GPS-Sender, geheime Treffen und Millionen in Bar: So arbeitete das Balearen-Kartell
Am Anfang stand die Cannabis-Plantage: Wie die Polizei auf Mallorca einen internationalen Drogenring zerschlug

Ebenfalls sichergestellt: 687 Kilo Kokain und 2,5 Tonnen Hasch. | FOTO: GUARDIA CIVIL
Man sagt, jede große Reise beginnt mit einem ersten Schritt. Dieses Sprichwort passt gut zu den spektakulären Ermittlungen der Polizei auf Mallorca in Bezug auf einen Drogenring, in den auch ein Anwalt und ein Nationalpolizist verwickelt sind. Los ging nämlich alles im Februar 2024: Damals nahmen Ermittler der Guardia Civil in Algaida zwei Kleinkriminelle fest, die für mehrere Einbrüche verantwortlich gemacht wurden. Bei der Durchsuchung der Wohnung eines Verdächtigen in der Siedlung Sa Torre (Gemeinde Llucmajor) stießen sie auf eine Plantage mit rund hundert Cannabispflanzen sowie auf illegale Stromanschlüsse. Der Mann wurde unter anderem wegen eines Delikts gegen die öffentliche Gesundheit angeklagt. Mit richterlicher Genehmigung untersuchten die Beamten sein Mobiltelefon – und dieser erste Schritt führte sie zu einem der größten Drogenringe in der Geschichte der Balearen.
Nach fast zweijähriger gemeinsamer und streng geheimer Ermittlung der Guardia Civil und der Policía Nacional – mit Hunderten Telefonüberwachungen und Observationen – endete die Operation Manso-Enroque Bal mit der Zerschlagung eines weit verzweigten Drogenrings, der alle Ebenen des internationalen Rauschgifthandels abdeckte: von Kontakten zur albanischen Mafia über den Schmuggel großer Mengen Kokain und Haschisch über Ibiza bis hin zur europaweiten Verteilung. Auf Mallorca versorgte das Netzwerk örtliche Clans, die die Ware an Endkunden verkauften. Das Ergebnis liest sich aufsehenerregend: 76 Festnahmen, 687 Kilogramm Kokain, 2.500 Kilogramm Haschisch und 1,5 Millionen Euro Bargeld wurden sichergestellt.

Diese Pistolen stellten die Ermittler sicher. | FOTO: GUARDIA CIVIL
Handyspur führt zur Mafia
Die Auswertung des Telefons eines der mutmaßlichen Einbrecher brachte die Ermittler auf die Spur eines gewissen Carlos H. V., der offenbar Drogen im Auftrag anderer verteilte. Observationen ergaben, dass er mehrere Marihuana-Plantagen in besetzten Häusern und auf ländlichen Grundstücken betrieb. Eine dieser Fincas in Llucmajor diente offenbar als Lager, in dem große Drogenmengen in vergrabenen Containern aufbewahrt wurden. Er galt als Verbindungsmann zu den Anführern der Organisation.
Während der Überwachung dieser Grundstücke identifizierten die Ermittler ein Fahrzeug auf den Namen Gonzalo Márquez: ein Anwalt, der als einer der Köpfe des Netzwerks und Rechtsvertreter des mutmaßlichen Hauptbosses Stefan Milojevic gilt – eines Bandenführers und Chefs einer Rockergang.
Weiträumige Ermittlungen
Als sich herausstellte, dass sowohl Guardia Civil als auch Policía Nacional dieselben Personen observierten, schaltete sich das Zentrum für Terrorismus- und Organisierte-Kriminalitätsbekämpfung (CITCO) ein. Im August 2024 trafen sich Ermittler beider Behörden – darunter Einheiten aus Palma, Ibiza, Valencia und Barcelona – zu einer ersten Koordinierungssitzung.
Dabei wurde der Zusammenhang zwischen der mallorquinischen Organisation und einer albanischen Gruppe auf Ibiza deutlich, die große Drogenlieferungen über das Mittelmeer einschleuste. Als feststand, dass beide Gruppen Teil eines gemeinsamen Netzwerks waren, beschlossen die Ermittler, ihre Kräfte zu bündeln. Das war der Beginn der sogenannten Operation Manso-Enroque Bal.
Schmuggel auf hoher See
In monatelanger verdeckter Arbeit wurden Hunderte Telefonate abgehört und modernste Überwachungstechniken eingesetzt. Die Gespräche offenbarten, wie die Drogen nach Ibiza gelangten: Kokainballen wurden nachts von Frachtschiffen auf offener See über Bord geworfen, versehen mit GPS-Sendern und Schwimmkörpern. Lokale Schmuggler folgten den Schiffen in Schnellbooten, sammelten die Pakete ein und brachten sie in ihre Depots. Haschisch wurde auf ähnliche Weise mit Booten umgeschlagen. Vertreter der albanischen Mafia überwachten die Vorgänge, um Verluste zu vermeiden. Von Ibiza gelangte ein Teil der Drogen nach Mallorca, der Großteil jedoch wurde auf dem Festland in Lastwagen weiter in andere europäische Länder transportiert.

1,5 Millionen Euro und teure Uhren wurden beim Drogenring gefunden. | FOTO: GUARDIA CIVIL
Geldwäsche im großen Stil
Parallel dazu bemühten sich die Anführer, ihre Gewinne zu legalisieren. Zunächst kauften sie Luxuswagen, doch bald fragten die Banken nach, woher das Geld stammte. Daraufhin gründeten die Organisatoren Scheinfirmen – teils mit einem Startkapital von nur 1.500 Euro – über die sie den Kauf von Hotels und Restaurants planten. Der mutmaßliche Architekt dieser Geldwäsche war erneut der Anwalt Gonzalo Márquez. In einem abgehörten Gespräch verspottete Rockerboss Milojevic die Ermittler: „Wenn die wüssten, dass der Hauptsitz der Organisation am Paseo Mallorca liegt …“ – Sie wussten es. Das Dezernat für Geldwäsche der Polizei hatte ihn längst im Visier.
Dreiste Gegenmaßnahmen
Die Bande zeigte dabei erstaunliche Professionalität und Risikobereitschaft. Milojevic entdeckte einen Peilsender an seinem Auto und ließ seine übrigen Fahrzeuge ebenfalls überprüfen. Zudem statteten sie Polizeifahrzeuge mit eigenen GPS-Sendern aus, um deren Bewegungen zu verfolgen. Die Ermittler gehen davon aus, dass ein leitender Polizeibeamter – der mehr als sechs Jahre lang einer Anti-Drogen-Einheit der Nationalpolizei vorstand – die Gruppe mit internen Informationen versorgte. Er soll die internen Überwachungssysteme der Polizei genutzt haben, um die Anführer des Drogenrings vor Ermittlungen zu warnen. Auch ein Mitarbeiter der Hafenpolizei soll beteiligt gewesen sein.
Der Schlag am 1 1. August
Als die Gefahr weiterer undichter Stellen wuchs, schlugen die Behörden zu. Am 1 1. August begann die groß angelegte Aktion: Rund zehn Personen wurden festgenommen – darunter Milojevic, Márquez, der verdächtige Polizeiinspektor und der Hafenpolizist. In den folgenden Monaten folgten weitere Festnahmen in nachgelagerten Strukturen des Drogenhandels – von Son Banya bis Manacor – bis die Zahl der Inhaftierten 76 erreichte. Anfang November erklärten Policía Nacional und Guardia Civil die Operation Manso-Enroque Bal für beendet. Die Hauptbeschuldigten sitzen derzeit in Untersuchungshaft. Am Mittwoch (12.1 1.) berichtete das „Diario de Mallorca“, dass die Anwälte der mutmaßlichen Anführer des Drogenrings beantragen werden, einen Großteil der Ermittlungen für ungültig zu erklären. Nach Ansicht der Verteidiger hatte der zuständige Richter eine Frist für die Verlängerung der Ermittlungen verschlafen.
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