Leben im Autobahndreieck: So kämpfen Mallorcas Wohnungslose ums Überleben
Während in Nou Llevant Luxuswohnungen entstehen, leben nur wenige Meter entfernt Menschen in Zelten – die Zahl der Obdachlosen auf Mallorca steigt

Ein Dutzend Zelte stehen in der Mitte des Autobahndreiecks. / Bendgens
Sie leben genau genommen nicht auf der Straße, sondern an der Straße. Entlang von Palmas Ringautobahn finden sich immer mehr Zelte und Verschläge, in denen Obdachlose hausen. Man kann sich kaum vorstellen, wie es sich bei dem Lärm schlafen lässt. Bei manchen Obdachlosen ist der Heimweg gar lebensgefährlich. Im Viertel Nou Llevant entstand im Dreieck von Ring- und Flughafenautobahn eine neue kleine Siedlung, eingezäunt von den Leitplanken. Wenige Meter weiter schießt eine Luxuswohnung nach der anderen aus dem Boden. „Mallorca-Miami nenne ich das. Die Wohnungspreise steigen seit Jahren“, sagt der Mallorquiner Francisco, der hier mit seiner Freundin im Zelt schläft.
Wie viele Menschen auf Mallorca obdachlos sind, lässt sich nur schätzen. „Offizielle Zahlen gibt es nicht, weil die Behörden kein Interesse dafür zeigen“, sagt Teresa Riera von der Caritas. Bei der MZ-Recherche zeigen sich die Verantwortlichen beim Rathaus Palma und Inselrat wenig auskunftsfreudig. Die inselweiten Zahlen seien weiterhin aktuell, sagt eine Sprecherin der Sozialbehörde des Inselrats – sie stammen allerdings aus dem Jahr 2023. Aktuellere Angaben gibt es nur für Palma: Laut Stadtverwaltung lebten hier im Juni 2025 etwa 600 Menschen auf der Straße. „Die Zahl stimmt hinten und vorne nicht“, sagt Riera. Allein die Kirche versorgte 2024 rund 800 Personen, die auf der Straße leben. Die Dunkelziffer dürfte also deutlich höher sein.
„Früher haben wir 30 bis 40 Bocadillos bei unserer dienstäglichen Tour verteilt. Heute brauchen wir mindestens 70“, sagt die argentinische Sozialarbeiterin Florencia Ruarte vom Proyecto Encuentro. Und laufend kommen weitere Wohnungslose hinzu. Zum Jahreswechsel sind kräftige Mieterhöhungen zu befürchten, die Preise kann kaum noch jemand bezahlen. „Zudem endet im Dezember das mit EU-Geldern bezahlte Projekt Housing First. Auch dadurch landet ein ganzer Schwung Leute auf der Straße“, sagt Ruarte. Das Programm finanzierte Wohnungslosen einen Teil oder gar die komplette Miete.

Florentina Ruarte vom Proyecto Encuentro bei ihrer Sozial-Sprechstunde im Kapuziner-Kloster / Alexandra Bosse
Steigende Zahlen, fehlende Lösungen
Vom Roten Kreuz bekommen die Menschen auf der Straße Decken und Kleidung. Aber nur, wenn sie selbst auf die Hilfsorganisation zugehen. „Früher suchte das Rote Kreuz bei den nächtlichen Rundfahrten nach Obdachlosen. Derzeit hat die Truppe nur Zeit, die bereits registrierten Personen abzuklappern“, sagt Teresa Riera. Wer den ersten Schritt nicht wagt, bekommt keine Hilfe. „Die Obdachlosenheime sind völlig überfüllt, die sozialen Hilfseinrichtungen haben monatelange Wartezeiten“, sagt die Caritas-Mitarbeiterin. Selbst für die absoluten Notfälle gibt es derzeit kein Bett. Zumal viele Obdachlose die Heime meiden. „Die Liste an Problemen dort ist lang“, sagt Florencia Ruarte und zählt auf: Alkohol, Drogen, Gewalt, Diebstähle und Ungeziefer.
In der vergangenen Woche veröffentlichte die Caritas eine von der Foessa-Stiftung erstellte Studie. „233.000 Personen – sprich einer von fünf Residenten – sind auf den Balearen von irgendeiner Form der Ausgrenzung betroffen“, heißt es dort. Obdachlose sind heutzutage nicht mehr fast ausschließlich ältere Männer, die Probleme mit Drogen und Alkohol haben. „Die Quote an Frauen ist stark gestiegen. Es gibt Familien mit kleinen Kindern. Viele Leute, die auf der Straße leben, sind berufstätig“, sagt Teresa Riera. „Einen Job zu haben, bedeutet nichts mehr.“
Neue Armut auf der Straße
Langzeit-Obdachlose hätten häufig psychische Probleme, haderten mit Glücksspiel, Alkohol oder Drogen, sagt Ruarte. Den Anwohnern macht das Angst. Das zeigt sich auch beim MZ-Besuch im Park nahe des Autobahndreiecks. „Manchmal frage ich mich, wo ich hier reingeraten bin“, sagt eine ältere spanische Frau, die ihren Hund ausführt. „Es ist alles voller Müll, Ratten flitzen umher. Mir kommt die Gegend unsicher vor.“ Früher erinnerte der Park an einen Campingplatz. Nachdem die Polizei die Grünflächen räumen ließ, suchen sich die Obdachlosen verstecktere Ecken wie das Dreieck.
Bartolomé Campins wohnt hier seit vier Monaten. Insgesamt sind es rund ein Dutzend Zelte. Schon vor vier Jahren habe ein Russe das Dreieck erschlossen, sagt er. Mit der Zeit gesellten sich weitere unfreiwillige Camper hinzu. Trotz seiner für spanische Verhältnisse üppigen Frührente von 1.500 Euro kann sich Campins keine eigene Wohnung leisten. Das liege auch an seiner Drogensucht, räumt er ein.

Francisco muss täglich die Autobahn überqueren, um sein Zelt zu erreichen. / Bendgens
Früher habe er in einem Hauseingang an der nahen Avinguda México übernachtet, sagt der Mallorquiner. „Die Anwohner meinten, ich sei kein guter Anblick für die Gegend und baten mich zu verschwinden.“ Die Geschichte seines Nachbarn Francisco ist ähnlich. „Im Parc de la Mar kam jede Nacht die Ortspolizei und hat uns verscheucht. Sie sagten uns, dass wir in das Dreieck ziehen sollen“, sagt der Mallorquiner.
Von Ort zu Ort vertrieben
Dass die Beamten den Obdachlosen empfehlen, Tag für Tag zu Fuß die Autobahn zu überqueren, klingt abenteuerlich. Auslöser für die Räumungsaktionen seien immer Beschwerden der Anwohner, sagt ein Sprecher der Ortspolizei der MZ. „Wir geben ihnen eine Liste der Heime, in denen sie unterkommen können.“ Ihm sei bewusst, dass viele dort nicht schlafen möchten oder es an Plätzen mangelt. „Wir geben ihnen auch den Hinweis, ihre Lager an diskreteren Orten aufzubauen“, sagt der Sprecher der Ortspolizei.
Francisco und seine Freundin haben drei Kinder, die bei den Großeltern untergebracht sind, während sie im Zelt übernachten. Seit fünf Jahren stehen sie beim Roten Kreuz auf der Warteliste für eine Sozialwohnung. „Nächste Woche ist es endlich so weit“, sagt der 44-Jährige. Für 80 Euro im Monat gibt es eine Dreiraumwohnung in Inca. „Im Sommer finde ich immer einen Job in der Gastronomie. Im Winter beziehe ich lediglich 470 Euro Arbeitslosengeld.“ Auch er gibt einen Teil davon für Kokain aus. „Selbst mit den Drogen muss ich haushalten“, sagt er.
Warten auf ein Zuhause
Verschiedene soziale Hilfsdienste unterstützen die Obdachlosen, verteilen Essen, Zelte und geben immerhin einmal wöchentlich die Chance zum Duschen. Ihre Notdurft verrichten die Autobahn-Camper im Gebüsch. „Man gewöhnt sich an alle Dinge im Leben: an die guten wie die schlechten“, sagt Francisco und schaut auf die Luxuswohnungen im Nou-Llevant-Viertel. Dass es überwiegend reiche Ausländer sind, die dort einziehen, mache ihn nicht wütend. „Sie haben es sich erarbeitet. Die Schuld liegt bei der Regierung. Die Politiker sollten sich dafür schämen.“
Neben Palma finden sich laut Riera vor allem in Manacor und Inca größere Ansammlungen an Obdachlosen. In Inca hilft die Caritas 80 Leuten täglich. „Dort klappt die Zusammenarbeit mit dem Rathaus perfekt“, sagt die Koordinatorin. Dort sind aber auch die Sozialisten an der Macht. Anders sieht es bei der konservativen Regierung in Palma aus. „Hier ist es schwierig. Das Rathaus sendet Hassbotschaften, die nicht der Wahrheit entsprechen und verzerrt das Bild der Obdachlosen“, sagt Teresa Riera. Bürgermeister Jaime Martínez bezeichnete es als unmenschlich, in einem Campingwagen zu übernachten, und wollte mit seinen neuen Benimmregeln auch für das Schlafen im Park Bußgelder verteilen. Erst eine Protestwelle ließ ihn einlenken.
Abonnieren, um zu lesen
- Kurze Atempause, danach kommen Regen, Gewitter und sogar Schnee zurück
- Personal in Cala Millor gesucht: Wer will mit 'Goodbye Deutschland'-Auswanderin Jenny 'Delüx' zusammenarbeiten?
- Warnstufe Orange an der Küste: Mallorca bleibt im Griff von Sturmtief Harry
- Luxushotel Jumeirah auf Mallorca jetzt ganz in der Hand von Dubai
- Nach Zugunglück in Andalusien: Palma sagt das Stadtfest Sant Sebastià ab – Grillen weiter möglich
- Unwetter 'Harry' auf Mallorca: Wellen reißen Plankenweg und Strandkiosk in Cala Ratjada in Stücke
- Eröffnung des neuen Aldi an der Playa de Palma steht unmittelbar bevor
- Neue Regeln für Powerbanks bei Lufthansa und Eurowings: Das müssen Mallorca-Reisende wissen
