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Baby in den Müllcontainer geworfen: Prozess um das tote Frühchen wird annulliert

Die Richterin hat große Zweifel an der Eignung des Gutachters und leitet ein Verfahren gegen ihn ein

Die drei Angeklagten vor Gericht.

Die drei Angeklagten vor Gericht. / B. Ramon

Marcos Ollés

Marcos Ollés

Die zuständige Richterin hat am Donnerstag (6.11.) auf Mallorca den Geschworenenprozess im Fall eines in einen Müllcontainer geworfenen Neugeborenen in Porto Cristo (Gemeinde Manacor) annulliert. Grund sind erhebliche Zweifel an der Qualifikation des gerichtlich bestellten Gutachters, der ausgesagt hatte, das Kind sei bereits tot zur Welt gekommen. Die Magistratin ordnete darüber hinaus ein Ermittlungsverfahren gegen den Sachverständigen an, da dieser bislang keinen Nachweis über eine entsprechende medizinische Ausbildung erbringen konnte.

Das Verfahren muss nun vollständig neu aufgerollt werden – mit einem neuen Geschworenengericht und voraussichtlich einem anderen Gutachter.

Medizinstudium nicht eindeutig belegt

Der Prozess war bereits am Mittwoch (29.10.) unterbrochen worden, nachdem die Richterin Hinweise erhalten hatte, dass der am Vortag vernommene Sachverständige möglicherweise nicht über die notwendige Qualifikation verfügte. In der Folge forderte das Gericht Unterlagen vom spanischen Bildungsministerium an, um dessen Berechtigung zur Erstellung eines rechtsgültigen Gutachtens zu prüfen.

Da bisher nicht eindeutig belegt ist, ob der Mann über ein anerkanntes Medizinstudium verfügt, zog die Richterin die Reißleine: Die gesetzlich erlaubte Unterbrechungsdauer von maximal fünf Tagen im Geschworenenprozess war überschritten – eine weitere Aussetzung des Verfahrens war somit nicht möglich. Der Gutachter hatte sich zuletzt verteidigt und erklärt, er habe sehr wohl Abschlüsse an Universitäten, unter anderem in den USA, vorzuweisen, die allerdings noch nicht komplett in Spanien homologisiert seien.

Verfahren gegen den Sachverständigen

In der Anhörung am Donnerstag beantragte die Staatsanwaltschaft offiziell die Einleitung eines Verfahrens gegen den Sachverständigen. Die Verteidigung erhob keinen Widerspruch, und das Gericht gab dem Antrag statt. Gleichzeitig verkündete die Richterin die Auflösung des Geschworenengerichts und die Annullierung der bisherigen Hauptverhandlung.

Darum geht es in dem Prozess

Auf der Anklagebank sitzen die Mutter des Mädchens sowie deren Bruder und Schwester. Ihnen wird vorgeworfen, das am 3. November 2023 in der 27. Schwangerschaftswoche auf die Welt gekommene Kind in einen Müllcontainer in Porto Cristo geworfen zu haben. Nur durch den Hinweis eines Zeugen konnte das Neugeborene von der Ortspolizei aus dem Container gerettet werden. Die Beamten brachten es umgehend ins örtliche Krankenhaus, doch für das Baby kam jede Hilfe zu spät.

Polizisten am Fundort des Babys.

Polizisten am Fundort des Babys. / DM

Gerichtsmedizinische Gutachten kamen zu dem Schluss, dass das Mädchen lebend zur Welt kam und infolge einer Herz-Kreislauf-Störung starb – verursacht durch mangelnde medizinische Versorgung während der Geburt sowie durch ein Schädeltrauma, das entweder bei der Geburt im Auto oder beim Sturz in den Container entstand.

Anklage fordert lebenslange Haft

Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft handelten die Mutter und ihr Bruder in dem Bewusstsein, dass das Kind lebte – sie hätten es absichtlich oder zumindest billigend in Kauf nehmend dem Tod ausgeliefert. Die Anklage fordert für beide eine lebenslange Freiheitsstrafe mit der Möglichkeit, nach einigen Jahren freizukommen. Die Schwester der Mutter unterdessen habe trotz des kritischen Zustands des Babys nichts unternommen, um die Tat zu verhindern.

Im Gegensatz dazu bestreitet das Gutachten des nun infrage stehenden Sachverständigen Carlos Cuadrado diese Darstellung. Er hatte bereits vor Gericht ausgesagt, das Kind sei tot geboren worden und die Verletzungen seien nicht durch äußere Gewalteinwirkung entstanden. /jk

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