Diese Menschen leben in den Hüttensiedlungen am Rande von Palma
Rund um Palma entstehen Siedlungen aus Holz und Wellblech – ein stilles Zeugnis der wachsenden Wohnungsnot

Der ehemalige Schreiner Javi ist einer der Bewohner der Barackensiedlung in der Nähe des Son Serra Parks. / Nele Bendgens
Das Problem der Wohnungsnot ist auf Mallorca nicht von heute auf morgen aufgetaucht. Manche Obdachlose haben sich in selbst gebauten Hütten häuslich eingerichtet. In der Nähe des Parc de Son Serra unweit der Palmaplanas-Klinik an der Ringautobahn sieht es aus wie eine Kleingartensiedlung nach deutschem Vorbild.
Zwischen Johannisbrotbäumen und hohen Gräsern befinden sich rund 20 Holzhütten sowie einige Zelte. In Käfigen werden Hühner, Pfauen und sogar Schweine gehalten. Ein Kaninchen scheint ausgebüxt zu sein und hoppelt den Weg hinunter. Die Idylle in der Natur täuscht. Die Menschen in den chabolas (aus Blech oder Holz erbaute Baracken) leben oft schon seit vielen Jahren am Rande der Gesellschaft.
Mit der Katze durch den Winter
Schreiner Javi verlor vor zwölf Jahren seinen Job und somit seine vier Wände. Ein Bekannter erzählte ihm von der Hüttensiedlung, wo er zunächst ein Zelt aufbaute, später errichtete er sich seine erste Baracke. Es folgte eine zweite, die sogar zwei getrennte Räume hat. „Ich bin derjenige hier, an den sich andere wenden, wenn es Stress gibt. Oder wenn sie knapp bei Kasse sind“, sagt der 62-Jährige. Bis auf eine Kolumbianerin und ihren Sohn sowie einen Algerier sind alle seine Nachbarn Spanier. Die meisten leben allein.
Auf einem Tisch bereitet Javi auf zwei Blumentopfuntersetzern Katzenfutter vor, eine Schar von rund zehn Katzen wartet geduldig auf ihr Abendessen. „Das Futter bekomme ich von einer Tierschutzorganisation“, sagt der Mallorquiner. Manchmal kaufe er auch selbst welches. Der ehemalige Schreiner lebt vom Ingreso Mínimo Vital – dem spanischen Mindesteinkommen in Höhe von etwa 650 Euro im Monat. „Nach Zimmern schaue ich gar nicht mehr. Ich kann mir von dem Geld sowieso nichts leisten“, sagt er.

Javi lebt seit zwölf Jahren auf der Straße. Die Katzen in der Barackensiedlung leisten ihm Gesellschaft. / Nele Bendgens
Seine Kinder böten ihm immer wieder an, bei ihnen einzuziehen, aber das möchte der vierfache Vater auf keinen Fall. „Ich will mich nicht in eine Ehe einmischen, das führt nur zu Problemen“, sagt der Mallorquiner. Er habe sich mittlerweile an das Leben in der Hütte gewöhnt. Im Winter sei die hohe Luftfeuchtigkeit das Schlimmste, die Nächte seien sehr kalt. „Dann schläft auch eine der Katzen bei mir“, sagt der 62-Jährige.
Das rumänische Dorf
Nur wenige Meter entfernt von Javis Siedlung an der Straße von Establiments hat sich quasi ein rumänisches Dorf gebildet. Familien mit kleinen Kindern leben hier. Sie sind nicht sehr auskunftsfreudig.
Gesprächiger sind die Rumänen neben der Skateanlage im Sa-Riera-Park. Das Leben in der Hütte sei aushaltbar, „besser als in Bukarest“, sagt die 50-jährige Anika. Vor neun Jahren kam sie mit ihrem 58-jährigen Mann Jens nach Palma, wo bereits ihre Mutter eine Wohnung hatte. Zu dritt wohnten sie dort, ehe die Miete zu teuer wurde.

Direkt neben dem Skate-Park im Sa-Riera-Park leben Anika und Jens. / Nele Bendgens
Nach dem Tod von Anikas Mutter sind die Rumänen zu zweit, aber sie haben Familie in der Nähe. „Meine Cousine lebt da drüben“, sagt die 50-Jährige und zeigt auf eine Hütte auf der anderen Seite des Sturzbaches. Das Einzige, was sie vermisse, seien ihre Kinder, die bei ihrer Schwester leben. Oft hätten sie darüber nachgedacht, ihre zehn und fünfzehn Jahre alten Söhne nach Palma zu holen, doch Anika hat große Angst vor dem Jugendamt. „Was ist, wenn die Polizei kommt und sie uns für immer wegnimmt?“, sagt sie. Bei der Schwester hätten die Kinder ein gutes Leben, es fehle an nichts, das Paar schickt monatlich Geld in ihr Heimatland. „Ich bettle vor einem Mercadona, und mein Mann sammelt Schrott“, sagt sie.
Auch in den rumänischen Siedlungen schaut die Polizei immer wieder vorbei. „Sie drohen mit einem Abriss“, sagt Lorenzo, der seit knapp zehn Jahren neben dem Sturzbach haust. „Wir würden die Hütten einfach wieder aufbauen. Es ist ja nicht so, als gäbe es für uns eine bessere Alternative.“
Mehr als die Hälfte Migranten
60 bis 65 Prozent der Obdachlosen seien Migranten, schätzt die Sozialarbeiterin Florencia Ruarte vom "Proyecto Encuentro". „Donnerstags sitze ich bei der Armenspeise Caputxins und biete eine Sprechstunde an. Jeden Tag kommen Leute zu mir, die erst vor einer Woche auf die Insel gezogen sind und nun auf der Straße leben.“ Die Bekämpfung des Problems fange daher außerhalb der spanischen Grenzen an. „Es müssen Infokampagnen in Lateinamerika oder auch Osteuropa her, um den Leuten zu zeigen, dass das Leben auf Mallorca nicht einfach ist. Besonders die ersten Jahre ohne Aufenthaltserlaubnis sind hart.“
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