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Mordprozess im Fall des auf der Autobahn verstorbenen deutschen Urlaubers Tim V.: Wie würden Sie urteilen?

War es Mord, fahrlässige Tötung oder doch ein Unfall? Wir tragen die wichtigsten Aussagen des Gerichtsprozesses noch einmal zusammen. Ab Montag beraten die Geschworenen über Schuld oder Unschuld

José David R. S. (links) und Francisco Jesús J. G. beim Gerichtsprozess auf der Bank vor der Polizei.  | FOTO: MANU MIELNIEZUK

José David R. S. (links) und Francisco Jesús J. G. beim Gerichtsprozess auf der Bank vor der Polizei. | FOTO: MANU MIELNIEZUK

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Ralf Petzold

Ralf Petzold

Tim V. wird sein Leben nicht mehr zurückbekommen. Der damals 20-jährige deutsche Urlauber starb am späten Abend des 8. Oktobers 2022 überfahren auf der Flughafen-Autobahn. In einem seit vergangener Woche laufenden Mordprozess in Palma geht es nun um das weitere Leben von Francisco Jesús J. G. und José David R .S. Sie könnten zu 25 Jahren Haft verurteilt werden, weil sie den Deutschen damals gegen 22.30 Uhr aus einem Lieferwagen auf die Straße geschubst haben sollen. Im Anschluss wurde er von einem Auto überrollt.

„Wir haben selbst Familie und ihn nie angefasst. Wir sind keine Mörder“, sagen sie am Mittwoch (4.12.) zum Abschluss der Vernehmungen. Tim V. sei betrunken aus freien Stücken aus dem Wagen gesprungen. Bei den beiden Angeklagten handelt es sich um spanische Handwerker, die sich durchs Leben schlagen. Francisco Jesús J. G. arbeitete als Elektriker für eine Firma, die Elektroinstallationen anbietet. Er kam im Oktober 2022 für einen halben Monat bei dem Arbeitskollegen unter, der in der Firma an dem Wochenende für den Lieferwagen zuständig war. Die Polizei nahm auch den Kollegen anfangs fest, ließ ihn dann aber laufen, als er beweisen konnte, dass er nicht im Lieferwagen saß. Er habe regelrecht Angst vor seinem drogensüchtigen und gewalttätigen Mitbewohner gehabt, der ihm die Schlüssel des Lieferwagens entwendete, sagt er in seiner Zeugenaussage. Auch José David R. S. schlief das besagte Wochenende in der Wohnung. Der Maurer aus Sevilla soll in einem Polizeiverhör ausgesagt haben, dass Francisco Jesús J. G. ein regelrechtes „Monster“ sei, dass häufiger in Arenal auf Raubzug gehe.

Die Beweislast wiegt anfangs schwer

Polizei und Staatsanwaltschaft sind davon überzeugt, dass die beiden Tim V. mit dem Stoß auf die Autobahn ermordet haben. Die Anwältin Maria Barbancho, die die Familie des Opfers vertritt, geht in ihrem Eröffnungsplädoyer noch einen Schritt weiter: Der Deutsche sei bereits im Fahrzeug „reglos oder tot“ gewesen. Zuvor habe es einen Kampf gegeben.

Immer wieder geht es um die drei Minuten, die zwischen der letzten Kameraufnahme und dem Tod von Tim V. liegen. Er sei zuletzt am oberen Ende der Schinkenstraße, an der Kirche La Porciúncula, von einer Überwachungskamera aufgezeichnet worden, erklärt Mordkommissar Ángel Ruiz. Das Video wird während des Prozesses abgespielt. Der 20-jährige Urlauber ist nur den Bruchteil einer Sekunde am oberen Bildrand zu erkennen. 27 Sekunden später fährt der Lieferwagen durchs Bild. Die Fahrzeuge, die dahinter fahren, bremsen. „Das deutet darauf hin, dass der Wagen der Angeklagten anhielt“, so der Polizist.

Diese Kamera filmte die letzte Aufnahme von Tim V..

Diese Kamera filmte die letzte Aufnahme von Tim V.. / Petzold

Der Mordkommissar hält es für wahrscheinlich, dass die beiden Angeklagten Tim V. ins Auto lockten, indem sie ihm eine Fahrt zum Hotel anboten. Als der junge Mann im Wagen war, bog der Lieferwagen im Kreisverkehr rechts jedoch in Richtung Autobahn ab. Das Hotel, in dem Tim V. untergebracht war, wäre hingegen geradeaus in rund einer Minute zu erreichen gewesen. Laut dem Polizisten war es nie Absicht der Angeklagten, ihn dorthin zu bringen. „Sie wollten ihn ausrauben.“ Wie viel Bargeld Tim V. dabei hatte, kann in dem Prozess nicht geklärt werden.

Dass der Deutsche gesprungen ist und die Angeklagten im Anschluss die Tür schlossen, entbehrt laut Ruíz jeglicher Logik und sei sogar unmöglich. „Wenn ich springen würde, dann doch aus der rechten Tür Richtung Standstreifen. Und ich würde mich abrollen.“ Sein Team habe es ausprobiert und festgestellt, dass vom Beifahrersitz eines Citroën Berlingos aus – dort saß José David R. S. laut eigener Aussage die ganze Zeit neben Fahrer Francisco Jesús J. G. – eine Körpergröße von 2,05 Meter nötig wäre, um an die linke Seitentür heranzukommen. „Die Tür zu schließen, war für sie unmöglich“, sagt der Polizist.

Tim V. machte in Kassel eine Ausbildung und wollte im Anschluss studieren.

Tim V. machte in Kassel eine Ausbildung und wollte im Anschluss studieren. / Familie

Anwälte verfolgen unterschiedliche Strategien

Die Ermittlungsergebnisse der Mordkommission sind die Grundlage für die Thesen der Nebenklage. Maria Barbancho wird ihrem Ruf einer „Knallhart-Anwältin“, den ihr die deutsche Presse im Zuge des Kegelbrüder-Falls verlieh, gerecht. Ihre Fragen sind kurz und präzise, mit starken Wörtern. Sie peitschen regelrecht durch den Saal. Ganz anders geht ihre wichtigste Kontrahentin, die Anwältin von Francisco Jesús J. G. vor, die ihren Namen der MZ nicht nennen will. Sie wählt einen einfühlsamen Weg.

Selten sind ihre Fragen so klar wie beim „Waren Sie denn dabei?“ an den Polizisten. „Nein“, wiederholt sie gerne die Antworten, um sie den Geschworenen noch einmal zu verdeutlichen. Oft versucht sie, mit ellenlangen Einleitungen ihre Meinung in der Frage zu verstecken. Immer wieder geht die Richterin Gemma Robles dazwischen. „Was ist denn nun die Frage? Es geht hier um Tatsachen“, sagt sie dann, was die Anwältin mit einem Tick quittiert, bei dem sie mehrfach hintereinander die Lippen zusammenpresst.

Der Augenzeuge spielt eine wichtige Rolle

Er habe mit seiner Freundin im Ca’n Torrat zu Abend gegessen, erzählt Santiago P.. Der Augenzeuge lieferte der Polizei den entscheidenen Tipp, dass der Tod von Tim V. wohl kein Unfall war. Santiago P. saß auf dem Beifahrersitz und fuhr kurz hinter dem Lieferwagen auf die Autobahn auf. Der weiße Kastenwagen sei mehrfach auf den Standstreifen ausgewichen, was ihm seltsam vorkam. Beim Überholmanöver sah der Mann, wie Tim V. auf die Straße fiel. „Er war entweder tot oder bewusstlos. Kein Muskel zuckte. Er fiel wie ein Kartoffelsack.“ Ungewöhnlich auch die Körperhaltung, die Santiago P. beschreibt. Tim V. habe die Arme vor der Brust verschränkt gehalten und sei seitlich aus dem Lieferwagen gefallen. Allerdings mit dem Gesicht entgegen der Fahrtrichtung. „Das konnte ich im Scheinwerferlicht sehen.“

An dieser Stelle fiel Tim V. auf die Straße.

An dieser Stelle fiel Tim V. auf die Straße. / Bastian Schlüter

Von dem Spanier, der auf der Rückbank war, habe er nur einen Schatten und zwei Arme erkannt, „die den fallenden Körper begleiteten“. Ob es sich dabei um eine stoßende Bewegung handelte, kann Santiago P. nicht sagen. „Es sah aber nicht so aus, als würden die Hände den fallenden Körper zurückhalten wollen.“ Der Lieferwagenfahrer Francisco Jesús J. G. habe starr nach vorne geblickt.

Der Mann, der den Deutschen letztlich überfuhr

Die beiden Angeklagten schüttelten während der Schilderung von Santiago P. vehement den Kopf und blicken finster drein. Der Mann, der Tim V. schließlich mit seinem Fiat überfuhr und der Familie deswegen erst einmal sein Beileid ausspricht, ist Manuel V.. Er sei mit 90 bis 100 km/h auf der rechten Spur unterwegs gewesen, sagt er in seiner Zeugenaussage. Mehrere Autos seien zur Seite ausgewichen – er schaffte es nicht mehr. Im Scheinwerferlicht fuhr er über etwas, was er in diesen Sekundenbruchteilen zunächst als „braunen Pappkarton“ identifizierte. Sein Auto habe einen gewaltigen Sprung gemacht. Manuel V. hielt an, blickte zurück und sah im Schweinwerferlicht der folgenden Fahrzeuge, dass er gerade eine Person überfahren hatte. „Ich stand unter Schock und näherte mich nicht weiter“, sagt er.

Urlauber war stärker betrunken als anfangs gedacht

Die Gerichtsmediziner indes entkräften einige Thesen der Anklage. Tim V. habe drei Verletzungen an Kopf, Brust und Leber aufgewiesen, die vom Überrollen stammen. Bereits eine davon wäre tödlich. Hinweise auf einen Kampf oder ein Ableben im Lieferwagen gebe es nicht. Das unter den Fingernägeln gefundene genetische Material sei nicht den Angeklagten zuzuordnen. Die Autopsie am Tag nach dem Tod stellte einen Blutalkoholwert von 2,41 Promille fest. „Nach meinen Berechnungen hatte das Opfer zum Unfallzeitpunkt gut zwölf Stunden zuvor 4,2 Promille“, so die Forensikerin. Ein ungeübter Trinker würde in dem Fall im Alkoholkoma landen, sagt sie.

Per Video wird in dem Prozess auch Frederik S. hinzugeschaltet, der mit Tim V. im Inselurlaub war. Sie seien im Bierkönig und Megapark gewesen, sagt er, sein bester Freund habe tagsüber Bier getrunken und später zu Wodka Lemon gewechselt Tim V. sei klar betrunken gewesen, aber noch selbstständig, und er habe sich noch artikulieren können. „Er kannte auf jeden Fall den Weg ins Hotel“, sagt Frederik S..

Reichlich Tränen vor Gericht

Die Familie, die am Montag im Gericht in Palma erscheint, besteht dennoch darauf, dass Tim V. kein trinkfreudiger Ballermann-Urlauber war. „Er war mein Sohn und bester Freund. Er hatte einen unglaublichen Charakter“, meint der Vater. Auch die Mutter und die Schwester sagen vor Gericht aus. Der Todestag von Tim V. sei der Geburtstag seiner Mutter.

Es sind die emotionalsten Momente in diesem Prozess. Die Schwester erzählt, wie sie von dem Tod ihres Bruders erfuhr: „Die deutsche Polizei stand vor der Tür. Ich fragte, ob etwas Schlimmes passiert oder gar jemand gestorben sei. Ich ging die Namen durch: Mama, Papa, mein Bruder. Als ich Letzteren nannte, bejahten die Beamten.“ Eine blondhaarige Geschworene mittleren Alters weint ebenso wie Anwältin Maria Barbancho. Auch der Staatsanwältin stehen die Tränen in den Augen.

Auch die Eltern von Francisco Jesús J. G. sitzen weinend im Publikum, als ihr Sohn am letzten Tag der Anhörungen in den Zeugenstand tritt. Er erzählt von einer schwierigen Kindheit, Drogenkonsum seit er 19 Jahre alt war und einer Zeit als Obdachloser. Am Abend, als Tim V. starb, hätten er und José David R. S. gesehen, wie ein Taxi den betrunkenen Urlauber abwies. „José David sagte: Lass uns den Jungen mitnehmen.“ Der Deutsche habe nur „Palma, Palma“ gesagt, weswegen er den Lieferwagen auf die Autobahn fuhr. Vom Unfall selbst habe er nichts mitbekommen. „Ich ging von keiner Gefahr aus, da kaum Autos zugegen waren. Ich sah, wie er kniete und sich aufrappelte.“ Erst Monate später habe er vom Tod erfahren. Nach seiner Aussage bricht der kräftige Kerl im weißen Hemd schluchzend auf der Anklagebank zusammen.

Die Geschworenen verhalten sich wie Studenten. Sie hören zu, machen sich Notizen oder blicken geistesabwesend in die Leere. „Ich trinke weder Alkohol noch nehme ich Drogen. Meine einzige Sucht ist Schokolade“, sagt José David R. S. im Anschluss. Jeden Morgen würde er die Bibel lesen. Er habe sehr wohl auf dem Beifahrersitz gesessen und den „nervösen Deutschen“ einfach nicht verstanden. „Ich hielt ihm das Handy hin, damit er mir auf Google Maps zeigt, wo er hinwill.“ Bis auf eine Berührung am Bein, um den Urlauber zu beruhigen, habe er ihn nicht angefasst. „Ich wollte nicht ständig nach hinten schauen, um ihn nicht noch nervöser zu machen. Er machte die Tür einen Spalt weit auf. Ich spürte den Luftzug.“ Der Spanier habe nach hinten gegriffen, um die Tür zu schließen. „Wenige Sekunden später ging sie wieder auf. Ich schaute nach hinten und der Junge war weg. Ich bin niemand, der anderen das Leben nimmt. Ich hätte kein Motiv. Ich bin selbst Vater“, sagt er. Er habe Tim V. nicht aus dem Lieferwagen gestoßen noch hätte er den Sprung verhindern können.

Nun entscheiden die Geschworenen

Als er in Tränen ausbricht, hat die blonde Geschworene keine Empathie für ihn übrig. Ihr Gesicht drückt aus: „Ich glaube dir kein Wort.“ Auf Basis dieser Aussagen müssen die Geschworenen nun eine Entscheidung fällen. Dafür beratschlagen sie ab Montag (9.12.) und stimmen ab. Ein Sprecher wird dem Gericht dann das Resultat nennen. „Als ich das erste Mal einem Mörder gegenübersaß, sah ich ihm seine Straftat nicht an“, sagt der deutsche Polizist Bruno. Er ist einer der wenigen Zuschauer, die im Publikum des Gerichtssaals weder zu den Angehörigen noch zur Presse zählen. Mit der Zeit und der Berufserfahrung habe er ein Gespür entwickelt, „Arschlöcher und nette Menschen“auseinanderzuhalten. In den Gesichtern der beiden Angeklagten würde er keinen Mörder, sondern nur typische Kleinkriminelle erkennen. Mindestens die blonde Geschworene dürfte es anders sehen.

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