Warum auf Mallorca nicht über die Wehrpflicht diskutiert wird
Abseits von Klischees und Erinnerungen spielt die Wehrpflicht in Spanien kaum eine Rolle. Was sagen Politik und Gesellschaft zu einer Rückkehr?

Junge Soldaten in Palma 2010. Auch ohne Wehrpflicht melden sich vor allem junge Männer zum Militär auf Mallorca. / EFE
„Ich habe die mili in Ceuta gemacht“, ist ein Verweis auf die Wehrpflicht, den Antonio Recio, eine Figur aus der in Spanien populären Sitcom „La que se avecina“, immer wieder sagt, um zu zeigen, wie agil er ist. Die Serie wird von Millionen Menschen gesehen; viele, die darüber lachen, sind sehr jung und mussten selbst nie zum Militärdienst.
Die mili gibt es in Spanien seit 2001 nicht mehr, aber die 231 Jahre, in denen die Wehrpflicht im Land bestand, prägen es bis heute – nicht durch aktuelle politische Debatten, sondern weil sie durch Anekdoten, Redewendungen und Schwarz-Weiß-Fotos von Familienmitgliedern in Uniform lebendig gehalten wird.
Keine politische Debatte
Während immer mehr europäische Länder über eine Rückkehr zur Wehrpflicht diskutieren oder sie sogar bereits wieder eingeführt haben – wie etwa Lettland –, steht das in Spanien zurzeit gar nicht zur Debatte. Das Land rangiert mit etwa 117.000 Soldaten lediglich auf Platz acht unter den NATO-Mitgliedsstaaten. Dennoch lehnt die sozialistische Verteidigungsministerin Margarita Robles eine Wiedereinführung der Wehrpflicht ab.
Auch die konservative Oppositionspartei PP macht sich nicht ernsthaft für eine Rückkehr zur Wehrpflicht stark. In der Sicherheitspolitik dominieren vielmehr Forderungen nach einer weiteren Professionalisierung der Streitkräfte und einer besseren Finanzierung. Der Vorsitzende der rechtsextremen Vox-Partei, Santiago Abascal, ist der Einzige, der sich bislang offen für die Wiedereinführung der Wehrpflicht aussprach. Allerdings war das auch schon in in 2019. Aktuell gehört dieses Thema nicht zu den politischen Steckenpferden von Vox.
43 Prozent der Spanier sind dafür
Dennoch zeigen zwei Umfragen, dass vor allem die Wähler dieser Partei für eine Rückkehr der Wehrpflicht wären. Bei einer europaweiten Meinungsumfrage des französischen Forschungszentrums Groupe d’études géopolitiques zur Verteidigungs- und Sicherheitspolitik sprachen sich 87 Prozent der befragten Vox-Wähler für eine Rückkehr der Wehrpflicht aus, ebenso 75 Prozent der PP-Wähler.
Etwas niedriger sind die Werte einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov: 69 Prozent der Vox-Wähler befürworteten eine Wiedereinführung. Bei den PP-Wählern waren es nur 49 Prozent. Die Anhänger der linksgerichteten Parteien sind hingegen mehrheitlich dagegen: Bei der französischen Umfrage lehnten 70 Prozent der sozialistischen PSOE-Wähler und 99 Prozent der Sumar-Wähler die Einführung der Wehrpflicht ab. Insgesamt befürworteten 43 Prozent der rund 1.500 spanischen Befragten eine Wiedereinführung – in Deutschland waren es 68 Prozent.
Genug Soldaten?
2026 sollen 4.500 neue Soldatinnen und Soldaten zum Heer und zur Marine hinzukommen. Viele von ihnen werden das spanische Militär nach den drei Pflichtjahren wahrscheinlich wieder verlassen. „80 Prozent meiner Truppe möchten nicht beim Militär bleiben. Sie wollen lieber zur Guardia Civil oder zur Nationalpolizei gehen“, berichtet Adela Vázquez, eine Soldatin, die auf einer Basis in der Nähe von Madrid stationiert ist. Karriere im Militär zu machen, interessiere die wenigsten.
Dennoch ist die Zahl der Einsatzkräfte in Spanien in den vergangenen fünf Jahren relativ stabil geblieben. Die Zugangshürden sind niedrig: Um Soldat zu werden, muss man volljährig sein, ein ESO-Schulabschluss (bis zur 10. Klasse) sowie eine psychotechnische Untersuchung und körperliche Eignungsprüfungen bestehen. Für viele junge Menschen ist der Dienst daher eine einfache Möglichkeit, schon in jungen Jahren einen sicheren Job und ein regelmäßiges Einkommen zu bekommen. Auf der Liste für 2026 stehen viele, die gerade einmal 18 oder 19 Jahre alt sind.
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