"Stecke halt in einer kleinen Krise": Neben der Autobahn auf Mallorca leben Menschen in einer Barackensiedlung
Trotz Arbeit können sie sich keine Miete auf der Insel leisten. Sonderlich betrübt wirken die Marokkaner aber auch nicht

Die Hütten stehen direkt neben der Autobahn. / Bendgens
Trotz seiner misslichen Lage hat Mohand Haddouti seine nordafrikanischen Gepflogenheiten nicht verloren. „Seid ihr sicher, dass ihr keinen Tee wollt?“, fragt der 56-Jährige, der kaum fünf Meter neben Palmas Ringautobahn in einer selbst zusammengeschusterten Hütte mit drei anderen Männern lebt. Er wirkt nicht unglücklich. „Seit 30 Jahren arbeite ich in Spanien, und immer ging es mir gut. Jetzt stecke ich halt in einer kleinen Krise“, sagt er. Wegen des Verkehrslärms ist er kaum zu verstehen. „Ach, daran gewöhnt man sich.“
Die Wohnungsnot auf Mallorca nimmt immer absurdere Züge an. Schon seit Jahren leben Menschen in Wohnwagen, weil sie sich eine Miete auf der Insel trotz Vollzeitjob nicht mehr leisten können. In diesem Jahr sind die Autobahncamper hinzugekommen. Im Parc de Son Pedrals, das ist vom Ikea aus gesehen auf der anderen Seite der Straße, bildete sich ein Zeltlager. Auf Höhe der Autobahnbrücke in Son Gotleu gibt es nun eine Art Kleingartenanlage. Vor zwei Jahren sei eine Kolumbianerin die Pionierin gewesen, erzählt Haddouti. Er selbst lebt seit ein paar Monaten dort. „Ich habe meine Arbeit verloren und konnte mir die Miete für die Wohnung nicht mehr leisten.“ Sein Schwager und zwei Cousins, die mit ihm auf den vielleicht 15 Quadratmeter leben, nahmen ihn auf.

Der Marokkaner teilt sich die Hütte mit drei anderen Männern. / Bendgens
So sieht es in der Hütte aus
Fünf Hütten sind derzeit auf dem erdigen Boden zwischen der Autobahn und dem Park Ses Sorts bewohnt, rund um jeden sind Beete angelegt. Zwei weitere Buden stehen leer. „Wir sind alles Marokkaner hier, alles Männer“, sagt Haddouti. Die Algerier hausten hingegen unter der Brücke. Der 56-Jährige ist nicht gut auf sie zu sprechen. Das seien „keine guten Leute“, kein „Arbeitervolk“ wie die Marokkaner. Viele von ihnen seien gar nicht an einem Job interessiert, konsumierten Drogen, gingen auf Diebeszug.
Mohand Haddouti zeigt der MZ sein Heim. Die Hütte ist mit Holz aus dem Sperrmüll zusammengebaut. Für die Verhältnisse von Obdachlosen könnte es den Männern schlimmer gehen. Das Wasser holen sie sich aus einem Brunnen in dem Park nebenan. Auf dem Herd, der mit Butangas betrieben wird, kann es zum Duschen erhitzt werden. Selbst Steckdosen gibt es. Der Strom kommt – nicht ganz legal – von einer Straßenlaterne. „Nur wenn sie leuchtet, haben wir Saft“, sagt der 56-Jährige. Das reicht aber aus, um nachts das Smartphone aufzuladen und einen Kühlschrank mit Gefriertruhe zu betreiben. „Wenn wir tagsüber die Türen zulassen, taut das Essen nicht auf.“ Die Decke besteht aus Holzlatten, über die mit Steinen befestigte Planen gespannt sind. Mitunter regne es rein, dann müssten sie zusätzliche Planen anbringen. Mitten im Raum steht ein Baum, der durch die Decke geht. Früher waren es zwei Hütten, die Männer haben sie zusammengelegt.

Mohand Haddouti klagt nicht über seine missliche Lage. / Bendgens
Ratten machen ihnen das Leben schwer
In einer Ecke hängt ein Vorhang, und ein Topf steht auf dem Boden – die Toilette. Der Nachttopf wird im Gebüsch geleert. Das größte Problem der Anlage seien die Ratten. „Die stehen mir bis hier“, sagt der Marokkaner und zeigt mit der Hand zum Hals. Die Drei-Sekunden-Regel ist praktisch ausgesetzt. „Kaum fällt etwas Essbares auf den Boden, stürzen sich die Viecher darauf. Wir haben versucht, Köder anderorts aufzustellen, aber das brachte wenig.“ Neben einer der leer stehenden Hütten bauen die Camper derzeit ein neues Bad. „Wir heben zwei Gruben aus, die wir mit einem Rohr verbinden. Das wird ein Klo aus einem Fünf-Sterne-Hotel“, sagt Haddouti.
Seinen Lebensunterhalt verdient er sich mit Gelegenheitsjobs. „Ich habe immer auf dem Bau als Maurer gearbeitet. Mein Körper macht aber kaum noch mit“, sagt er. Ab und an melden sich ehemalige Chefs und fragen an, ob er nicht aushelfen könne. Ansonsten ist Warten und Ausharren angesagt. „In 30 Jahren hier habe ich keinen Cent Sozialhilfe kassiert“, sagt Haddouti.
Ein Rentner kommt zum Gärtnern vorbei
Vielleicht kann er bald auf das Gemüse aus dem Eigenanbau zurückgreifen. Wobei das nur zum Teil ihm gehört. Der Rentner Mimoun El Hannouchi, der die Hüttensiedlung bei seinem Spaziergang entdeckte, bot seine Dienste als Gärtner an. „Ich habe früher schon in Marokko Gemüse angepflanzt“, sagt der „Chef“, wie ihn sein Landsmann nennt. Acker- und Gartenbohnen sprießen, der Mais ist schon recht hochgeschossen. Kartoffeln, Karotten und Zwiebeln hat er angebaut. „Der Boden ist seht gut, da habe ich keine Bedenken“, sagt er. In einem kleinen Topf zieht er gerade Knoblauch-Sprösslinge heran. Anders als die Camper wohnt der Gärtner aber in einer Wohnung in Son Gotleu. „Es sind feine Leute. Die nehmen keine Drogen, stehlen nicht und arbeiten“, sagt er über seine Landsleute, die in den Hütten leben.

Mimoun El Hannouchi ist Hobbygärtner. / Bendgens
Haddouti scheint das Kleingärtnerfieber noch nicht gänzlich ergriffen zu haben. Eine Rückkehr in seine Heimat kommt für ihn aber trotz Frau und mehrerer Kinder dort nicht infrage. „In Marokko lebt es sich doch genauso bescheiden. Jedes Land hat seine Probleme.“ Ab und an würde zwar die Polizei in der Hüttensiedlung vorbeischauen, Probleme mit den Beamten gebe es aber keine. Und so setzt sich der 56-Jährige seinen Tee auf und wartet, dass seine kleine Krise vorübergeht und die Sonne auch für ihn wieder scheint.
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