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Opfer des Ausbeutungsskandals auf Mallorca: "Jetzt geht es mir noch schlechter"

Die Nationalpolizei feiert den Schlag gegen eine kriminelle Agentur, die Pflege- und Haushaltskräfte systematisch ausgebeutet hat, als Triumph. Doch viele der Opfer fühlen sich jetzt noch schutzloser als zuvor - und bangen um ihre Existenz

Beamte der Nationalpolizei auf Mallorca während der Durchsuchung von Räumlichkeiten eines der Festgenommenen

Beamte der Nationalpolizei auf Mallorca während der Durchsuchung von Räumlichkeiten eines der Festgenommenen / Nationalpolizei

Für die Ermittler der Nationalpolizei war es ein Triumph, als ihnen Ende November ein Schlag gegen organisierte Kriminalität auf Mallorca gelang. Es handele sich um den "bisher größten entdeckten Fall von Ausbeutung am Arbeitsplatz auf den Balearen", betonten die Beamten stolz in einer Pressemitteilung am Sonntag (1.12.). Tatsächlich nahmen sie fünf Personen fest, denen vorgeworfen wird, im Lauf von mehr als zwei Jahren rund 185 Menschen in einer Firma angestellt und dabei ausgebeutet zu haben, darunter viele Reinigungskräfte, Haushaltshilfen, Altenpfleger und Kinderbetreuer, die sie an Privatleute vermittelten. Doch die Opfer selbst fühlen sich durch das Eingreifen der Sicherheitskräfte nun erst recht schutzlos. Viele von ihnen haben keine gültige Aufenthaltsgenehmigung - und wissen jetzt nicht, wie sie sich über Wasser halten sollen.

"Bewusst, dass ich ausgebeutet werde"

So geht es auch M. Seit gut einem Jahr lebt die 32-jährige kolumbianische Krankenpflegerin, die ihren vollen Namen nicht öffentlich nennen will, auf Mallorca. In den vergangenen Monaten hatte die nun hochgenommene Bande sie für die Pflege älterer Menschen beschäftigt. Sechs Tage die Woche schuftete sie, Urlaubstage gab es nicht, der Lohn: 1.000 Euro im Monat. Immerhin: Sie durfte in dieser Zeit bei der zu betreuenden Person wohnen. "Ich bin mir bewusst, dass ich ausgebeutet worden bin. Doch nach der Verhaftung meiner Arbeitgeber hat sich meine Situation nicht verbessert", beklagt sich M. Im Gegenteil. "Jetzt wohne ich im Haus einer Freundin, aber ich habe keine Arbeit. Und da ich immer noch keine Papiere habe, wird mich auch niemand einstellen“, sagt sie.

M.s Geschichte ähnelt der vieler anderer. Sie kam Anfang Oktober 2023 nach Spanien, um Arbeit zu suchen, fand jedoch nichts, da sie keine Aufenthaltserlaubnis hatte. Eine ehemalige Kollegin aus der Klinik, in der sie in ihrem Heimatland als Krankenpflegerin gearbeitet hatte, erzählte ihr, dass auf Mallorca Betreuer für älterer Menschen gesucht würden, und gab ihr die Kontaktdaten eines angeblichen Unternehmens. Als sie dort anrief, wurde ihr mitgeteilt, dass sie am nächsten Tag anfangen müsse. Sie reiste sofort auf die Insel und hatte am folgenden Morgen ein Vorstellungsgespräch. Einen weiteren Tag später begann sie bereits, bei einer älteren Frau zu arbeiten.

Familie angelogen

„Die Arbeitgeber in der Agentur sagten mir, dass mein Profil genau dem entspreche, was sie suchten, aber erklärten mir auch, dass ich der Familie, für die ich arbeiten würde, nicht die Wahrheit sagen dürfe. Ich sollte ihnen erzählen, dass ich schon seit drei Jahren in Spanien sei, meine Papiere in Ordnung seien und ich einen Arbeitsvertrag hätte. Man versprach mir, dass ich meine Papiere nach zwei Jahren in Spanien legalisieren könne und sie mir dann einen Vertrag ausstellen würden", berichtet M.

Die Arbeit in dem Haus in Son Verí, in dem die pflegebedürftige ältere Dame lebte, war anstregend. Nur sonntags bekam M. frei, zudem behandelte die Seniorin sie schlecht. „Sie verachtete und beschimpfte mich ständig, bis ich es nicht mehr ertragen konnte", erzählt M. Drei Monate nach Arbeitsantritt kündigte sie das ohnehin nur mündlich bestehende Arbeitsverhältnis auf und zog nach Barcelona.

Weder Vertrag noch Sozialversicherung

Doch ihre Arbeitgeber in der Agentur kontaktierten sie erneut und boten ihr eine andere Familie an, diesmal in Palma. Auch dort solle sie eine ältere Frau betreuen, hieß es. M. willigte ein, erneut unter den gleichen Bedingungen: „Ich wohnte dort und hatte nur sonntags frei, aber wenigstens behandelte mich diese Familie gut", berichtet die Kolumbianerin. "Die Familie zahlte meinen Arbeitgebern etwa 1.900 Euro, aber ich bekam davon nur 1.000. Ich hatte weder einen Vertrag noch eine Sozialversicherung. Eines Tages rief ich einen meiner Arbeitgeber an, um zu fragen, ob er meinen Lohn etwas erhöhen könnte. Aber er sagte nur, das sei eben so, und wenn es mir nicht passe, könne ich gehen, da es viele andere gäbe, die arbeiten wollten.“

Die Situation änderte sich abrupt Anfang Dezember, als die Nationalpolizei fünf Personen festnahm, die in ein Netzwerk zur Arbeitsausbeutung mit etwa 180 Opfern verwickelt waren. „Als das alles herauskam, sprach ich mit der Familie und erklärte ihnen die Situation. Ich bin sicher, dass sie mich einstellen würden, wenn ich die nötigen Papiere hätte, aber ohne Arbeitserlaubnis können sie das nicht“, erzählt M. weiter.

Schwere Vorwürfe

Beamte der Nationalpolizei bei einer früheren Festnahme

Beamte der Nationalpolizei bei einer früheren Festnahme / Archiv Nationalpolizei

Vielen anderen der 180 Opfer - fast alle sind Frauen - geht es ähnlich. Dass sich ihre ehemaligen Arbeitgeber nun wegen Arbeitsausbeutung, Urkundenfälschung, möglicher Geldwäsche und Förderung illegaler Einwanderung vor Gericht verantworten müssen, um dafür gradezustehen, dass sie in den letzten zwei Jahren mit ihrer betrügerischen Vermittlungsagentur mutmaßlich viele Hunderttausend Euro Gewinn auf Kosten der Arbeiter erzielt haben, hilft M. und den anderen Ausgebeuteten wenig.

„Wir haben eine WhatsApp-Gruppe, in der 141 von uns vereint sind, und wir alle befinden uns in der gleichen Lage“, berichtet M. weiter. „Ich schickte das Geld, das ich verdiente, nach Kolumbien, aber jetzt habe ich weder Arbeit noch einen Ort, wo ich hingehen könnte. Ich weiß nicht, was ich tun soll." Spanien sei ein schönes Land. "Aber es ist sehr hart zu Migranten. Sie nutzen dich aus, zahlen dir wenig, beuten dich aus. Aber jetzt, wo ich keine Arbeit mehr habe, geht es mir noch schlechter.“

Gut getäuscht

Dass sich M. und viele andere von der ausbeuterischen Firma ködern ließen, ist nicht nur wegen ihrer heiklen Situation nachvollziehbar. Laut Nationalpolizei hatte die Bande ein großes Unternehmen aufgebaut, das einen durchaus professionellen Eindruck hinterließ - mit Prospekten und Werbung gewannen die nun beschuldigten Männer wohl das Vertrauen in der Bevölkerung. Sogar einige Sozialdienste auf Mallorca empfahlen die Firma als zuverlässig weiter.

Um keinen Verdacht zu wecken, legte der Hauptverdächtige den bisherigen Erkenntnissen nach wohl ein kompliziertes Netz an Konten an: So hatte er insgesamt 25 Konten in 13 unterschiedlichen Banken, speziell im europäischen Ausland. Auf diese Weise versuchte er sich dem Zugriff der spanischen Steuerbehörden zu entziehen und zwang auch die Angestellten, ein Konto im Ausland zu eröffnen, um nicht aufzufliegen.

Große Gewinne

Letztlich entwirrte die Nationalpolizei die Machenschaften. Anhand der Konten konnten die Ermittler feststellen, dass die Bande monatlich rund 200.000 Euro an Einnahmen erzielte. In rund zweieinhalb Jahren machten sie Umsätze von rund 6 Millionen Euro.

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