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Leiter der Notrufzentrale auf Mallorca: So kämpfen wir gegen die Folgen des Extremwetters

Aurelio Soto erklärt im Gespräch mit der Mallorca Zeitung die Bedeutung der Prävention, die Crux mit den Warnstufen und wie man versucht, die Urlauber zu erreichen

"Wollen uns bedanken": Die Botschaft vom Leiter der Notrufzentrale an die Mallorca-Deutschen

Patrick Schirmer Sastre

Patrick Schirmer Sastre

Patrick Schirmer Sastre

Es ist Donnerstagmorgen (6.11.) in der Notrufzentrale der Balearen, kaum einen Steinwurf vom Flugplatz Son Bonet in der Gemeinde Marratxí entfernt. In den Büros geht es hektisch zu. Vor knapp zwei Stunden hat der spanische Wetterdienst Aemet Warnstufe Orange aufgrund von Regen und Sturm im Inselsüden und in der Tramuntana ausgegeben. In allen anderen Gebieten der Insel gilt die niedrigste Warnstufe Gelb. Alle paar Sekunden klingelt und brummt das Telefon von Aurelio Soto. Der Abteilungsleiter der Notrufzentrale muss eine Pressekonferenz einberufen, um über die entstandenen Schäden zu berichten. "Habt ihr schon mit dem Bildungsministerium gesprochen?", fragt er eine Mitarbeiterin. Sie bejaht.

Wahrscheinlich ist das nicht der beste Moment, um ein Interview zu führen. Aber als der Termin vereinbart wurde, war von einem Unwetter noch nicht die Rede. Und Aurelio Soto ist ein Mann, der zu seinem Wort steht. Seit Anfang des Sommers ist der ehemalige Fregatten-Kapitän der Marine und studierte Journalist auf seinem Posten. Er ist ein Mann mit Erfahrung. In seiner Rolle als Militär war er unter anderem bei Aufräumarbeiten nach Erdbeben in Haiti, der Türkei und Ecuador im Einsatz. Die erste Feuerprobe in seinem neuen Job hat er bestanden: Ende September hat der Ex-Hurricane "Gabriel" auf Ibiza zu schweren Überschwemmungen geführt. Soto klärt letzte Details, dann legt er das Handy beiseite.

Herr Soto, Warnstufe Orange in Teilen der Insel, in anderen Gebieten Warnstufe Gelb. Was bedeutet so ein Tag für Sie?

Nun, es kommt immer auf die Situation an. Wir müssen zahlreiche Faktoren berücksichtigen, etwa den Zeitraum, für den die Wetterwarnung gilt. Sind zu dem Zeitpunkt viele Menschen unterwegs, sind die Kinder auf dem Weg zur Schule? Auch ob es in den Tagen zuvor geregnet hat, spielt eine Rolle. Wir bewerten die Gesamtsituation und reagieren. Schließlich stellt eine Wetterwarnung nicht unbedingt eine Gefahr dar, wenn wir die Konsequenzen einschätzen können. Regen und auch Überflutungen sind in dieser Jahreszeit auf Mallorca nicht ungewöhnlich. Man muss aber wissen, wie man sich in solchen Fällen richtig verhält.

Mit wem sind Sie gerade in Kontakt?

Zum einen natürlich mit dem spanischen Wetterdienst Aemet. Zum anderen mit den Inselräten der betroffenen Inseln, die unter anderem für die Autobahnen und Landstraßen verantwortlich sind. Darüber hinaus stehen wir in Verbindung mit dem Bildungsministerium sowie mit dem Institut für Arbeitsschutz. Auch mit dem Stromnetzbetreiber Red Eléctrica und der balearischen Umweltbehörde Ibanat tauschen wir uns aus. Letztlich im Grunde mit allen Einrichtungen, die im Rahmen dieser Situation Verantwortung sowohl bei der Prävention als auch bei der Bekämpfung der Folgen haben.

Wetterwarnungen sind nichts Ungewöhnliches auf Mallorca. Wie gut sind die Bewohner auf Unwetter vorbereitet? Gibt es ein ausreichendes Bewusstsein für die potenziellen Gefahren?

Ich bin nach fünf Monaten im Amt sehr zufrieden, mit welchem Verantwortungsbewusstsein die Menschen hier reagieren. Das gleiche gilt für die Medien. Sie helfen uns sehr, die Informationen über die potenziellen Gefahren und Handlungsempfehlungen zu verbreiten. Besonders glücklich bin ich auch darüber, dass dieses Verantwortungsbewusstsein weiterbesteht, wenn nicht die Wetterextreme eintreten, vor denen gewarnt wurde. Dies ist sicherlich auch in letzter Zeit vorgekommen. Auch wenn es immer Leute geben wird, die entweder sagen, dass zu viel gewarnt wird. Oder, im Gegenteil, denen die Wetterwarnungen nicht weit genug gehen.

Den Glauben an die Wetterwarnungen verlieren

Verstehen Sie, wenn die Leute ein wenig den Glauben an die Wetterwarnungen verlieren, wenn Warnstufe Orange angekündigt ist und dann den ganzen Tag lang kein Tropfen fällt?

Natürlich. Aber wir hatten in den vergangenen Wochen noch nie den Fall, dass Warnstufe Orange ausgerufen wurde und es nicht irgendwo zu heftigen Regenfällen gekommen ist. Wir müssen bedenken, dass die Geografie der Balearen manche Besonderheiten aufweist. Es ist ein relativ großes Gebiet, das sich von Formentera im Süden bis nach Menorca im Norden erstreckt. Gleichzeitig besteht das Gebiet aus Inseln, die ihre geografischen Grenzen haben. Wenn es irgendwo auf dem Meer zwischen Ibiza und Mallorca regnet, dann kriegen es weniger Menschen mit. Aber es heißt nicht, dass die Wetterwarnung nicht angebracht war. Oder es kommt vor, dass es irgendwo in der Tramuntana punktuell regnet, aber in Palma kein Tropfen fällt. Da sind dann schnell die Leute da, die sagen, es hätte nicht geregnet. Aber, und das möchte ich betonen, die große Mehrheit der Menschen auf den Balearen versteht diese Umstände und ist sehr tolerant mit den Einsatzkräften und mit dem Wetterdienst. Die Leute wissen, dass es nicht immer möglich ist, genau zu präzisieren, wo der Regen fallen wird.

Gibt es Ihrer Ansicht etwas, was man an den Wetterwarnungen verbessern könnte?

Man kaknn immer etwas verbessern. Und da die Balearen-Regierung die Notfallprävention zu einem der wichtigsten Ziele der Legislaturperiode erklärt hat, wird derzeit viel daran gearbeitet. Es wurde etwa eine Sonderkommission für die Hochwasserprävention einberufen. Über die Generaldirektion für Innovation arbeiten wir zudem an neuen technischen Hilfsmitteln, um die Vorhersagen präziser zu machen. Auch im Bereich des Wasserspeicher-Managements wird es Maßnahmen geben, um die Folgen von starken Regenfällen besser abzufedern. Wir arbeiten auch mit der Balearen-Universität und zahlreichen anderen Einrichtungen zusammen, um unsere Arbeit zu verbessern.

Was bereitet Ihnen in Ihrem Job mehr Sorge: die Hitze im Sommer oder die Regenfälle im Herbst?

Alle Risiken verdienen einen angemessenen Umgang. Schließlich geht es uns darum, Menschenleben zu retten. Rein statistisch gesehen gibt es global mehr Tote durch Überschwemmungen als durch Hitze. Aber unser Wunsch ist, dass die Menschen je nach Saison alle Maßnahmen ergreifen, um Risiken zu minimieren.

Mit welchen Risiken jenseits der Wetterbedingungen beschäftigen Sie sich?

Im Bereich der Naturkatastrophen arbeiten wir etwa daran, unsere Reaktionszeit im Fall eines Tsunamis zu verbessern. Dafür sind zahlreiche Projekte gestartet worden, auch von der Zentralregierung. So gibt es Bojen, die schnell darauf reagieren, wenn sich der Meeresspiegel verändert.

Im Zusammenhang mit der Flutkatastrophe in Valencia gibt es viel Kritik an zu spät versendeten Warn-SMS, die an die Menschen im Fall einer Naturkatastrophe geschickt wird. Wie funktioniert das System?

Das System heißt ES-Alert. Die Warn-SMS werden über die Handymasten in den betroffenen Gebieten an alle Mobiltelefone geschickt, die über einen spanischen Telefonanbieter im Netz angemeldet sind. Das gilt also auch für ausländische Handys im Roaming-Modus. Im Gegenteil zu anderslautenden Gerüchten werden die Nachrichten automatisch verschickt. Wir haben nicht die Handynummern von allen Menschen. Wer so eine SMS nicht empfangen möchte, muss sein Handy ausmachen. Die Warn-SMS werden auf Mallorca auf Spanisch, Katalanisch und Englisch verschickt.

Die Urlauber erreichen

Wie werden Urlauber und ausländische Residenten in Ihre Arbeit eingebunden? Schließlich verfügen viele von ihnen nicht über ausreichende Sprachkenntnisse, um alle Hinweise und Warnungen zu verstehen.

Wir haben regelmäßig Kontakt mit den verschiedenen Konsulaten und informieren sie über unsere Arbeitsweise. Dabei versuchen wir auch Methoden zu finden, um die Menschen besser auf eine Notlage vorzubereiten. Bei diesen Gesprächen geht es nicht nur um Protokolle bei Extremwetter, sondern auch etwa darum, wie man im Fall eines Flugzeugunglücks mit ausländischen Opfern umgeht. Außerdem haben wir in der Notrufzentrale unter der Nummer 112 Mitarbeiter, die Deutsch, Englisch und Französisch sprechen. Sollte eine andere Sprache gefragt sein oder sollten punktuell keine Mitarbeiter im Saal sein, die eine dieser Sprachen sprechen, haben wir zudem einen ständigen Kontakt zu einem externen Dienstleister, der uns in solchen Fällen unterstützt.

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