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Schleuser vor Gericht: Für 1.000 Euro über das Mittelmeer auf die Balearen

Die Angeklagten sollen Ende Mai 2025 eine Gruppe von Migranten von Algerien nach Formentera geschleust haben. Es ist ein Fall von vielen. Eindrücke einer Gerichtsverhandlung

Die Angeklagten am 25.10. vor dem Gericht in Palma.

Die Angeklagten am 25.10. vor dem Gericht in Palma. / Sarah López

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Sarah López

Sarah López

Die Bilder des Videos sind an diesem Morgen vom Zuschauerraum aus nicht zu sehen, doch was durch den Saal im Oberlandesgericht dringt, sind Schreie, arabische Wortfetzen, vielleicht Stoßgebete. Dazu das Rauschen des Windes und das Dröhnen des Motors. Es ist nur der 40 Sekunden lange Ausschnitt einer Überfahrt von Algerien nach Formentera, doch er vermittelt die Dramatik der Situation – und könnte nun, vier Monate später, für einen Schuldspruch reichen.

Die Balearen werden für Migranten aus Afrika (und mittlerweile auch einzelne aus Asien) verstärkt zum Tor in die Europäische Union. Die konservative Balearen-Regierung wirft der sozialistisch geführten Zentralregierung vor, nicht genügend gegen die Schlepperbanden zu unternehmen. Madrid verweist hingegen darauf, dass dieses Jahr bereits 69 Schleuser festgenommen wurden – ein „wichtiger Beitrag im Kampf gegen die Mafias“, wie es kürzlich hieß, auch wenn das Hauptziel weiterhin die Rettung von Menschenleben auf See bleibe.

Die Prozesse gegen die mutmaßlichen Schleuser sind mittlerweile Routine: Heute sind in Palma zwei junge Männer in Jogginghosen und Adiletten an der Reihe: Fethi B. (25) und Mohamed H. (24). Sie sollen in der Nacht vom 25. auf den 26. Mai dieses Jahres von der Hauptstadt Algier aus in einem nur sechs Meter langen Boot die Balearen angesteuert haben – zusammen mit 14 weiteren Personen, darunter vier Minderjährigen. Die Staatsanwaltschaft beschuldigt die beiden Algerier deswegen der „unerlaubten Einreise mit Bereicherungsabsicht und Inkaufnahme der Gefährdung von Leben oder körperlicher Unversehrtheit“ – und fordert jeweils sieben Jahre Haft.

Für 1.000 Euro nach Europa

Die Anklage stützt sich auf zwei Zeugenaussagen. Mohamed I. und Fahrid B. waren mit an Bord und haben die beiden Angeklagten als Bootsführer identifiziert. Die Polizei hat ihre Vernehmung aufgenommen, auch diese Videos werden an diesem Tag abgespielt. Sie hätten sich damals in einem Haus nahe der Küste mit den anderen Migranten versammelt, sagen die beiden darin aus. Gegen Mitternacht seien sie dann von Mitgliedern der Schlepperbande an den Strand gebracht worden. Für die Überfahrt hätten sie 140.000 algerische Dinar bezahlt, umgerechnet knapp 1.000 Euro.

Die beiden Beschuldigten hätten sie erst am Strand angetroffen, so die Zeugen. 16 Menschen stiegen an Bord. Fethi B. und Mohamed H. hätten sich am Steuer abgewechselt. Mohamed H. habe sich darum gekümmert, per GPS auf seinem Handy auf Kurs zu bleiben – doch dann sei das Handy ins Wasser gefallen. Einen Kompass soll es ebenfalls gegeben haben. Um das Nachtanken des 115 PS starken Außenbordmotors habe sich zumeist Fethi B. gekümmert.

Die Überfahrt habe sechs bis sieben Stunden gedauert, es sei beängstigend gewesen. Auf hoher See sei das Meer stark aufgewühlt gewesen. Schwimmwesten habe es keine an Bord gegeben, auch kein Essen oder Getränke. Einige Insassen hätten sich übergeben, viele hätten große Angst gehabt. Dazu gehörte auch der Zeuge Fahrid B. – sein Bruder war zuvor bei dem Versuch, nach Spanien zu gelangen, im Mittelmeer ertrunken. Er habe einen der Bootsführer deswegen nach seiner Erfahrung mit Überfahrten über das Mittelmeer gefragt. Fethi B. soll darauf geantwortet haben, er sei schon mehrfach gefahren und es sei nie etwas passiert.

"Wir sahen einen Berg"

Fahrid B.s Angst wich schließlich, als sie im Morgengrauen Land entdeckten. „Wir sahen einen Berg und flehten die beiden an, in diese Richtung zu fahren“, sagt er. Doch an der Küste von Formentera angelangt, gingen nicht alle von Bord. Die beiden Angeklagten fuhren weiter. Sie wollten noch bis Alicante, sollen sie den anderen gesagt haben.

Dazu aber kam es nicht. „Wir haben es uns dann doch anders überlegt“, wird Mohamed H. an diesem Donnerstag aussagen. Nachdem sie an Land gegangen waren, ließen sie das Boot zurück. Einige Stunden später fand die Guardia Civil es rund 400 Meter vor der Küste. Es trieb leer, verbeult, ohne Motorschutz, aber mit 140 Litern Benzin an Bord auf dem Wasser. „Mit nur zwei Passagieren und so viel Benzin hätten sie in vier Stunden auch wieder in Algerien sein können“, sagt der per Video zugeschaltete Polizeibeamte, der das Boot sicherstellte.

Die 14 zuvor ausgestiegenen, illegal in Spanien eingereisten Migranten nahm die Polizei zunächst in Gewahrsam und befragte sie zur Überfahrt. Mohamed I. und Fahrid B. fanden dabei den Mut, mehr zu erzählen und Namen zu nennen. „Sonst sträuben sich Migranten oft, die Organisatoren zu identifizieren – in Algerien wird ihnen klar gesagt, was sie in Europa aussagen sollen: dass jeder mal gefahren sei und alle die gleiche Verantwortung trügen“, sagt eine ebenfalls per Video zugeschaltete Ermittlerin der Nationalpolizei auf Ibiza, die an den Befragungen beteiligt war. „Aber manchmal sprechen Menschen, weil sie sich verpflichtet fühlen, das Richtige zu tun, oder weil sie so große Angst hatten, dass sie ein Gefühl von Gerechtigkeit entwickeln.“

Bootsführer gewesen seien ein Mann namens Fethi sowie einer, den alle nur den „Chinesen“ nannten, sagten Mohamed I. und Fahrid B. gegenüber der Polizei aus. Das Gesicht von Mohamed H. hat tatsächlich beinahe asiatische Züge. Zusammen mit Fethi B. irrte er zunächst einige Stunden auf Formentera umher, bis wohl ein Marokkaner sie zum Sozialamt brachte. Die Polizei überstellte beide dann nach Ibiza und nahm sie fest.

Die Version der mutmaßlichen Schleuser

Vor Gericht erzählen die Angeklagten eine andere Geschichte: Sie seien nur zwei weitere Insassen des Bootes gewesen. Laut Fethi B. waren die Schleuser in Wahrheit Mohamed I. und Fahrid B., also die Zeugen der Anklage. Laut Mohamed H. gab es überhaupt keine Schlepper an Bord, alle hätten abwechselnd am Steuer gesessen. Beide wirken hilflos, ihnen steht ein Übersetzer zur Seite, dennoch antworten sie oft unzusammenhängend auf die Fragen.

„In diesen Prozessen bleibt vieles unklar und wird nicht wirklich bestätigt“, sagt der Anwalt von Fethi B.. Seiner Ansicht nach habe die Polizei sich zu früh auf eine Spur festgelegt und nicht weiter ermittelt. Zudem gebe es keine direkten Beweise, die seinen Mandanten mit der Tat in Verbindung brächten.

Doch auf dem Video – dem einzigen Beweis der Überfahrt – sind die Angeklagten klar beim Steuern des Bootes zu sehen: Fethi B. mit einem blauen Schlauchschal, den er auch bei der Ankunft auf der Insel bei sich hatte, und Mohamed H. mit einer Sonnenbrille, die später in Fethi B.s Sachen gefunden wurde. Ein Urteil wird an diesem Donnerstag noch nicht gefällt, und ist auch bei Redaktionsschluss noch nicht eingegangen. Wie in anderen Fällen könnte das Strafmaß letztlich etwas geringer ausfallen. Der nächste ganz ähnliche Prozess steht bereits an diesem Donnerstag (2.10.) an.

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