Prozess gegen Bootsführer eines Migrantenboots auf Mallorca: "Ich verspreche, dass Sie mich nie wiedersehen"
Pal aus dem Südsudan durchquerte halb Afrika mit seinem 17-jährigen Bruder, um nach Europa zu kommen. Er saß vor Gericht, weil er ein Boot von Algerien bis nach Mallorca gesteuert haben soll

Der 26-jährige Südsudanese vor Gericht. / B. Palau
Der 26-jährige Pal aus dem Südsudan verließ den Verhandlungssaal des Provinzgerichts auf Mallorca mit Tränen in den Augen. Er brach am Dienstag (18.11.) vor dem Saal zusammen, in dem er gerade verurteilt wurde, weil er ein Boot gesteuert hatte, das im vergangenen Juni an der Küste von Llucmajor angekommen war. „Ich bin hergekommen, um mein Leben zu verbessern. Ich danke Ihnen und verspreche Ihnen, dass Sie mich hier nicht wiedersehen werden“, sagte er, ohne sein Weinen zurückhalten zu können.
Der Angeklagte hatte gemeinsam mit seinem 17-jährigen Bruder auf der Flucht vor dem Krieg halb Afrika durchquert, um Algerien zu erreichen – ein Weg von mehr als 4.000 Kilometern größtenteils durch die Wüste auf der Suche nach einer besseren Zukunft. Dort starteten die Brüder die beschwerliche Überfahrt nach Mallorca. Sie ließen das Konfliktgebiet, ihre Mutter und ihre vier Schwestern zurück. Diese halfen ihnen, die Reise zu finanzieren, da ihr Vater verstorben war.
Drei Tage auf dem Meer
In Algerien begaben sie sich an die Nordküste, wo sie am 7. Juni 2022 in ein acht Meter langes Boot mit nur einem 85-PS-Motor und 22 Personen an Bord stiegen: Die meisten Insassen stammten aus Somalia, sein Bruder und er waren die einzigen Südsudanesen an Bord. Der junge Angeklagte übernahm, ohne irgendeine finanzielle Gegenleistung zu erhalten, das Steuer der „Patera“, die nach eineinhalb Tagen auf der Route keinen Treibstoff mehr hatte. Nach drei Tagen auf See erreichten sie am 10. Juni 2025 die Gegend von Ses Olles de Son Granada de Baix in der Gemeinde Llucmajor. Bei der Ankunft auf Mallorca nahm die Nationalpolizei Pal fest. Dass Menschen aus Ländern südlich der Sahara die Reise über das Mittelmeer ohne einen Kapitän antreten, ist nicht unüblich. "Sie kommen nur mit einem Handy und GPS, mit den schlechtesten Booten und unter den schlimmsten Bedingungen", sagte die Migrationsexpertin Margalida Capellà in einem Interview mit der MZ.
Haftstrafe ausgesetzt
Der Angeklagte, der ursprünglich einer Forderung der Staatsanwaltschaft nach sechs Jahren Gefängnis entgegensah, gestand im Gerichtssaal die Taten und erklärte sich für schuldig eines Verbrechens gegen die Rechte ausländischer Staatsbürger. Schließlich akzeptierte er eine Strafe von zwei Jahren Haft, da die Staatsanwaltschaft die besonderen Umstände des Falls berücksichtigte und den jungen Migranten für seine Mitarbeit bei den Ermittlungen anerkannte und ihre Strafanträge entsprechend senkte.
Die Richterin verkündete das Urteil bereits im Gerichtssaal, verhängte zwei Jahre Haft und ordnete die Einziehung des beschlagnahmten Bootes an. Anschließend setzte das Gericht auf Antrag des Verteidigers die Haftstrafe unter der Bedingung zur Bewährung aus, dass er vier Jahre lang nicht straffällig wird. Die Richterin gewährte dies, weil der junge Mann keine Vorstrafen hatte, in diesem Fall keine zivilrechtliche Haftung besteht und die Strafe zwei Jahre nicht überschreitet.
Boot erfüllte keine Sicherheitsstandards
Laut der Staatsanwaltschaft erfüllte das Boot keinen einzigen internationalen Standard der Seesicherheit, überschritt seine maximale Passagierkapazität bei Weitem, verfügte über kein Funkgerät, kein Radar, keinen Kompass, kein Marine-VHF, kein GPS, keine Fackeln oder Notrufsysteme, keinen Hilfsmotor und keine Ruder. Außerdem war der Treibstoff für die Überfahrt unzureichend, und ein Teil davon lief aus und verursachte bei neun Insassen leichte Verbrennungen.

In dieser Patera reisten 22 Menschen drei Tage übers Mittelmeer von Algerien bis nach Mallorca. / Policia Nacional
All dies, zusammen mit unzureichenden Wasser- und Nahrungsmittelreserven für die Reise, stellte ein ernstes Risiko für das Leben und die körperliche Unversehrtheit der Passagiere dar, die jeder möglichen Situation auf hoher See schutzlos ausgeliefert waren. Die Patera hätte untergehen oder die Migranten ertrinken oder schwere Unterkühlungen erleiden können.
Die Reise wurde von nicht identifizierten Dritten organisiert, die in Algerien ansässig waren und von jedem erwachsenen Insassen des Bootes Beträge zwischen viertausend und neuntausend Dollar verlangten, so die Staatsanwaltschaft – vier- bis fast zehnmal so viel wie in anderen Gerichtsprozessen gegen Schleuser ausgesagt wurde. Etwa bei einem Verfahren gegen zwei Schleuser aus Algerien, bei dem die MZ im Gerichtssaal anwesend war.
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