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Schlüsselübergabe im Eurocampus: Die Gründerin der deutschen Schule auf Mallorca zieht sich zurück

Der Eurocampus ist die einzige von der deutschen Kultusministerkonferenz anerkannte deutschsprachige Einrichtung auf Mallorca, an der man deutsche Abschlüsse machen kann. Dafür hat Gabriele Fritsch jahrelang hart gekämpft. Nun geht sie in Rente

Gabriele Fritsch und Rafael Guerra.

Gabriele Fritsch und Rafael Guerra. / Bendgens

Simone Werner

Simone Werner

Für ihre eigenen Kinder kam das Herzensprojekt von Gabriele Fritsch zu spät. Dafür konnten Hunderte andere Familien davon profitieren. Jahrelang hatte die gelernte Erzieherin dafür gekämpft, auf Mallorca eine deutschsprachige Schule zu gründen, an der man deutsche Abschlüsse machen kann. Dafür war viel Überzeugungsarbeit gegenüber Behörden notwendig. Immer wieder gab es Rückschläge. Später mussten sich Fritsch und ihre Anhänger dann wiederholt gegenüber schwarzen Schafen durchsetzen, die ein ähnliches Konzept (ohne Lizenz) anbieten wollten.

Nun geht die Gründerin der Eurocampus-Schule in Rente. Am 13. Juni wird sie beim Schuljahresabschluss mit Abiturehrung ein vorerst letztes Mal auf der Bühne stehen. „Eine offizielle Verabschiedung für mich gibt es nicht“, sagt Fritsch der MZ. Wenn ihre Schüler sie mit Musical-Highlights auf eine Zeitreise mitnehmen, dürfte ihr aber schon so manches Nostalgie-Tränchen die Wange herunterkullern. Die Staffelübergabe fällt ihr nicht leicht. „Es ist zwar schon eine Art Abschied, aber noch nicht ganz“, schränkt sie ein. Noch behalte sie ihr Büro in dem Gebäude, das sich die Schule mit dem ehemaligen Porciúncula-Priesterseminar teilt. „Ich werde im Sommer weiter arbeiten, um das neue Schuljahr und die Übergabe an meine Nachfolger vorzubereiten. Auch die Sitzung des Schulvereins im Oktober werde ich noch halten“, so Fritsch, die seit 1983 auf der Insel lebt.

Mit dem damaligen Konsul, Wolfgang Wiesner, im Februar 2009.

Mit dem damaligen Konsul, Wolfgang Wiesner, im Februar 2009. / Bendgens

Nur noch ein großer Wunsch

Sie wirkt wehmütig, aber auch erleichtert. Fritsch ist sich sehr bewusst darüber, was sie geschafft hat und nun zurücklässt. „Ob man als Schulleiter an eine Schule kommt oder sie selbst gegründet hat, ist etwas ganz anderes. Alles, was ich erreichen wollte, habe ich erreicht. Ich habe nur einen großen Wunsch: dass das Projekt so weitergetragen wird.“ Damit appelliert sie neben der neuen Schulleitung auch an den aus Eltern bestehenden Schulverein (siehe Kasten unten). Ohne ihn hätte sie all die Meilensteine der vergangenen Jahre nicht erreicht.

Anfang der 90er-Jahre lebte die aus der Nähe von Köln stammende Auswanderin Gabriele Fritsch mit ihrem Mann Rafael Guerra und den beiden Söhnen in der Nähe von Santa Eugènia. Die Jungs gingen damals in Binissalem auf eine private deutsche Schule. Es war zu jener Zeit die einzige Möglichkeit, Kinder in ihrer deutschen Muttersprache unterrichten zu lassen. Fritsch erfuhr dann, dass die Schule gar keine Abschlüsse abnehmen darf, und bald geschlossen werden sollte. „Mit dieser Perspektive wollte ich unsere Kinder nicht weiter dorthin gehen lassen“, erinnert sie sich. Die Jungs wechselten auf die französische Schule und Fritsch nahm das Projekt „deutschsprachige Schule“ selbst in die Hand.

Wird den täglichen Umgang mit den Kindern vermissen: Gabriele Fritsch auf einer Aufnahme von Mai 2025.

Wird den täglichen Umgang mit den Kindern vermissen: Gabriele Fritsch auf einer Aufnahme von Mai 2025. / Bendgens

Fritsch fing klein an, eröffnete 1993 auf dem Gelände des Franziskaner-Ordens La Porciúncula an der Playa zunächst einen deutsch-spanischen Kindergarten. Pere Ribot, den damaligen Direktor des Col∙legi La Porciúncula und heutigen Oberen des Franziskaner-Ordens, hatte Fritsch bereits einige Jahre zuvor kennengelernt. Die beiden verstanden sich gut. Im Jahr 2000 gründete Fritsch dann den Schulverein.

Schon seit knapp 20 Jahren Teil des Vereins und auch aktuell noch im Vorstand ist Ursula Müller-Breitkreuz. Ihre Tochter verbrachte nach dem Eurocampus-Kindergarten ihre ganze Schullaufbahn an der Schule, schloss sie mit dem Abitur ab. „Wir waren ein spanischsprachiger Haushalt. Für mich war es wichtig, dass meine Tochter die deutsche Sprache mitlernt. Zudem hat man mit dem deutschen Abitur weltweit die meisten Möglichkeiten“, sagt Müller-Breitkreuz.

Steiniger Weg

Der Kampf durch die Verzweigungen der deutschen und spanischen Schulgesetzgebung begann. „Damals kannte man mich noch nicht. Wir sind so oft gegen die Wand gelaufen, hingefallen, wieder aufgestanden und haben weitergekämpft. Es hat viele Emotionen gekostet“, erinnert sich Fritsch. Im Gegensatz zu anderen weniger seriösen Anbietern gelang es ihr, das Vertrauen des deutschen Konsulats und der für die deutschen Auslandsschulen zuständigen Kultusministerkonferenz zu gewinnen. Zwei Jahre nach der Gründung des Schulvereins, zum Schuljahr 2002/2003, trudelten auf dem Gelände die ersten Schulkinder in den Klassen 1 bis 4 ein. „Wir haben ein großes Fest veranstaltet. Dazu sind extra Freunde und Familienmitglieder von mir angereist. Auch der damalige Konsul war da. Damals waren es gerade einmal 19 Schulkinder“, weiß Fritsch.

Gabriele Fritsch auf einer Aufnahme von September 2012.

Gabriele Fritsch auf einer Aufnahme von September 2012. / Bendgens

Umzug nach El Terreno

Weil es auf dem Geländer der Franziskaner zu eng wurde, zog Eurocampus nach nur einem Schuljahr in eine Villa in Palmas Stadtteil El Terreno, teilte sich die Räumlichkeiten dort mit der schwedischen Schule. Daniela Hangiri, die fast zehn Jahre lang bei Eurocampus als Lehrerin war, erinnert sich noch genau daran. „Es war kein Schulgebäude. Stattdessen wurden Wohnungen zu Schulräumen umfunktioniert. Auch andere Leute, die mit der Schule nichts zu tun hatten, haben dort gewohnt“, so die Mittelfränkin. Auch sie wohnte damals selbst in dem Gebäude. „Von meinem Balkon aus hätte ich den Pausenhof beaufsichtigen können“, scherzt sie. Nach nur einem Schuljahr als Lehrerin in Deutschland war die Arbeit bei Eurocampus für sie das Beste, was ihr als Neu-Einsteigerin hätte passieren können.

Hangiri erlebte mit, wie Fritsch, der Schulverein und die Lehrerschaft Eurocampus ständig weiter ausbauten und das Projekt immer weiter wuchs. „Der Eurocampus hat nie ganz den deutschen Schulcharakter bekommen, aber es ging immer mehr in die Richtung – ob Fachräume, die hinzukamen, oder Klassen, die zumindest etwas größer wurden“, so Hangiri.

Der Schulverein

Träger des Eurocampus ist ein Schulverein: Ob Barcelona oder Palma: Träger der deutschen Auslandsschulen ist jeweils ein Schulverein. Das ist auch eine Voraussetzung für die Zulassung der Schule. Alle Eltern der Eurocampus- Schüler sind Teil des Vereins. Der Vorstand entscheidet unter anderem über Personaleinstellungen, Sanierungen, Umzüge und Finanzen. Der Eurocampus finanziert sich über die Schulgebühren. Die pädagogische Leitung hat die Schulleitung inne.

Ein paar der erreichten Meilensteine

2007 unterzeichnete Eurocampus einen Kooperationsvertrag mit der Deutschen Schule Barcelona – der Grundstein dafür, dass die Schule den Realschulabschluss anbieten konnte. Gleichzeitig bereiteten die Verantwortlichen die gymnasiale Oberstufe vor, damit die Schüler auch Abitur machen können. Im Schuljahr 2013/2014 war dann erstmals auch eine zweijährige Abiturvorbereitung möglich.

Als Ursula Müller-Breitkreutz ihre Tochter im Eurocampus anmeldete, konnten die Schüler dort noch nicht einmal die Mittlere Reife ablegen. „Das musste hart erarbeitet werden und ging nur, da es Eltern gab, die an einem Strang zogen“, sagt sie. Auch, dass mittlerweile das Abitur möglich sei, sei dem Einsatz und Fleiß der Gründereltern zu verdanken.

Umzug zurück an die Playa

Mitte der Zehnerjahre gab es so viele Klassen, Schüler und Lehrer, dass die Villa in El Terreno zu klein wurde. Zum Schuljahr 2016/2017 zog der Eurocampus zurück aufs Porciúncula-Gelände. „Wir haben Stück für Stück immer mehr Platz eingenommen und uns über die verschiedenen Stockwerke ausgebreitet. Es ist unglaublich, wie groß der Eurocampus mittlerweile ist“, sagt Hangiri.

Gabriele Fritsch 2016 beim Wiedereinzug in der Porciúncula.

Gabriele Fritsch 2016 beim Wiedereinzug in der Porciúncula. / Bendgens

Statt einst 19 Schüler gibt es derzeit 243 (30 Kindergartenkinder nicht mit eingerechnet), die meisten davon sind deutschsprachig. Sie sind auf zwölf Klassenstufen verteilt und werden aktuell von 27 Lehrern in über 15 Klassenräumen unterrichtet. Zum Personal hinzu kommen Praktikanten sowie Erzieher, die im Kindergarten arbeiten. Kindergarten und Schule sind aber getrennt voneinander. Fritschs Mann Rafael Guerra schmeißt etwa die Buchhaltung, überwacht die Sicherheitskameras oder kümmert sich um Hausverwalter-Tätigkeiten.

Von einigen der Klassenräume aus sieht man das Meer, die weiße Strandkirche und die Playa. Vom Trubel dort ist die Schule dennoch weit entfernt, sie liegt eher idyllisch. Im Klostergarten versteckt das Personal zu Ostern schon einmal Eier. Der Standort hat auch weitere Vorteile: Die Schule kann die Sportanlagen wie auch das Schwimmbad der spanischen Schule mitnutzen. In der benachbarten Kantine können die Schüler warmes Essen bestellen. Auch die Kirche La Porciúncula sowie den darunterliegende Theatersaal nutzt die Schule.

Blick von einem der Klassenzimmer aus.

Blick von einem der Klassenzimmer aus. / Bendgens

Höhen und Tiefen

Als Fritsch die MZ durch die Räumlichkeiten führt, lässt sie auch ein bisschen die vergangenen Jahre Revue passieren. „Wir hatten Höhen und Tiefen, etwa die Wirtschaftskrise 2008/2009. Damals hatten wir plötzlich nur noch die Hälfte an Schülern. Dennoch haben wir zu keinem Zeitpunkt ans Aufhören gedacht“, betont sie.

Zu den großen Herausforderungen gehöre nach wie vor die hohe Fluktuation an Schülern. „Wir rechnen zu jedem neuen Schuljahr mit 30 Prozent Wechsel“, sagt Fritsch. Auch die Finanzierung, aus der sich die bis zu 900 Euro pro Monat hohen Schulgebühren ergeben, sei eine Herausforderung. „Wir könnten nicht garantieren, einen Fünf-Jahres-Plan einzuhalten.“ Die aktuellen Wohnungspreise würden zudem viele Lehrer abschrecken.

Verantwortung aufteilen

So viel Verantwortung, das hat Fritsch in den vergangenen Jahren gelernt, sollte am besten auf mehrere Schultern verteilt werden. Die Schulleitung werden daher künftig vier Lehrer innehaben, drei leiten die höhere Schule, eine Lehrerin die Grundschule. Bisher war Fritsch nicht nur Schulleiterin, sondern auch Vorstandsvorsitzende im Schulverein. Auch das soll künftig anders organisiert werden. Mehr Details will Fritsch noch nicht bekannt geben. „Der Grundstock ist in diesen 22 Jahren gelegt worden. Es muss aber weiter engagierte Eltern geben, die den Eurocampus weiter voranbringen“, betont Ursula Müller-Breitkreuz. Leider seien viele Eltern reine Konsumenten. „Sie sehen nicht, was alles dahintersteckt.“

Zuletzt mussten die Abiturienten für die Abiturprüfungen noch zur Deutschen Schule nach Barcelona. Ab dem kommenden Schuljahr sammeln sie auf Mallorca dann schon ab der elften Klasse Punkte, die fürs Abi relevant sind. Bald sollen sie ihr Abitur dann vollständig auf Mallorca ablegen können. Damit hätte Fritsch alles erreicht, was sie sich je vorgenommen hat. „Was sie aufgebaut hat, ist sehr lobenswert. Alles ist auf einem guten Weg. Sie kann ihr Baby guten Gewissens übergeben“, findet auch Konsul Wolfgang Engstler. Und nun? „Bauen wir eine deutschsprachige Uni auf “, sagt Rafael Guerra und lacht.

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