Sharenting unter Beschuss: Was Eltern beim Posten von Kinderfotos bedenken sollten
Stolze Eltern, große Reichweite – aber zu welchem Preis? Warum Kinder ein Mitspracherecht an ihrer Online-Präsenz brauchen.

Immer mehr Kinder und Jugendliche möchten nicht andauernd fotografiert werden. / Nele Bendgens
Es geht so einfach: Ein Selfie mit dem Sprössling und schwupps, schon ist das Bild im Netz hochgeladen und geteilt auf einem oder mehreren Social-Media-Kanälen. Oft kommt nur kurz danach bereits eine Reaktion: ein Herz, ein Daumen hoch – man fühlt sich gesehen und bestätigt, das Gehirn schüttet Dopamin (Glückshormone) aus. Für viele stolze Eltern ist es zur Normalität geworden, die sozialen Netzwerke mit Bildern ihrer Kinder zu überfluten. In Spanien teilen laut Studien neun von zehn Familien die Fotos ihrer Kinder online– und das zumeist, ohne diese jemals zu fragen. Das sogenannte „Sharenting“ hat Millionen von Anhängern weltweit. Das Kunstwort steht seit zwei Jahren im Oxford English Dictionary und beschreibt die Handlung, Bilder oder Videos der eigenen Kinder in sozialen Netzwerken zu teilen.
Keine Kontrolle über die Fotos im Netz
Jürgen Harder, der mit Familien-Comedy als „The Dancing Dad“ unter @juckiha auf Instagram und Tiktok mittlerweile 230.000 Follower hat, spielt die Rollen seiner Teenagerkids mittlerweile selbst.
„Bereits vor 15 Jahren, als unsere großen Kinder gerade klein waren, habe ich witzige Fotos oder irgendwelche Sprüche, die sie so loslassen, auf Facebook gepostet. Schon damals kritisierten mich einige Leute, die meinten, ich hätte überhaupt keine Kontrolle darüber, was mit den Fotos im Netz passiere“, erzählt der 45-Jährige, der nur nebenberuflich Content-Creator ist und vier Tage als IT-Abteilungsleiter in einer deutschen Firma arbeitet, die auch auf Mallorca eine Zweigstelle hat.
Als er dann damit begann, Videos auf TikTok zu teilen, auf denen auch mal seine Kinder zu sehen waren, wurde die Kritik grundsätzlicher. Harder reagierte. „Mir wurde klar, dass wir überhaupt nicht wissen, wo die Inhalte überall landen, wer das alles in die Finger kriegt und was die alles damit veranstalten können. Außerdem hat mein 17-jähriger Sohn mir auch ganz klar gesagt, dass er das nicht mehr möchte.“ Man könne Fotos von einem Account zwar wieder herunternehmen, aber man wisse nie, wo sie schon gelandet seien. „Sobald es einmal hochgeladen ist, kann man es einfach nicht mehr aufhalten. Das ist eine ganz andere Hausnummer und das will ich auf gar keinen Fall für meine Kinder“, so der IT-ler.
Eltern sollten aber nicht nur für ihre Kinder haften, sondern die Heranwachsenden auch behüten. Laut einer Studie der spanischen Kinderschutzorganisation ANAR von 2023 besitzt jedes Kind mit zwölf Jahren im Schnitt bereits eine digitale Spur von 2.000 Bildern im Netz. Damit würden die Persönlichkeitsrechte der Kinder verletzt und sie gleichzeitig zum Produkt degradiert. Pädophile finden im Netz „unschuldige“ Alltagsbilder, die Eltern selbst hochladen, aber von Tätern idealisiert und missbraucht werden können.
Die spanische Regierung will Sharenting einschränken
In Spanien wird das Thema Sharenting zurzeit kontrovers diskutiert. Das Jugend- und Familienministerium hat im vergangenen Oktober einen Gesetzesentwurf zur Regulierung von Sharenting vorgelegt und geht damit denselben Weg wie bisher nur Frankreich und Australien. Denn obwohl die großen digitalen Plattformen versichern, dass Kinder und Jugendliche vor den potenziell schädlichen Effekten von Social Media geschützt werden, posten Eltern unbeschwert weiter deren Fotos. Die spanische Psychologin Patricia Ramírez warnt: „Sharenting ist keine unschuldige Tat, sondern die moderne Art, das Ego unter dem Deckmantel familiärer Liebe zu füttern.“

Bilder von Kindern und Jugendlichen sollten nicht ungefragt im Netz veröffentlicht werden - auch nicht von Eltern. / Nele Bendgens
Die Gesetzesinitiative ist Teil eines größeren Bemühens der spanischen Regierung, Minderjährige im digitalen Raum besser zu schützen und ihre Rechte auf Privatsphäre und Identitätskontrolle durchzusetzen. Denn das ständige Machen und Teilen von Bildern bleibe nicht ohne Folgen für sie. Psychologische Studien zeigen, dass Kinder und Jugendliche zunehmend ihren Wert dadurch definieren, wie sie vor der Kamera wirken und welche Reaktionen sie auslösen.
"Das kann ich mir schon vorstellen", sagt Ben Bader. Er ist Businesscoach, Resident auf Mallorca und Vater der bald dreizehnjährigen Lilo, die Semifinalistin im VOX-Musikprogramm „The Voice Kids“ 2025 war. Lilo hat sowohl einen Instagram- als auch einen TikTok-Account, den die Eltern für ihre Tochter bespielen (@lilo_thevoicekids).
Mitspracherecht beim Teilen von persönlichen Bildern im Netz
„Wir haben die Social-Media-Accounts erst für ihre Teilnahme bei 'The Voice' angelegt, weil wir da eine Social-Media-Beratung bekamen“, erzählt Bader. Teil der Beratung sei gewesen, dass die Posts seitens der Eltern gesteuert und nicht dem Kind überlassen werden sollten. „Sowieso besprechen wir jeden Post mit Lilo, wir veröffentlichen nichts, bei dem sie sich nicht absolut wohlfühlt“, so der Vater. Lilo achtete dabei auch sehr bewusst auf ihre Outfits, um nicht zu viel Haut zu zeigen.
Da die Tochter selbst die Öffentlichkeit suche, weil sie Schauspielerin werden wolle, wären die sozialen Medien ein bewusstes Instrument für sie und ihre Eltern, sagt Bader. „Wir leben in einer neuen Zeit, in der Social Media oder generell neue Technologien ständig präsent sind.“ Kinder würden heutzutage damit aufwachsen, deswegen glaube er nicht, dass es pauschal schlecht sei. „Es ist aber wichtig, das Ganze in einem gewissen Rahmen zu halten. Sobald wir als Eltern merken würden, dass es überhandnimmt oder es Anzeichen dafür gäbe, dass sich Lilo nur noch übers Netz oder ihre Followerzahlen definiert, dann würden wir das Ganze schon bremsen“, meint er.
Die spanische Gesetzgebung will zukünftig Kinder und Jugendlichen bei ihrem Mitspracherecht für die Veröffentlichung ihrer Bilder unterstützen. Das geplante Gesetz sieht vor, dass Kinder ihre Zustimmung geben müssen, bevor ihre Bilder veröffentlicht werden, sobald sie alt genug sind, um dies zu verstehen. Ab einem Alter von 14 Jahren besäßen Heranwachsende die Einsichtsfähigkeit dazu.
Psychologen warnen zudem davor, dass unbedachtes und ungefragtes Posten langfristig auch dem Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Kindern schaden könne. Kinder könnten sich bloßgestellt fühlen, denn sie erleben Situationen vielleicht als peinlich, die ihre Eltern witzig finden. Es gehe um eine grundlegende Veränderung im Bewusstsein der Eltern, um die Privatsphäre und den Schutz der Kinder besser zu wahren.
Auch Influencer sollen verstärkt eingeschränkt werden
Die spanische Nationalpolizei startete bereits im Sommer gemeinsam mit der Stiftung SOL (Fundación Safe Online) eine Aufklärungskampagne gegen Sharenting-Risiken. Laut dem spanischen Innenministerium bestehen sogar 72 Prozent des bei Pädophilen beschlagnahmten Materials aus alltäglichen, nicht-sexualisierten Bildern von Minderjährigen aus sozialen Medien. Dringenden Regelungsbedarf sieht SOL-Direktorin Claudia Caso bei Eltern-Influencern, die mit dem Posten der Bilder sogar Geld verdienen würden.
Goodbye-Deutschland-Auswanderin Peggy Jerofke (46) hat mittlerweile selbst bewusst Abstand von Instagram genommen, „weil ich mir gesagt habe, das macht dich eher kaputt, als dass es dich positiv motiviert“. Sie war nach eigener Aussage selbst "extrem in dieser Insta-Blase gefangen, in der man sich nur noch damit identifiziert, wie viele Likes man hat, und ständig schauen muss, was die anderen so machen.“
Die Mutter mit 141.000 Followern auf Instagram erspart ihrer siebenjährigen Tochter Josefine auch immer mehr die Dreharbeiten mit dem TV-SenderVox. „Sie gibt mittlerweile ganz deutlich an, was sie nicht möchte“, erzählt Jerofke. Josefine sei zwar mit Kameras groß geworden, aber auch zunehmend davon genervt, was die Eltern respektieren würden. „Ich finde es manchmal schade, weil sie so ein ganz großer Teil von unserem Leben ist, und man erzählt natürlich gerne von den liebsten Menschen, die man um sich hat“, sagt sie.
Dass immer mehr Teenager sich gegen das Sharenting ihrer Eltern wehren, findet Jerofke eine normale Entwicklung. „Wir sind alle von den sozialen Medien total überrollt worden. Dann kam noch die Corona-Zeit dazu, das war perfekt für diese Plattformen“, sagt sie. Jetzt müsse jeder selbst entscheiden, wie er richtig damit umgehe.
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