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Größter sozialer Brennpunkt auf Mallorca - unterwegs in Son Gotleu

Mohamed Boutoil gibt als neuer Sprecher der Anwohner dem Einwandererviertel eine Stimme und kämpft für Veränderungen

Der neue "Boss" in Son Gotleu, Mohamed Boutoil.

Der neue "Boss" in Son Gotleu, Mohamed Boutoil. / Sarah López

Sarah López

Sarah López

Die Menschen tummeln sich auf den Straßen, trinken Minztee aus Gläschen, kaufen in kleinen Läden ein. Auf den ersten Blick wirkt Son Gotleu, Palmas größtes und bekanntestes Brennpunktviertel, heimelig – wie ein Ort, an dem sich die Menschen grüßen und niemand mit arroganter Miene vorbeimarschiert. Doch der zweite Blick fällt auf den Verfall: bröckelnde Gehwege, beschädigte Bushaltestellen, heruntergekommene Gebäude. Für rund 10.000 Menschen ist dies ihr Lebensmittelpunkt auf Mallorca.

Der marokkanische Ladenbesitzer Mohamed Boutoil gehört zu ihnen. Seit 27 Jahren lebt er im Viertel, seit drei Monaten ist er der neue Sprecher der Nachbarschaftsvereinigung. „Ich werde hier respektiert, weil ich der Präsident bin“, sagt er mit Stolz.

Müll, Risse, leerstehende Autos – der Alltag in Son Gotleu

Nur wenige Meter von der Hauptstraße, dem Carrer d’Indalecio Prieto, wird die Verslumung des Viertels noch deutlicher: Alte Möbel und Mülltüten stapeln sich vor Containern. Verlassene Autos stehen am Straßenrand – einige seit Monaten, sogar Jahren, wie Boutoil versichert. Der Gehweg hat an vielen Stellen Risse. „Erst vor ein paar Tagen ist hier eine ältere Frau gestürzt“, erzählt er und deutet auf den Boden. Die Fliesen sind gebrochen – oder fehlen ganz.

Über die kaputten Fliesen stolperte eine Frau und verletzte sich.

Über die kaputten Fliesen stolperte eine Frau und verletzte sich. / Sarah López

Weiter durch das Viertel zeigt sich ein ähnliches Bild: einige besetzte und heruntergekommene Häuser, blätternde Fassaden, Müll vor den Türen. Die Bäume an den Straßenrändern wuchern unkontrolliert über Balkone. Gärtner der Stadt Palma sehe man hier kaum, sagt Boutoil. „Die Menschen hier zahlen wie alle anderen Steuern und haben das Recht, in einem gepflegten Viertel zu leben.“

Er zeigt auf einen Transporter, vollgeladen mit Holzresten. „Die gitanos (so nennt man Roma in Spanien, Anm. d. Red.) nehmen Bauschutt von Renovierungen gegen einen Aufpreis mit. Dann bezahlen sie Algeriern im Viertel fünf Euro, damit sie den Müll nachts in Container werfen“, sagt der Marokkaner. Am nächsten Morgen seien die Tonnen überfüllt.

Obwohl die Reinigungsfirma Emaya täglich unterwegs ist, bleibe vieles liegen – vor allem in sogenannten „privaten Straßen mit öffentlicher Nutzung“, Gassen zwischen den Häusern. Für deren Instandhaltung sind eigentlich die Eigentümer der umliegenden Gebäude zuständig. Doch viele der Wohnungen sind besetzt – und somit fühlt sich niemand verantwortlich. Immer wieder sei er im Gespräch mit den Emaya-Verantwortlichen, damit sie auch diese Gassen instand halten – bisher erfolglos. „Manchmal packen wir auch alle zusammen an“, sagt Boutoil. Doch der Effekt der Aufräumaktionen würden nicht lange anhalten: „Nach ein paar Tagen ist alles wieder komplett vermüllt“, sagt der Viertelsprecher und schüttelt nur den Kopf.

„Ich will, dass meine Nachbarn glücklich sind“

Boutoil schlendert lässig durch die Straßen, trägt eine Sonnenbrille und ein T-Shirt mit der Aufschrift: „Who’s the boss? I’ll let you know.“ Er läuft wie ein Chef – und fühlt sich offenbar auch wie einer. Ständig wird er von Nachbarn gegrüßt, fragt zurück: „Wie geht’s euch?“ Mal spricht er sie auf Spanisch an, mal auf Arabisch, seiner Muttersprache. Er versichert, hier jeden zu kennen: Boutoil hat einen Lebensmittelladen im Viertel und baut aktuell ein weiteres Lokal um.

Der Marokkaner tritt in die Fußstapfen des 2022 verstorbenen langjährigen Anwohnersprechers Ginés Quiñonero. Die Rolle als Präsident habe er nicht aktiv angestrebt, sagt Boutoil: „Die Nachbarn haben mir das eher aufgedrückt.“ Schon vorher habe er stets ein offenes Ohr für die Klagen der Anwohner gehabt – und ein klares Ziel: „Ich will, dass meine Nachbarn hier glücklich sind.“

Sicherheitslage des Viertels

Ein weiteres Problem des Viertels ist für den Marokkaner: die Sicherheit. Zwar sieht man bei unserem Besuch einige Ortspolizisten auf Motorrädern, doch Boutoil winkt ab: „Die gucken nicht mal zur Seite.“ Sie würden einfach nur durchfahren, seien nicht wirklich präsent. „Damit hier mal wirklich Polizei auftaucht, muss Blut auf dem Boden liegen.“ Für den Viertelsprecher würde mehr Polizeipräsenz im Viertel die Situation verbessern: „Wenn jemand das Auto auf die Busfahrbahn parkt und von der Polizei einen Strafzettel bekommt und das Auto abtransportiert wird, würde er es sicher nicht so schnell wieder tun“, sagt Boutoil. Es scheint, dass er mehr Unterstützung von der Polizei und der Stadt Palma sucht – und den Fokus nicht so sehr auf die Selbstorganisation der Nachbarschaft legt.

Das Zusammenleben zwischen den vielen Gruppen – zugezogenen Spaniern, Mallorquinern, gitanos und Migranten, vor allem aus afrikanischen Ländern – funktioniere grundsätzlich gut. Probleme gebe es vor allem mit einigen Algeriern, jungen, nach der Bootsüberfahrt auf der Insel gestrandeten Migranten, die in die Kleinkriminalität und Drogensucht abdriften. Sie lebten in besetzten Wohnungen und blieben nur vorübergehend, sagt Boutoil.

Immer wieder betont er auch, dass in Son Gotleu viele hart arbeitende und gute Menschen leben. Doch er fügt auch hinzu: „Wenn sie es sich leisten können, ziehen sie weg.“

Zu seinen Aufgaben als Sprecher gehört es, wöchentlich Missstände bei der Stadtverwaltung, der Ortspolizei oder Miquel Busquets, dem Chef der Behörde für Bürgersicherheit, zu melden. Die Antwort sei meist dieselbe: Ja, es sei schlimm, und ja, man müsse etwas tun. Doch geschehen sei bislang wenig. Im Gespräch sieht Boutoil das Glas eher halb leer als voll und unterstreicht vor allem die Probleme. Dennoch ist sein Fazit nicht ganz negativ. In den fast 30 Jahren, die er in Son Gotleu lebt, habe sich manches verbessert. „Früher war es hier noch schmutziger – und noch gefährlicher“, sagt er.

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