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Weltweit einzigartiges System: Wie ein Start-up-Unternehmen auf Mallorca eine fast metergenaue Wettervorhersage erstellt

Im ParcBit in Palma wollen Unternehmer den großen Wetterdiensten Konkurrenz machen. Meteoclim bietet eine Prognose in Echtzeit an. Nun soll noch ein Satellit hinzukommen, der weitere Daten liefert

Oft regnet es auf Mallorca in manchen Orten, während wenige Kilometer weiter die Sonne scheint.

Oft regnet es auf Mallorca in manchen Orten, während wenige Kilometer weiter die Sonne scheint. / Simone Werner

Ralf Petzold

Ralf Petzold

Sie fehlt in keiner Zeitung oder Nachrichtensendung: die Wettervorhersage. Auf dem Handy ist die App, die Sonnenschein oder Regen anzeigt, in der Regel auf dem Startbildschirm vorinstalliert. Nicht nur bei der Planung der Wochenendaktivitäten oder der passenden Kleidung spielt die Prognose eine extrem wichtige Rolle. Bei Waldbränden oder Überschwemmungen beeinflusst sie die Arbeit der Katastrophendienste maßgeblich. Nun bietet auf Mallorca Unternehmen Meteoclim eine „bis auf wenige Meter genaue“ Vorhersage für die kommenden Stunden an, verspricht der Gründer und Leiter des Start-ups Carlos Alonso. „Nowcasting“ nennt sich das in der Fachsprache. Zudem sollen die Balearen mithilfe der Firma Open Cosmos noch 2025 den ersten inseleigenen Satelliten bekommen. Er soll Wetter- und Klimadaten sammeln.

Alonso kommt eigentlich aus der Physik, war aber schon immer am Wetter interessiert. Er arbeitete für die Balearen-Regierung und war daran beteiligt, eine Agenda im Kampf gegen den Klimawandel zu entwickeln. 2012 machte er sich selbstständig und zog mit Meteoclim in den ParcBit, den Technologiepark außerhalb von Palma. „Es ist ein bekanntes physikalisches Prinzip, dass sich eine elektromagnetische Welle je nach Oberfläche, auf die sie trifft, unterschiedlich verhält“, sagt der 45-Jährige.

Open-Cosmos-Chef Rafael Jordà.  | FOTO: NELE BENDGENS

Meteoclim-Chef Carlos Alonso. / Bendgens

Von Telefonmast zu Telefonmast

Der gebürtige Katalane wendet dieses Prinzip für die Wettervorhersage an. „Ich schaue, wie sich die elektromagnetischen Wellen zwischen zwei Telefonmasten verhalten. Hier ist es die Luftfeuchtigkeit, die ihre Ausdehnung beeinflusst.“ Aus den Abweichungen der Wellen schließt der Physiker Rückschlüsse auf das lokale Wetter. Die Daten müssen dann noch bereinigt werden: Der Polizeifunk oder auch ein schlecht eingestecktes Kabel können Störfaktoren sein. Aus dem Resultat erstellt ein Computerprogramm die Prognose.

Das System mit den Telefonmasten sei weltweit einzigartig, sagt Alonso. Nowcasting gab es auch früher schon. „Zuschauer der Formel 1 kennen es, wenn die Wettervorhersage Regen zu einer bestimmten Zeit in einer bestimmten Kurve ankündigt.“ Alle zehn Minuten spuckt der Meteoclim-Computer eine neue Vorhersage aus, die zu 90 Prozent verlässlich sei. Alonso kann also vorhersagen, wann es in Santa Catalina regnet und zeitgleich in Son Gotleu trocken ist. Bis auf wenige Meter genau. Jedoch immer nur zwei oder drei Stunden zuvor. Für Wetterprognosen, die weiter in der Zukunft liegen, nutzt Meteoclim andere Methoden. „Je länger die Vorhersage ist, umso teurer und ungenauer wird sie.“ Für die kommenden drei Tage kann der Experte noch auf den Kilometer genau eine Einschätzung abgeben. Bei der Vorhersage bis zu sieben Tage in die Zukunft greift er auf Daten anderer Firmen zurück.

Die Verwendung seiner Prognose sei vielfältig, sagt Alonso. „Bei Waldbränden hilft sie der Feuerwehr bei der Koordination der Löscharbeiten. Bei Überschwemmungen ist sie nützlich. Aber auch bei der Solarenergie. Die Anbieter von Solarparks wollen wissen, wann es möglicherweise hagelt und ihre Solarpanele in Gefahr sind.“ Bei der Flutkatastrophe in Sant Llorenç 2018 war Meteoclim noch nicht einsatzbereit. „Wir haben den Tag aber nachträglich simuliert. Wir hätten anderthalb Stunden vorher die exakte Regenmenge und das Gebiet bestimmen können“, sagt der Physiker.

Die Meteoclim-Wettervorhersage gibt es nur auf Anfrage und gegen Bezahlung. Für die Öffentlichkeit ist sie nicht einsehbar. „So verlockend das für uns auch wäre, ist das wirtschaftlich nicht sinnvoll.“ Damit das System funktioniert, braucht das Unternehmen Zugriff auf so viele Telefonmasten wie möglich. „Wir haben ein Abkommen mit Vodafone, würden unser Netzwerk aber gerne noch weiter ausbauen“, sagt Alonso. Den Telekommunikationsanbietern falle es mitunter aber schwer, zu verstehen, was die Wetterexperten wollen. „Wir brauchen immerhin Zugriff in Echtzeit.“ Neben Spanien bietet Meteoclim derzeit seine Dienste in Großbritannien und in Mexiko an. Auswärts gebe es derzeit auch die meisten Kunden. „Auf Mallorca haben wir noch nicht wirklich Fuß gefasst“, räumt Carlos Alonso ein.

Büro-WG mit eigenen Satelliten

Meteoclim ist Teil einer Unternehmensgruppe mit fünf Millionen Euro Umsatz, zu der noch die Telekommunikationsfirma Wireless DNA und die Digitalisierungsexperten B-Grup zählen. In der gemeinsamen Büro-WG ist erst diese Woche noch ein weiterer Partner eingezogen: Open Cosmos. Wie auch Alonso gewann der Gründer der mallorquinischen Satellitenfirma Rafael Jordà mehrere Innovationspreise mit seinem Unternehmen (MZ berichtete). In Zusammenarbeit mit der Balearen-Regierung und vielen Mallorca-Hoteliers soll nun der erste Inselsatellit ins All geschossen werden, der Wetter- und Klimadaten sammelt. Das Projekt wurde am Dienstag (7.1.) vorgestellt.

So sehen die Satelliten aus, die Open Cosmos ins All schießt.  | FOTO: OPEN COSMOS

Rafael Jordà ist der Gründer von Open Cosmos. / Bendgens

4,2 Millionen Euro kostet der Satellit, den Open Cosmos in Barcelona bauen lassen wird. 3,5 Millionen Euro steuert die Balearen-Regierung über EU-Fördergelder bei. Die restlichen Kosten trägt das Unternehmen selbst. „Derzeit sind wir in der Designphase. Danach wird der Satellit gebaut und auf Herz und Nieren geprüft“, sagte Open-Cosmos-Chef Rafael Jordà. Schließlich muss sichergestellt werden, dass der Satellit den Abschuss mit der Rakete ins All übersteht. „Dafür unterziehen wir ihn einem Vibrationstest. Der Satellit wird quasi auf eine große Waschmaschine gestellt, die ihn ordentlich durchrüttelt.“

Einmal in einer Höhe von 400 bis 700 Kilometer angekommen – im Low Earth Orbit (LEO) – umkreist der Satellit alle zwei Stunden die Erde. Alle sechs Tage wird er sich über Mallorca befinden und in der Lage sein, Aufnahmen zu machen. Die Behörden auf Mallorca müssen aber nicht warten, bis der hauseigene Satellit in Position ist, sondern können auch auf die Daten anderer Open-Cosmos-Satelliten zurückgreifen. Zehn Satelliten schoss die Inselfirma bislang ins All, sieben davon existieren heute noch. Bei der Pressekonferenz zeigten die Experten, wie die Satelliten binnen weniger Klicks auf die Insel ausgerichtet werden können. Auch der balearische Flugkörper wird dann wohl für andere Aufträge benutzt, wenn er nicht gerade Mallorca-Bilder schießt.

Mindestens drei Jahre soll die Neuanschaffung im All überstehen. „Danach ist schlicht die Elektronik im Inneren hinfällig“, sagt Jordà. Die ausrangierten Satelliten verglühen dann beim Eintritt in die Atmosphäre. Das könne man dann am Himmel wie eine Sternschnuppe beobachten.

Eine Simulation der Satelliten von Open Cosmos.

Eine Simulation der Satelliten von Open Cosmos. / Open Cosmos

Was lässt sich mit den Satellitenbildern anstellen?

„Wir sind gerade dabei, herauszufinden, welche Daten wir mit dem Satelliten gewinnen können“, sagt Meteoclim-Chef Carlos Alonso. Die Kooperation mit Open Cosmos sieht vor, dass beide Unternehmen die Dienstleistungen der jeweils anderen Firma den eigenen Kunden anbieten. Die Balearen-Regierung als Hauptgeldgeber bekommt die Satellitenbilder natürlich kostenlos. Alle anderen können sie kaufen. „Da reden wir von Preisen in Höhe von Tausenden Euros“, so Jordà.

Die gewonnenen Daten könnten beispielsweise Extremtemperaturen auf Mallorca sein oder Aufnahmen von Waldbränden und Überschwemmungen. Auch Rückschlüsse zur Wasserqualität oder zum Zustand der Seegraswiesen sind denkbar. „Es ist ein Pilotprojekt für die Balearen, ein erster Schritt“, sagte Jordà und kündigte bereits an, dass weitere Inselsatelliten geplant sind, um das Informationsnetz zu vervollständigen. Gleichzeitig trat er aber auch ein wenig auf die Bremse. „Wir werden für 4,2 Millionen Euro nicht die weltweite Problematik des Klimawandels lösen.“

Wann und wo der Satellit ins All geschossen wird, steht noch nicht fest. Open Cosmos mietet sich in der Regel bei anderen Raketenstarts ein. Das könne laut Jordà auch am anderen Ende der Welt sein. Ein Name wird derzeit noch gesucht. Auf der Firmenwebsite können Vorschläge eingereicht werden. Die Entscheidung sollen dann Schulklassen auf der Insel treffen.

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