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Romantik statt Realität: Horst Lichters Klischee-Blick auf Mallorca

TV-Promi Horst Lichter schwärmt in einer aufwendigen ZDF-Produktion von Mallorca. Braucht es das wirklich noch? Eine Fernsehkritik

Trailer von "Horst Lichters Traumrouten: Unterwegs auf Mallorca"

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ZDF

Sophie Mono

Sophie Mono

Imposante Siedlermusik erklingt, ein Segelschiff, vorgeblich allein auf dem Meer, kommt ins Bild. „Ich fühle mich gerade ein bisschen wie Horst, der Entdecker“, ertönt die Stimme des Fernsehkochs und Entertainers Horst Lichter aus dem Off. Dann sieht man den Rheinländer mit dem auffälligen Schnurrbart an Deck. Schnitt: Am Ufer ist Palmas Kathedrale zu sehen. Die Stimme aus dem Off fährt fort: „Dabei bin ich bei Weitem nicht der Erste, der diesen Kurs eingeschlagen hat. Es kann losgehen auf Deutschlands liebster Urlaubsinsel.“

Lahmer Start

Eine Stunde lang dauert die neue Folge der Doku-Reihe „Horst Lichters Traumreisen“, die am Mittwoch (1.1.) erstmals im ZDF ausgestrahlt wurde und noch immer in der Mediathek zu sehen ist (hier). Eine Stunde, in der es um Mallorca geht, die für Mallorca-Kenner aber mit einer – gelinde gesagt –ziemlich lahmen Erkenntnis beginnt: „Mallorca ist nicht nur Ballermann, Mallorca ist jede Menge Wunderschönes“, so Lichter, als er an Land geht.

Auch seine anfängliche Palma-Tour bietet wenig Aufregendes. Kathedrale, Almudaina-Palast, Altstadtgassen. „Ganz ehrlich, ich habe nicht gewusst, dass die historische Altstadt von Palma so sehenswert ist“, so Horst Lichter. Kurz gibt es kleine Fremdschäm-Momente, als der Rommerskirchener versucht, beim Korbmacherbetrieb Vidal vor den Augen des leicht irritierten Mallorquiners selbst Hand anzulegen.

Zu andalusischer Musik durch die Tramuntana

Danach wird es etwas besser. Zwar lässt es sich das ZDF nicht nehmen, Lichters Motorradtour von Palma nach Port d’Andratx mit „typisch spanischer“ – aber andalusischer – Gitarrenmusik zu untermalen. Und auch Lichters Kommentar zum Nobelort, in dem, wie man erfährt, im Sommer bis zu 450 Luxusyachten ankern, bleibt oberflächlich. „Ich kann mir gut vorstellen, dass man hier die Seele baumeln lassen kann.“ Ja, wie wahr – wenn man es sich denn leisten kann...

Nach einem obligatorischen Abstecher in Valldemossa, wo – Überraschung! – natürlich über den Aufenthalt von Frédéric Chopin und George Sand schwadroniert wird, verlässt der Rheinländer die komplett ausgetretenen Pfade. In Consell schaut er dem Messerschmied Joan Campins über die Schulter. Zum ersten Mal ist so etwas wie Feeling zwischen dem Deutschen und einem Einheimischen zu spüren. Was Lichter zum Abschied denn auch gleich kommentiert. „Also, Joan, ich fühle mich schon ein bisschen wie ein Mallorquiner.“ Na dann.

Prinzessinen-Picknick

Danach geht es zum Picknick auf dem Puig de Magdalena bei Inca, wo die deutsche Auswanderin Astrid Prinzessin zu Stolberg-Wernigerode dem passionierten Koch einen inseltypischen Mittagssnack auftischt – und bei Pa amb Oli und Co. einen kleinen Abriss über die Geschichte der Insel gibt. Der gemeinsame Besuch einer Ball-de-Bot-Aufführung in Binissalem rundet das Treffen ab.

Guter Draht zu Esther Schweins

Essen wird Horst Lichter auch mit Esther Schweins, die ihn am nächsten Tag auf ihrer Pferderanch trifft. Die Schauspielerin und Moderatorin bringt den Gourmet auf den Geschmack von Seefenchel. Dann geht es ans Eingemachte. Schnell werden die Gespräche tiefgründiger, persönlicher. Man merkt, wie verbunden sich Schweins mit der Insel fühlt. Im Auto, auf dem Weg zum Traditionsrestaurant Es Verger, redet sie von der schwierigen Beziehung zu ihrem Vater, auf einem Boot im Hafen von Sóller erzählt sie von ihren traumatischen Erlebnissen während des Tsunamis 2004 in Sri Lanka. „Seitdem will ich das Meer im Blick haben. Ohne den Tsunami wäre ich nicht auf Mallorca gelandet“, sagt sie.

Sasha ganz offen

Auch mit dem Sänger Sasha, den Lichter später in Pollença trifft, entwickelt sich nach einem seichten Einstieg übers Wetter (Lichter: „Ich merke: Auch auf Mallorca kann es mal regnen“) ein interessantes Gespräch. Der Popsänger öffnet sich, spricht über einen Unfall, der ihn bis heute prägt, über seine neue Rolle als Vater, seine Zukunftswünsche. Dagegen wirkt das Treffen mit dem mallorquinischen Steinschleuderweltmeister Juan José Caballero geradezu plump. Rheinisches Palavern und mallorquinische Verstocktheit – die beiden finden nicht zusammen.

Romantische Kulisse

Überhaupt bekommt man den Eindruck, dass Lichter sich zwar gut darauf versteht, sich seinen Landsleuten zu nähern und Mallorca als romantische Kulisse zu nutzen. Die Inselrealität mit ihren Touristenmassen, der Wohnungsnot und den Umweltproblemen wird aber komplett ausgespart. „Ich habe für mich erkennen dürfen, warum Mallorca vielleicht sogar mehr als nur eine Reise wert sein kann“, so Lichters Fazit zu den Drohnenaufnahmen vom Cap Formentor – Mallorca aus der Vogelperspektive.

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