Habitissimo am Abgrund: wie Mallorcas einstiges Vorzeige-Start-up eine Bruchlandung hinlegt
Das einstige Vorzeige-Start-up Mallorcas will fast alle Mitarbeiter entlassen – das unwürdige Ende von Habitissimo

Die Spielchen in den Büroräumen von Habitissimo sind nun wohl vorbei. / Archivfoto: Manu Mielniezuk
Kaum einen Unternehmerpreis, den Habitissimo nicht abgeräumt hat, kaum ein ranghoher Politiker, der dem 2009 gegründeten Start-up im Laufe der Jahre nicht einen Besuch abgestattet hat. Habitissimo war das Vorzeigeprojekt schlechthin im Technologiezentrum ParcBit am Rande des Uni-Campus in Palma. Ein glänzendes Beispiel dafür, dass Mallorca eben doch mehr kann als nur Tourismus. Dass hier auch technologisch was geht, modern, innovativ und ja, sogar hip. Mit Büroräumen, die eingerichtet sind wie gemütliche Wohnzimmer, mit regelmäßigen Mitarbeiterevents, mit einer Personalchefin, deren Posten sich „Leiterin fürs Wohlbefinden der Angestellten“ nennt. Dinge, die man in coolen Berliner Co-Working-Spaces erwartet, aber nicht in jenem Technologiepark, der es nie so richtig schaffte, sich als neues Silicon Valley der Balearen zu behaupten.
Netzwerk von Bauprofis
Doch der Spaß hat ein Ende: Im Januar hat die Unternehmensleitung von Habitissimo bekannt gegeben, 90 Prozent der Belegschaft zu kündigen. Fast 100 der einst viel beneideten Mitarbeiter sollen auf die Straße gesetzt werden. Die traurige alte Leier vom hohen Flug und tiefen Fall.
Dabei ging es bei dem Start-up, gegründet von Jordi Ber und Martín Caleau, in den ersten Jahren tatsächlich in rasendem Tempo hoch hinaus. Die beiden Jungunternehmer hatten bereits Erfahrungen gesammelt, mit der Gründung von construmatica.com, einem Business-to-Business-Portal für die Baubranche, oder mit anywr.com, einem System zur Verwaltung von Kontakten und Veranstaltungen. 2009 folgte Habitissimo. Das Prinzip der Plattform: Wer einen Handwerker sucht, gibt den Auftrag in eine digitale Suchmaske ein. Firmen aus der Umgebung können darauf bieten. Der Kunde entscheidet, wer den Auftrag bekommt.
Bereits im Jahr 2012 schafften es die Aufsteiger, die Umsätze zu verdreifachen, im Jahr 2014 waren es bereits mehr als fünf Millionen Euro. Laut Erklärung auf der Website hat die Plattform mit ihrer Präsenz in Spanien, Italien und Portugal ein Netzwerk von mehr als 25.000 Bauprofis aufgebaut, von denen mehr als fünf Millionen Haushalte profitieren. Auch nach Südamerika streckte Habitissimo die Fühler aus.
Wohlfühl-Kuscheln zur Mitarbeitermotivation
Und all das von der Zentrale im ParcBit aus, in der die Unternehmenskultur bewusst locker gehalten wurde. Im Sommer wurden die Mitarbeiter ermutigt, in Flipflops zur Arbeit zu kommen. Einmal im Monat feierte das Unternehmen die Geburtstage der Mitarbeiter mit einem Festessen. Und jeder neue Angestellte musste seinen eigenen Ikea-Schreibtisch zusammenbauen. Wohlfühl-Kuscheln, wie man es heute eben so macht – und gleichzeitig eine geschickte Strategie, Mitarbeiter zu halten, Arbeit und Freizeit zu verbinden und Fehlzeiten zu reduzieren.
Genug Gründe, die Firma auszuzeichnen: 2012 wurden Jordi Ber und Martín Caleau bei den Premios Jóvenes Empresarios auf Mallorca geehrt. 2018 erhielt Habitissimo den Premio Pyme der Handelskammer. 2015 gewann das Unternehmen einen Preis beim South Summit, dem größten Treffen für Start-up-Unternehmer in Südeuropa, und wurde in die Top 100 Red Herring Europe aufgenommen – eine Rangliste, die die vielversprechendsten Technologieunternehmen des Jahres würdigt.
Freundschaftliche Kommunikation passé
2017 dann die erste Übernahme: Das Unternehmen wurde Teil der britischen multinationalen HomeServe, die sich auf Hauswartungsdienste spezialisiert hat. Im Januar 2023 kaufte der kanadische Konzern Brookfield Infrastructure, der weltweit tätig ist, HomeServe samt Habitissimo auf. Es war der Anfang vom Ende. Im Januar 2025 gaben die neuen Inhaber bekannt, das ehemalige mallorquinische Start-up stark eindampfen zu wollen – die Zahlen gäben nicht mehr her. Plötzlich schien das Wohlbefinden der Mitarbeiter nicht mehr an erster Stelle zu stehen, ihre Beschwerden, der massive Stellenabbau sei „unverhältnismäßig“, wurden überhört. Der Stellenabbau sei eine „sehr durchdachte und unvermeidliche Entscheidung“, so die Leiterin für Personal und Wohlbefinden, Lidia Nicolau, die auch als Unternehmenssprecherin fungiert.
Überhaupt scheint die einst so freundschaftliche interne Unternehmenskommunikation merklich abgekühlt zu sein. Verantwortliche des balearischen Arbeitsministeriums wollen nun die Vermittlerrolle zwischen Mitarbeitern und Leitung einnehmen – und prüfen, inwiefern der Untergang des einstigen Sterns an Mallorcas Tech-Himmel zu rechtfertigen ist.
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