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Neue Normalität in der Wohnungsnot: Wohnwagen-Siedlung Son Hugo gründet Nachbarschaftsverein

Über 60 Wohnwagen stehen in Son Hugo, viele Bewohner arbeiten Vollzeit und können sich dennoch keine Wohnung mehr leisten. Jetzt organisieren sie sich, um nicht verdrängt zu werden

Besuch bei Begoña Iglesias, der Sprecherin der Wohnwagensiedlung bei Son Hugo in Palma

Alexandra Bosse

Alexandra Bosse

Alexandra Bosse

Sie stehen ordentlich aneinander gereiht, einer hinter dem anderen, über 60 dürften es mittlerweile sein. Der Parkplatz des Schwimmanlage Son Hugo dürfte die größte Ansammlung von Wohnwagen in Palma darstellen. Doch es ist kein Abstellplatz: Hier leben größtenteils Menschen, die sich sonst keine Wohnung leisten können. Um ihre Interessen zu vertreten und ihr Zusammenleben zu regeln, gründen sie jetzt eine Nachbarschaftsvereinigung.

Vergangene Woche nahmen rund 30 Bewohner an einer ersten Sitzung unter freiem Himmel teil, Ende des Monats wollen sie das Gründungsprotokoll mit der Satzung formuliert und verabschiedet haben. "Die Leitung des Schwimbades will, dass wir hier verschwinden. Der Nachbarschaftsverein wird das hoffentlich verhindern können", sagt beim MZ-Besuch Begoña Iglesias, die Sprecherin der Bewohner.

Einige der Wohnwagen auf dem Parkplatz des Polideportivo Son Hugo in Palma.

Einige der Wohnwagen auf dem Parkplatz des Polideportivo Son Hugo in Palma. / Alexandra Bosse

Eine junge Frau und ein älterer Mann fegen gerade die von den Bäumen gefallenen Blätter um die Wohnwagen zusammen. Reden möchten sie nicht. Ein schmächtiger grauhaariger Mann um die sechzig, mit verlebten Gesicht und Zigarette im Mundwinkel, schraubt gerade an einem Auto mit geöffneter Motorhaube herum. Im Wohnwagen daneben ist durch die offene Tür eine Frau zu sehen, die auf der Schlaffläche liegt und aufs Handy schaut. Neben ihr spielen ein Kleinkind und ein etwa dreijähriges Mädchen. Die beengten Wohnverhältnisse einmal weggedacht, ist es nicht so anders als in einer Reihenhaussiedlung.

"Wir passen hier in unserer Gemeinschaft aufeinander auf. Wir wollen uns jetzt besser organisieren, auch die Stellplätze", sagt Iglesias, die die Vorsitzende der geplanten Nachbarschaftsvereinigung werden soll. "90 Prozent der Menschen hier haben einen Job und gehen täglich zur Arbeit. Aber wir verdienen nicht genug, um uns bei den exorbitant gestiegenen Mietpreisen noch eine Wohnung leisten zu können. Daher müssen immer mehr Menschen in einen Wohnwagen umziehen." Begoña Iglesias verdient sich ihren Lebensunterhalt mit der Kontrolle von Parkscheinen in Calvià. "Von den 1.138 Euro Netto, die ich für meine Vollzeitstelle verdiene, kann ich keine Wohnung mehr bezahlen."

Begoña Iglesias in ihrem Wohnwagen-Zuhause, das sie mit ihrem 23-jährigen Sohn teilt.

Begoña Iglesias in ihrem Wohnwagen-Zuhause, das sie mit ihrem 23-jährigen Sohn teilt. / Alexandra Bosse

Endlich ein wenig mehr Platz

Die 61-Jährige ist medienerfahren, war schon in mehreren deutschsprachigen TV-Dokumentationen über die Wohnungsnot auf Mallorca zu sehen. Sie lebt mittlerweile seit zweieinhalb Jahren mit ihrem heute 23-jährigen Sohn auf dem Son-Hugo-Parkplatz. Erst hatte sie ein Wohnmobil gemietet, aber nachdem es dort permanent "wie bei den Niagarafällen" reinregnete, ist sie seit knapp einer Woche stolze Besitzerin eines eigenen Wohnwagens. "Er ist auch viel größer und komfortabler. Jetzt habe ich einen eigenen Sitzbereich und muss nicht jeden Abend den Tisch umklappen, um schlafen gehen zu können", sagt sie. Iglesias stammt von Ibiza, brachte ihren Sohn auf Mallorca zur Welt und bezeichnet sich selbst als "Kämpferin", weil sie sich aus einer Ehe mit einem Alkoholiker, der sie misshandelte, befreit hat.

Die Raten für ihren Secondhand-Kauf stottert sie monatlich ab. Sie ist nicht die einzige Eigentümerin hier. "Es sind viele Südamerikaner hinzugekommen, die sich mit ihren Ersparnissen Wohnwagen für 3.000 und 4.000 Euro gekauft haben. Es finden sich sogar schon kleinere für rund 2.000 Euro", erzählt Iglesias.

Sie scheint zugleich die gute Seele, aber auch der Blockwart der Wohnwagensiedlung. Sie achte darauf, dass sich alle an die Regeln halten, damit es zu keinen Konflikten innerhalb der Gemeinschaft und mit der Öffentlichkeit komme, sagt sie. "Die Leute in den Wohnwagen, die etwas unsozialer sind, also mit aufgehängter Wäsche und vielen Sachen draußen, haben wir nach hinten geschickt, damit man sie nicht so sehr sieht." So ein Verhalten sei unsozial, weil die Gemeinschaft die Verordnung 8/74 der Verkehrsbehörde einhalten müsse. Die besagt, dass jedes Fahrzeug auf der Straße geparkt und man auch darin übernachten werden dürfe, wenn es keine Anzeichen für ein Campen gäbe. Anzeichen für Camping seien beispielsweise draußen stehende Tische, Stühle oder Sonnensegel.

Ein Wohnmobil in der Wohnwagensiedlung Son Hugo.

Ein Wohnmobil in der Wohnwagensiedlung Son Hugo. / Alexandra Bosse

"Wir wollen keinen Ärger, nur einen Ort zum Leben"

"Auch ich selbst achte darauf, alle meine Habseligkeiten in und unter dem Camper zu verstauen, sodass nichts über die Maße des Wohnwagens herausragt", sagt die 61-jährige. Außerdem wasche und trockne sie ihre Wäsche in einem naheliegenden Waschsalon. "Damit halten wir uns an die Gesetze und das wollen wir auch. Wir wollen keinen Ärger, nur einen Ort zum Leben", ergänzt sie.

Zu den rechtlichen Rahmenbedingungen gehört auch die „Ordenanza para el Fomento de la Convivencia Cívica“ (Verordnung zur Förderung des zivilen Zusammenlebens, auch Benimmregeln genannt). Unter anderem wollte die Stadt damit die Nutzung von Wohmobilen und Wohnwagen als Wohnsitz im öffentlichen Raum verbieten und die Caravan-Siedlungen auflösen. Daraufhin zogen am 8. Februar rund 200 Wohnmobile in einem Protestzug durch die Stadt. Ende März strich der Stadtrat den Satz, der das Übernachten in Campern im Stadtgebiet verbot.

In Brüssel auf die Wohnungsnot aufmerksam gemacht

Iglesias hat gemeinsam mit anderen Aktivisten und Verbänden den Bürgermeister wegen der Ordenanza verklagt. Kürzlich reiste sie zusammen mit dem Vertreter einer anderen Wohnwagensiedlung, der von Son Güell, nach Brüssel, um im EU-Parlament auf die Wohnungsnot auf Mallorca aufmerksam zu machen.

Umso wichtiger ist es angesichts des Drucks von außen, dass sich alle Wohnwagenbewohner an die Regeln halten. "Es kann nicht sein, dass manche hier eine Autowerkstatt aufbauen und an Wagen herumschrauben. Wenn wir die Vereinigung haben, gibt es Regeln und wer sich nicht dran hält, wird sanktioniert", sagt Iglesias. Beispielsweise würden einige Bewohner ihren Müll einfach auf dem Parkplatz liegen lassen, anstatt ihn richtig zu entsorgen.

Ärger mit Schrotthändlern

Sie habe die Emaya-Stadtwerke kostenpflichtig kommen lassen müssen, um die Abfälle entfernen zu lassen. "Die haben drei Lastwagen voller Müll mitgenommen. Nicht nur Müll, sondern Gerätschaften, die hier herumlagen. In dem Abschnitt dort hinten hatten sich Schrotthändler breitgemacht und alles mögliche liegengelassen. So etwas wollen wir hier nicht", erklärt die Nachbarschafts-Sprecherin.

Das Geld für Emaya sollten die Verursacher ihrer Meinung nach selbst bezahlen. "Wer ganz uneinsichtig ist und sich trotz mehrfacher Warnung nicht an die Regeln halten will, den zeigen wir bei der Polizei an", sagt Iglesias bestimmt. Bei einem Rundgang durch die Reihen der Wohnwagen treffen wir auch Enrique, Anfang 20, der sich ebenfalls für die geplante Nachbarschaftsvereinigung engagiert. Auch er fordert, dass die Regierung endlich die Wohnungsproblematik löst. "Entweder erhöhen Sie die Gehälter, oder sie beginnen endlich mit dem sozialen Wohnungsbau. Die Menschen sind weder imstande noch dazu bereit, 70 Prozent ihres Gehaltes für ein Dach über dem Kopf zu zahlen", sagt er.

Nebenan sollen Gerichtsgebäude entstehen

Begoña Iglesias fürchtet indes, dass noch weitere Probleme auf die Gemeinschaft in Son Hugo zukommen. Auch dafür sei es wichtig, den Verein zu gründen. Die Zentralregierung habe das an den Parkplatz anliegende Grundstück von 40.000 m² für 3,6 Millionen gekauft, und plane dort ein Großteil der Gerichte von Palma unterzubringen. Die Wohnwagen könnten dann stören. "Es ist jetzt etwa sechs bis acht Monate her, dass bekannt gegeben wurde, dass die Zentralregierung die "Ciudad de la Justicia" hier bauen wird. Bis jetzt habe ich aber hier noch keine Vermessungsingenieure gesehen", sagt sie.

Eine Verlegung der Siedlung noch weiter von Stadtzentrum entfernt sei keine Lösung, meint Iglesias. "Wir als arbeitende Bevölkerung sind darauf angewiesen, dass wir die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen können", erklärt die Frau. Es ärgere sie besonders, dass Leute im Netz kommentieren würden, dass die Menschen halt aufs Festland ziehen sollten, wenn sie sich die Insel nicht mehr leisten könnten. "Wir sind auf den Balearen geboren und die spanische Verfassung gibt uns das Recht auf einen menschenwürdigen Wohnraum. Was hier läuft, ist verfassungswidrig", sagt sie.

Begoña Iglesias hat schon einiges erlebt, aber gibt nicht auf und kämpft für das Wohnrecht der Camper

Begoña Iglesias hat schon einiges erlebt, aber gibt nicht auf und kämpft für das Wohnrecht der Camper / Alexandra Bosse

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