauber Tim V. auf der Flughafen-Autobahn sein Leben verlor. Die Polizei ging anfangs davon aus, dass der junge Mann sich betrunken verirrte. Ein Jahr später kam die überraschende Wende: Tim V. wurde vermutlich ermordet. Die Nationalpolizei nahm zwei Männer fest, die den Deutschen aus einem Lieferwagen auf die Straße geworfen haben sollen, wo er von einem Auto überfahren wurde. Am Donnerstag (28.11.) startet in Palma der für zwei Wochen angesetzte Prozess, in dem die Familie gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft als Ankläger auf Mord plädieren wird.
Was war das für ein junger Mann, der auf der Autobahn so tragisch sein Leben verlor? Wie sehen die Angehörigen dem Prozess entgegen? Die MZ sprach über die Anwälte der Familie mit den Eltern.
"Wollte eigene Familie gründen"
„Tim wollte glücklich und zufrieden sein, eine eigene Familie gründen und irgendwann selbst mehrere Kinder haben“, schreibt die Familie. Er absolvierte eine Ausbildung zum IT-System-Elektroniker bei Volkswagen Kassel, war gerade im zweiten Ausbildungsjahr und plante, die Lehre um ein halbes Jahr zu verkürzen, damit er anschließend ein darauf aufbauendes Studium beginnen konnte. Neben dem Berufsleben sei der Fußball seine große Leidenschaft gewesen. „Tim spielte mit Freunden als Torwart in einer Mannschaft und war zudem Schiedsrichter. Mit ihnen wollte er sich in einer höheren Liga etablieren.“
Auch für die Musik konnte sich Tim V. begeistern. Eines Tages wollter er in einer Band als Saxofonist oder Bassist spielen. Gerne war er auch mit seinem besten Freund auf einer Motorradtour unterwegs, die jedes Jahr fest eingeplant war. „Er wollte einfach das eigene Leben harmonisch gestalten und genießen – mit Familie, Freunden und Freundinnen“, schreiben die Eltern. Den Traum der eigenen vier Wände setzte er bereits um und renovierte mit Freunden und Familie eine Wohnung.
Was passierte während des Mallorca-Urlaubs?
Im Oktober 2022 reiste Tim mit seinem besten Freund auf die Insel. „Er kam in Cala Ratjada gut an und wollte eine Woche in einem Sporthotel Urlaub machen.“ Man spielte Tennis, ging ins Fitnessstudio und abends nett essen. Es sollte nach dem ganzen Corona-Stress eine schöne Zeit werden. Für den 8. Oktober, der der letzte Tag seines Lebens sein sollte, verabredete er sich mit weiteren Freunden, die ebenfalls gerade Urlaub auf Mallorca machten. „Es war ein geplanter Tagesausflug nach Palma. Erst an den Strand, danach Feiern gehen. Dafür hatten sich Tim und sein Freund extra ein zweites Hotel in Palma gebucht. Am Tag darauf sollte es zurück nach Cala Ratjada gehen“, so die Familie.
Gegen 21.30 Uhr erklärten Tim und der Freund die Party für beendet und machten sich auf den Weg zum Hotel. „Im Gedränge haben sie sich aus den Augen verloren. Nach einer Weile des Suchens begab sich Tim zielstrebig und auf direktem Weg alleine zum Hotel“, schreiben die Eltern. Was dann passierte, ist bislang noch nicht gänzlich geklärt. Die Polizei stieß bei ihren Ermittlungen auf die Aufnahmen einer Überwachungskamera, die den Deutschen im Gedränge an der Playa de Palma zeigten. Hier verloren sich die beiden Freunde. Drei Minuten, nachdem Tim von den Kameras verschwunden war, war er tot – für die Polizei der Beweis, dass er nicht zu Fuß auf die Autobahn gelaufen war. „Man kann nicht anderthalb Kilometer in drei Minuten zu Fuß zurücklegen“, sagte Ángel Ruiz, Leiter der Mordkommission der Nationalpolizei, im Oktober 2023 bei einer Pressekonferenz kurz nach der Festnahme der zwei mutmaßlichen Mörder Francisco Jesús J.G. und José David R.S..
"Tim hätte niemals seinen Freund im Stich gelassen"
Sein Team hatte zuvor monatelang nach einem weißen Lieferwagen gefahndet. Ein Augenzeuge sagte aus, er habe gesehen, wie Tim V. aus dem Auto gestoßen wurde. Der Hinweis ging anfangs jedoch unter. Zu plausibel klang der Polizei die Theorie, dass sich der junge Mann betrunken verirrt hatte. Die Familie wollte das hingegen von Anfang an nicht glauben. „Tim hätte niemals seinen Freund im Stich gelassen. Er wollte ins Hotel, um zu schauen, ob er dort schon ist. Wäre dem nicht so gewesen, hätte er ihn gesucht, bis er ihn gefunden hätte“, so die Eltern, die ihrem Sohn einen guten Orientierungssinn bescheinigen. „Er wäre niemals auf eine Autobahn gelaufen und hätte sich dort hingelegt. Tim machte nie Ärger, er versuchte eher zu schlichten.“
Drei Tage nach dem Todesfall meldete sich die Polizei erstmals bei der Familie. „Ab diesem Zeitpunkt war sofort eine vertrauensvolle und wertschätzende Zusammenarbeit gegeben“, so die Familie. Bereits vor einem Jahr bedankten sich die Angehörigen in einem offenen Brief beim Chef der Mordkommission. Sie wiederholten es auch gegenüber der MZ: „Ohne die Begleitung durch Herrn Ruiz hätten wir die Ermittlungsphase nicht überstanden.“
Späte Gerechtigkeit erwünscht
Denn die folgenden Monaten wurden zur Belastungsprobe. Die Polizei bat die Familie darum, über die Ermittlungen Stillschweigen zu bewahren. Schließlich wollte man die mutmaßlichen Täter im Unglauben lassen, dass gegen sie gefahndet wurde. „Auch wenn es viel Kraft gekostet hat, war uns immer klar: Wir wollen die Ermittlungen nicht gefährden“, schreibt die Familie. „Wir wurden immer wieder direkt angesprochen, dass dies niemals ein Unfall gewesen sein kann. Uns wurde oft entgegnet: Tim kann doch nur durch ein Verbrechen ums Leben gekommen sein.“
Der Polizei war anfangs weder Marke noch Modell geschweige denn das Nummernschild bekannt. Letztlich handelte es sich bei dem mutmaßlichen Tatfahrzeug um einen Firmenwagen, der am Tag nach dem Tod des Deutschen umgestaltet wurde. Das Tatmotiv ist weiterhin unbekannt. Die Familie fragt sich, wie es die mutmaßlichen Täter schafften, den 20-Jährigen in den Lieferwagen zu locken. Die beiden Spanier sitzen seit ihrer Festnahme in Untersuchungshaft. Ihnen droht eine Haftstrafe wegen Mordes von je 25 Jahren. Zudem sollen sie nach dem Willen der Staatsanwaltschaft die Familie des Opfers mit 197.677 Euro entschädigen. Auch für die Rückführung des Leichnams nach Deutschland und die Beerdigung sollen die Spanier aufkommen.
Weitere Opfer möglich?
Tim V. ist nicht der einzige deutsche Urlauber, der in den vergangenen Jahren auf dieser Autobahn zu Tode gekommen ist. Der MZ sind noch drei weitere Fälle bekannt, auch hier vermuten Angehörige einen möglichen kriminellen Hintergrund. Die Eltern von Tim V. wollen sich an Spekulationen nicht beteiligen, Kontakt zu anderen Opfern gibt es nicht.
Die Familie will zu dem Prozess anreisen, erhofft sich Antworten auf Fragen nach dem Motiv und dem Tathergang. „Niemand läuft freiwillig ohne Grund in die Dunkelheit“, schreiben sie. Sollte es zu einem Schuldspruch kommen, fordern sie die „Höchststrafe mit Kontaktverbot zur Familie“. Tim habe sich immer für andere Menschen eingesetzt und sich immer eine eigene Meinung gebildet. „Er war ein Menschenfreund.“
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