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Big Brother auf Mallorca: Dieses Dorf hat eine höhere Kameradichte als London

Das beschauliche Santa Eugènia wird rundum überwacht. Landen die Bilder auf dem persönlichen PC des Bürgermeisters?

Sarah López

Sarah López

Einige hängen an Straßenlaternen, andere sind geschickt in Ecken versteckt. Man muss zweimal hinschauen, um in Santa Eugènia die Überwachungskameras zu entdecken – zwischen den steinernen Fassaden, Kabeln und Schildern sind sie kaum zu entdecken. Und in dem beschaulichen Dorf in Mallorcas Inselmitte würde sie auch kaum wer vermuten.

Die Online-Zeitung „eldiario.es“, eine der meistgelesenen in Spanien, hat nun für einen Artikel nachgezählt und ist auf mehr als 50 Kameras gekommen. Sämtliche Dorfzufahrten sowie Straßen seien videoüberwacht. Mehr noch: „Zuverlässigen, mit dem System vertrauten Quellen zufolge soll der Bürgermeister von seinem persönlichen Computer aus direkten Zugriff auf die Aufnahmen haben“, schreiben die Autoren Alberto Fraile und Angy Galvín.

Bürgermeister spricht von "Fake News"

MZ-Nachfrage beim Bürgermeister der knapp 2.000 Einwohner zählenden Gemeinde: „Das sind Fake News“, beteuert der Sozialist José Luis Urraca am Telefon. Zugriff auf die Überwachungsbilder habe nur die Polizei. Die Kameras gebe es im Ort teilweise seit zwölf Jahren. „Außerdem sind es keine 50, sondern nur etwa 40.“ Die Hälfte habe es auch schon vor seiner Amtszeit gegeben.

Einer deutschen Anwohnerin sind die Kameras in den fast 20 Jahren in Santa Eugènia erst durch die aktuelle Berichterstattung aufgefallen. „Es ist schon etwas gruselig“, sagt sie der Mallorca Zeitung. Als sie davon erfuhr, habe sie ein unangenehmes Gefühl gehabt. „Es ist doch absurd, dass wir hier eine höhere Kameradichte als in London haben“, sagt die Deutsche. Der Vergleich ist nicht abwegig. Laut den von „eldiario.es“ zitierten Zahlen sind es in Santa Eugènia 21 Kameras je tausend Einwohner, in der britischen Hauptstadt nur 13. „Dieser kleine Ort zählt inzwischen zu den am stärksten überwachten in Europa“, schreiben Angy Galvín und Alberto Fraile, der selbst im Ort ansässig ist.

Bleibt die Frage: Warum? „Wir haben nur zwei Ortspolizisten“, sagt José Luis Urraca. Diese arbeiteten unter der Woche, am Wochenende gebe es keine Beamten im Ort. Die Kameras sorgten für zusätzliche Sicherheit. Die Dorfbewohner beim Kaffeetrinken zu beobachten, wie „eldiario.es“ mutmaßt, sei also keineswegs Zweck der Überwachung: „Die Kameras sind nur auf die Straße gerichtet“, sagt der Bürgermeister. Es gehe vor allem darum, den Verkehr zu kontrollieren.

Richtig viel Verkehr gibt es in Santa Eugènia freilich höchstens an der Hauptstraße. Die Kameras sind aber auch in anderen Straßen installiert, wie die deutsche Anwohnerin weiß und Fotos der MZ belegen. Also doch ein wenig Big Brother in Santa Eugènia.

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