Wie ein Mann 27 Jahre lang Mallorcas Seele rettete - und sie jetzt ausstellt
Der Historiker Miquel Ballester hat eine riesige und zugleich beeindruckende Sammlung mit historischen Alltagsgegenständen zusammengetragen. Seit Kurzem stellt er sie in Campos aus - und macht Geschichte lebendig

Die Aufteilung der Räume ist an technische Museen in Deutschland angelehnt / Nele Bendgens
Die Stöcke sind kurz. Einem Erwachsenen reichen sie nur knapp übers Knie. Keine Größe, die man von einem bequemen Spazierstock erwartet. Gleich mehrere davon hängen an der Wand, daneben alte Schafsglocken und Schurwerkzeuge. „Es waren oft Kinder, die auf Mallorca die Schafe hüteten. Mit der Stockspitze piekten sie Ausreißer in die Seite“, erklärt Miquel Ballester Julià. Alte Objekte wie die Schäferstöcke sind für den promovierten Historiker eine Brücke zur Vergangenheit. Jeder Gegenstand erzählt eine Geschichte. Und wenn ihm jemand zuhört, dann erzählt Ballester sie weiter. Geschichten eines Mallorcas, das es so heute nicht mehr gibt, das aber in Ballesters riesiger Privatsammlung weiterlebt.
27 Jahre lang gesammelt

Eine Alte Schmiede / Nele Bendgens
Der 56-Jährige ist in seinem Element, wenn er durch die Räumlichkeiten seines „Etnogràfic Campos“ läuft, vorbei an Tausenden kleiner und großer Exponate. Mehr noch: Es ist sein Lebenswerk, das ihn hier, in dem dreistöckigen Gebäude auf gut 1.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche umgibt. 27 Jahre lang hat der Mallorquiner die alten Gegenstände gesammelt. „Früher war ich zeitweise an der Organisation kulturhistorischer Wechselausstellungen beteiligt“, berichtet er. Es habe ihm in der Seele wehgetan, wenn die Exponate danach wieder hinter den Türen der Eigentümer verschwanden. Also begann er selbst mit dem Sammeln. Auf Märkten, in Antiquitätenläden und bei Privatleuten erwarb Ballester Dinge, die einst auf Mallorca genutzt wurden, die vielen aber kaum noch ein Begriff sind. Jetzt hat er sie so angeordnet, dass sie die Vergangenheit anschaulich widerspiegeln.
Nichts im „Etnogràfic Campos“ deutet darauf hin, dass die Dauerausstellung von Privatleuten erschaffen ist – und offiziell gar nicht als Museum bezeichnet werden darf. „Dafür bräuchte ich eine vollständige Liste des Inventars“, sagt Ballester. Die hat er nicht, dafür ist aber alles perfekt in Szene gesetzt. Auch die Beleuchtung und die Infoschilder auf Spanisch, Katalanisch und Englisch wirken professionell wie in einem herkömmlichen Museum. Kein Wunder: Neben dem Studium der Kunstgeschichte absolvierte Ballester auch einen Master in Erforschung und Management von Kulturerbe. Alles in seiner Sammlung trägt seine Handschrift. Jedes Ausstellungsstück hat Ballester, der hauptberuflich Beamter ist, in seiner Freizeit ausgesucht, historisch eingeordnet und wenn nötig restauriert. Mühselig? „Nein, einfach toll“, sagt er. „Ich sehe sofort, ob etwas wirklich alt ist oder nicht.“
Räume, wie es sie wirklich gab

Ein altes mallorquinisches Schlafgemach / Nele Bendgens
Beim Bau des „Etnogràfic“ unterstützte ihn drei Jahre lang sein Lebenspartner Andrés Melero. Sie errichteten das Ausstellungsgebäude auf einem bis dahin weitgehend ungenutzten Grundstück der Familie in Campos. „Ich habe mich beim Aufbau der Ausstellung und der Aufteilung der Räume stark an technischen Museen in Deutschland orientiert. Sie gefallen mir am besten, um die Objekte so in Szene zu setzen, dass sie die Vergangenheit lebendig machen“, sagt Ballester. Sprich: Es sind Räume, in denen die Gegenstände nicht nur willkürlich aneinandergereiht sind, sondern in ihrem Arrangement als Kulisse historischer Filme dienen könnten. Räume, wie es sie so oder so ähnlich wirklich vor 100 oder 200 Jahren gegeben hat.
Im Erdgeschoss bekommen die Besucher zunächst Einblicke in Mallorcas einstige Landwirtschaft. „Die Maschinen ersetzten die Nutztiere auf Mallorca erst um1930, viel später als in Deutschland“, sagt Ballester und deutet auf alte Pflüge, die erst von Ochsen, später von Maultieren gezogen wurden. „Die Kutsche hier hat dagegen mehr zu bieten als die Tesla-Autos heute, dabei ist sie aus dem Jahr 1890“, betont der Mallorquiner und führt begeistert die mechanisch ausfahrbare Trittleiter und die herunterfahrbaren Glasfenster vor.

Eine Kerzenmacherei / Nele Bendgens
Dann führt er die Besucher an einer alten Schmiede mit Luftpumpe aus dem Jahr 1833 vorbei zu einer Weinkellerei mit überdimensionalem Gärfass. „Das gehörte früher meinem Vater. Er bezahlte jedes Jahr den kleinsten Mann im Dorf dafür, hineinzuklettern und es von innen zu säubern.“ Danach geht es zu einer Tischlerwerkstatt: „Fühlen Sie mal, diese getrocknete Haut eines Rochens wurde zum Schleifen benutzt, bevor es Schmirgelpapier gab. Genial, oder?“
Alles von Mallorca

Ein altes Schulzimmer / Nele Bendgens
Im ersten Stockwerk sind alte Handwerke ausgestellt, die es gar nicht mehr oder kaum noch auf Mallorca gibt. Eine Bäckerstube: „Ende des 18. Jahrhunderts löste Zink die alten Kupfer-Backformen ab“, sagt Ballester. „Damals war das eine Revolution – wie später beim Kunststoff“. Ein Sattlerbetrieb und ein Schuhmanufaktur. („Die Schuhmacherin Magdalena Sampol aus Mancor de la Vall war 1947 die erste eingetragene weibliche Unternehmerin der Insel, ihre Schuhe mit chinesischen Stickereien lagen voll im Trend, aber als Frau hatte sie es nicht leicht.“) Oder ein traditioneller mallorquinischer Messerschleifer (trinxeter), eine Töpferwerkstatt wie aus den 1820er-Jahren, mit originalen alten Siurell-Figuren, eine Molkerei, eine Weberei, eine Schneiderei, eine Bonbon-Produktion …

Miquel Ballester in einer alten Ölmühle in seiner Ausstellung "Etnogràfic Campos" / Nele Bendgens
Besonders liebevoll eingerichtet hat Ballester einen alten Krämerladen wie aus dem 19. Jahrhundert. Das Auge kann sich kaum sattsehen an all den Details, die sich in den riesigen – ebenfalls alten – Geschäftsregalen finden. Daneben ein Café mit angeschlossenem Barbiersalon, wie es sie um 1910 viele auf Mallorca gab. Fast kann man den Geruch nach Rasierwasser und Likör noch erahnen – nicht zuletzt, weil auch hier alte Flaschen das Gesamtbild prägen. „Alle Gegenstände in der Ausstellung stammen wirklich von Mallorca, nichts ist von außerhalb“, versichert Ballester. Abgesehen von einigen Fliesen, die zwar seit mindestens 200 Jahren auf der Insel weilen, aber einst auf dem Festland hergestellt wurden.
Im oberen Stock kommt man den Vorfahren noch näher. Alte Schlafgemächer sind aufgebaut, an Haken hängen originale Nachtgewänder, im Regal stehen Bücher wie der „Ratgeber zur Ehe – theoretisch und praktisch“. Es sind Geburtsstühle zu sehen, wie sie die wohlhabenden Mallorquinerinnen einst nutzten – und Schemel, die den ärmeren bei der Niederkunft dienten. An Bügeln hängen alte Trachten und Kopftücher. „Bis 1925 bedeckten die Frauen ihr Haar. Das ist nur 100 Jahre her“, sagt Ballester.

Ein alter Barbiersalon / Nele Bendgens
So könnte er stundenlang weitererzählen, tagelang, wochenlang. Langweilig würde es nicht. „Es ist der letzte Versuch, etwas von der mallorquinischen Kultur zu bewahren, die dabei ist, komplett zu verschwinden“, sagt er. Wegen der Globalisierung, wegen der Zugezogenen, „und weil wir Mallorquiner noch nie gut darin waren, das Unsere zu verteidigen.“ Was nicht heißt, dass Ballester die Vergangenheit romantisiert. „Es waren auch Zeiten von Unterdrückung und Armut“, sagt er. „Aber sie sollten nicht vergessen werden.“
Als das „Etnogràfic Campos“ im April 2025 eröffnete, kamen auch Vertreter öffentlicher Institutionen vorbei. Sie hinterließen lobende Worte, aber bisher keinen Cent Unterstützung, bedauert Ballester. Nicht dass er mit der Ausstellung reich werden will. „Ich bin froh, wenn ich die Fixkosten decken kann. Und vielleicht etwas Geld übrig habe, um mir Museen in anderen Ländern anzusehen.“ Künftig will er mit Schulen und Reiseveranstaltern kooperieren. Übersetzer könnten bei deutschsprachigen Führungen helfen. Ballester freut sich über jeden, der sich für seine Sammlung interessiert. „Hier lebt die Seele der Insel auf“, sagt er.
Führungen ab 5 Personen nach Absprache, Eintritt: 10 Euro. Mehr Infos auf www.etnografic-campos.com
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