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Mordprozess in Palma: Erinnerungen an Tim V. rühren Geschworene zu Tränen

Im Oktober 2022 starb ein 20-jähriger deutscher Urlauber auf der Flughafenautobahn auf Mallorca. Er stürzte aus einem fahrenden Lieferwagen. Die Polizei geht von Mord aus. In Palma stehen nun zwei Beschuldigte vor Gericht. Am vierten Tag des Prozesses werden am Montag (2.12.) diverse Zeugen befragt

Fall Tim V.: Am ersten Tag des Mordprozesses in Palma.

Fall Tim V.: Am ersten Tag des Mordprozesses in Palma. / Europa Press

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Vierter Tag im Mordprozess im Fall von Tim V., dem deutschen Urlauber, der am 8. Oktober 2022 auf der Flughafenautobahn auf Mallorca zu Tode kam: Im Mittelpunkt standen am Montag (2.12.) emotionale Erinnerungen der Familienangehörigen des Verstorbenen sowie neue Informationen über das Verhalten der beiden Angeklagten an jenem Wochenende. Die beiden spanischen Kleinkriminellen sollen Tim V. aus einem fahrenden Lieferwagen gestoßen haben.

Wohl um die Geschworenen des Schwurgerichts davon zu überzeugen, dass es sich in diesem Fall nicht um einen weiteren beklagenswerten Exzess betrunkener Ballermann-Urlauber handelte, hatte die Anwältin der Familie und Nebenklägerin, Maria Barbancho, den Vater, die Mutter, die Schwester und den Ausbildungsleiter in den Zeugenstand des Landgerichts in Palma gerufen. Letzterer war per Videoanruf hinzugeschaltet, die Familie reiste nach Palma an. Deren Erinnerungen an Tim V. waren so emotional, dass sowohl einer Geschworenen als auch der Anwältin selbst die Tränen kamen.

Tim V. machte in Kassel eine Ausbildung und wollte im Anschluss studieren.  | FOTO: FAMILIE

Tim V. machte in Kassel eine Ausbildung und wollte im Anschluss studieren. / Familie

"Er war mein Sohn und bester Freund", sagte der Vater. "Ein Menschenfreund, absolut zuverlässig." Tim V. sei offen für alles gewesen, habe nie Streit gesucht und immer versucht zu schlichten. Von Anfang habe für sie fest gestanden, dass es sich um eine Gewalttat gehandelt haben musste. Noch einen Tag vor der Kontaktaufnahme durch die spanische Nationalpolizei habe er deswegen in Deutschland eine Anzeige wegen eines Tötungsdelikts gestellt, so der Vater. Dabei sollte das Wochenende im Oktober 2022 eigentlich ein freudiger Anlass sein. "Tims Todestag ist gleichzeitig der Geburtstag meiner Frau", sagte der Vater.

Seine Tochter schilderte emotional, wie die deutsche Polizei an der Tür klingelte und vom Tod ihres Bruders berichtete. "Ich war beim Anblick des Blaulichts geschockt. Ich fragte, ob etwas Schlimmes passiert oder gar jemand gestorben sei. Danach bin ich die Namen durchgegangen: Mama, Papa, mein Bruder. Letzteren bejahten die Polizisten schließlich."

Unfallfahrer spricht sein Beileid aus

Der Reigen der Zeugenaussagen hatte am Morgen mit dem Fahrer eines Fiats begonnen, der dem auf der Fahrbahn liegenden 20-Jährigen nicht mehr ausweichen konnte und ihn überfuhr. Er sei damals auf der rechten Spur in Richtung Palma mit 90-100 km/h unterwegs gewesen, sagte Manuel V., nachdem er – sichtlich betroffen –, zunächst dem Vater und der Familie des Verstorbenen sein Beileid ausgesprochen hatte. Es habe an diesem Abend nicht viel Verkehr gegeben, doch plötzlich seien hinter der Autobahnauffahrt Nr. 11 Autos vor ihm ausgewichen. Er habe noch etwas gesehen, was er in Sekundenbruchteilen für einen hellbraunen Karton hielt, aber nicht mehr ausweichen können und Tim V. überfahren.

Danach habe er angehalten und im Scheinwerferlicht anderer Autos gesehen, dass es sich um eine Person handelte. Er habe unter Schock gestanden und sich Tim V. nicht mehr genähert. Den Lieferwagen, aus dem Tim V. gestoßen worden sein soll, habe er nicht gesehen, so der Unfallfahrer, dessen Alkoholkontrolle negativ war. Befragt wurde auch ein Taxifahrer, der hinter dem Unfallfahrer fuhr. Er habe drei Fahrzeuge gesehen, die noch ausweichen konnten, sagte er. Zwei weitere Autofahrer des sich im Anschluss gebildeten Staus konnten keine weiteren Erkenntnisse im Zeugenstand bringen.

Das sagte der Verantwortliche des Lieferwagens

Der Verantwortliche der Elektroinstallations-Firma, zu der der Lieferwagen gehörte, aus der Tim V. stürzte, konnte sich vor Gericht an kaum etwas erinnern. Er arbeite seit einem Jahr nicht mehr bei dem Unternehmen. Seiner Aussage nach hatte der Lieferwagen einen GPS-Sender in der Tür, der theoretisch alles aufzeichnete. Als auskunftsfreudiger erwies sich in einer Videoschalte aus Málaga jener Mitarbeiter der Firma, der damals für den Lieferwagen verantwortlich war. Die Polizei hatte Alberto M. im Zuge der Ermittlungen festgenommen, aber wieder auf freien Fuß gesetzt, als er nachweisen konnte, in jener Nacht nicht am Steuer gesessen zu haben.

Am Morgen vor dem Tod von Tim V. hätte er festgestellt, dass die Schlüssel des Lieferwagens fehlten. Die beiden Angeklagten José David R.S. und Francisco Jesús J.G. hätten am Wochenende bei ihm übernachtet, seien ein- und ausgegangen. Er habe keinen Zweifel daran, das es sich "um gewalttätige Personen" handelt, sagte Alberto M. José David kannte er von drei flüchtigen Begegnungen. Mit Francisco, einem Elektriker, arbeitete er zusammen. Sein Chef hätte ihn für einen halben Monat bei ihm einquartiert.

Nach dem Schlüssel befragt, habe Francisco ihm gesagt, er bringe ihn bald zurück. Der Elektriker sei dann gegen 19, 20 Uhr - also noch vor dem Tod von Tim V. - mit zerissenem T-Shirt bei ihm aufgetaucht, wenig später aber wieder mit dem Lieferwagen weggefahren.

Tags drauf, an dem Sonntag, sei es zum Streit gekommen. Als Francisco an die Tür hämmerte, habe er sich im Schrank versteckt und die Polizei gerufen, so Alberto M. in seiner wegen Übertragungsproblemen noch einmal wiederholten Aussage per Video aus Málaga. Die Polizei habe ihn dann am Sonntag die Autoschlüssel zurückgegeben. Der Lieferwagen sei in gutem Zustand gewesen. Am Montagmorgen sei er damit wieder zur Arbeit gefahren. Zuvor habe er aus Angst vor den beiden Angeklagten in einem Hotel übernachtet und sie auch wegen Morddrohungen angezeigt.

Der Ortspolizist, der damals den Fall bearbeitete, bestätigte das. Er habe den Eindruck gehabt, dass alle drei Männer damals unter Einfluss von Kokain standen. Besonders Francisco Jesús J.G. sei sehr aufgeputscht gewesen.

Wie der Freund von Tim V. sich an den Abend erinnert

Ebenfalls per Videoanruf sagte am Montagmorgen Frederik S. aus, der beste Freund von Tim V. Gemeinsam mit Tim V. sei er am 8. Oktober morgens gegen 10 Uhr von Cala Ratjada mit dem Bus nach Palma gefahren. Die beiden wollten tags darauf in den Urlaubsort an der Ostküste zurückkehren. An der Playa de Palma hätten sie sich ein Hotel genommen und seien dann mittags an den Strand gegangen. Im Anschluss zogen die beiden in den Bierkönig und in den Megapark.

Sie hätten den ganzen Tag über getrunken, Tim vor allem Bier, abends dann auch Wodka Lemon, so Frederik S. Gegen 21-21.30 Uhr hätten sie sich dann auf der Höhe des Grillmeister-Imbisses im Bierkönig aus den Augen verloren. Er habe etwas essen wollen, so Frederik S., Tim V. sei draußen geblieben. Sein Freund sei klar betrunken gewesen, aber noch selbstständig und habe sich noch artikulieren können.

"Tim kannte auf jeden Fall den Weg ins Hotel", so Frederik S. Die Verteidiger der beiden Angeklagten hatten in ihren Eröffnungsplädoyers angegeben, dass die beiden Fahrer des Lieferwagens Tim V. nur in sein Hotel bringen wollten – was freilich im Widerspruch dazu steht, dass sie in entgegengesetzter Richtung davonfuhren.

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