"Hätte verhindert werden können": Was beim tödlichen Hauseinsturz in Manacor schieflief
Der tragische Einsturz eines alten Hauses in Manacor forderte ein Menschenleben. Experten nennen jetzt die Gründe – und sehen unter anderem Probleme durch den beliebten Marès-Stein

Trauer um den 18-Jährigen nahe des eingestürzten Wohnhauses in Manacor / Sebastià Sansó
Nach dem tragischen Einsturz eines Einfamilienhauses in Manacor, bei dem in der Nacht auf Donnerstag (15.1.) ein 18-Jähriger ums Leben gekommen ist, haben Fachleute nun Gründe dafür genannt, wie es zu dem Vorfall kommen konnte. Schuld daran, dass das Dach einstürzte und den jungen Mann unter sich begrub, ist laut den Experten der Stadt vor allem der Marès-Stein, aus dem die tragenden Mauern des zweigeschossigen Gebäudes bestanden. Offenbar hatten sich die Dachbalken aus ihrer Verankerung in der Mauer gelöst, weil der marès durch Feuchtigkeit beschädigt worden war.
Poröses Baumaterial
Hinzu kam laut den Inspektoren eine Überlastung des Daches und des ersten Stocks. Dort befanden sich verschiedene Möbelstücke, und die Etage wurde als Lager genutzt. All diese Umstände trugen ersten Ermittlungen zufolge dazu bei, dass die Struktur in Richtung Erdgeschoss einbrach. Der 18-jährige Miguel Ángel F. starb, sein zwölfjähriger jüngerer Bruder überlebte wie durch ein Wunder, weil er unter dem Etagenbett und einer Matratze geschützt war. Er musste von den Rettungskräften aus den Trümmern gerettet werden.
Das Gebäude stammt schätzungsweise aus dem Jahr 1900. Damals wurde marès häufig beim Hausbau verwendet. Heute dagegen wird das Material meist vor allem als optischer Hingucker eingesetzt, aber nicht mehr in tragenden Wänden. Denn der typische Mallorca-Kalkstein ist porös und kann durch Feuchtigkeit oder schlechte Bauweise zerbröckeln. Allerdings gibt es auch unterschiedliche Qualitätsstufen beim marès.

Teile der eingestürzten Deckenbalken / Sebastià Sansó / Sophie
Verpflichtende Inspektion nicht durchgeführt
Wie die MZ-Schwesterzeitung "Diario de Mallorca" berichtet, hatte das Haus nie die Technische Gebäudeinspektion (ITE) durchlaufen, die seit dem Jahr 2015 verpflichtend ist. Aus kommunalen Quellen hieß es, als die Vorschriften zu Gebäudeüberprüfungen in Manacor in Kraft traten, hätte dieses Gebäude zu den ersten gehören müssen, die inspiziert werden, da es mehr als 50 Jahre alt war. „Aus dem historischen Archiv der Abteilung für Stadtplanung wurde mitgeteilt, dass weder ein Antrag auf eine Baugenehmigung noch irgendeine Dokumentation zum Erhaltungszustand dieses Gebäudes gefunden wurden“, erklärte das Rathaus von Manacor und verwies darauf, dass die Eigentümer für die Durchführung dieses Verfahrens verantwortlich seien.
Offenbar war das Gebäude seit seiner Errichtung mehrfach illegal umgebaut worden. Keine dieser Maßnahmen verfügte über eine Genehmigung oder über die Aufsicht eines Fachmanns, der bestätigt hätte, dass die Arbeiten durchführbar sind und sie kein Einsturzrisiko bergen, so die ersten Ermittlungen.
Kein Einzelfall
Dem erfahrenen Bauingenieur José Cámara kommen die Ursachen des Einsturzes äußerst bekannt vor. Über sein Unternehmen Tramiteco führte er vor Kurzem eine Sanierung an einer Immobilie in Palma mit einem sehr ähnlichen Problem durch – das jedoch rechtzeitig erkannt wurde. „Eine Inspektion hätte den Einsturz in Manacor verhindern können“, betont er.

Bauingenieur José Cámara: "Der Einsturz in Manacor hätte verhindert werden können" / Redaktion DM
Konkret musste José Cámara eine strukturelle Instandsetzung an einem Gebäude im Carrer Jaume Ferrer in Palma durchführen. „Wir haben die Holzbalkendecken durch metallische ersetzt“, präzisiert er. Diese Balken hatten sich – wie in Manacor – aus einer tragenden Marés-Mauer gelöst. „Um sie zu verstärken, haben wir eine Metallplatte eingesetzt. So wurde die Auflagerung verstärkt und die Struktur blieb stabil“, unterstreicht er. Aber eben nur, weil die Probleme rechtzeitig entdeckt wurden.
Appell an Eigentümer
Die Verantwortung für diese Inspektion liege beim Eigentümer, betont auch Cámara. Im Fall von Manacor hätte der Besitzer des betroffenen, 1900 errichteten Gebäudes die Inspektion ab dem Jahr 2015 beantragen müssen. „Es ist wichtig, dass der Fachmann den Erhaltungszustand des Gebäudes fortlaufend überprüft“, so der Bauingenieur. Er weiß: Wer die Prüfung nicht durchführt, muss mit hohen Geldstrafen rechnen.
„Ich ermutige die Eigentümergemeinschaften, den IEE (Informe de Evaluación de Edificios, Anm. d. Red.) durchführen zu lassen, auch wenn er noch nicht dran sind“, sagt er. Denn bei etwa der Hälfte der Inspektionen müsse dann auch tatsächlich eingegriffen werden, um entdeckte Mängel zu beheben.
Angrenzende Häuser zeitweise evakuiert
In Manacor ist es dafür zu spät. Nach dem ersten Einsturz brachen kurze Zeit später noch weitere Teile des Hauses ein und verletzten einen Feuerwehrmann beim Rettungseinsatz. Auch Tage nach dem Vorfall befindet sich das Gebäude in einem sehr instabilen Zustand. Experten stützten die gesamte Struktur ab, um die Räumung des Schutts abzuschließen. Als Vorsichtsmaßnahme wurden auch die angrenzenden Wohnhäuser evakuiert.
Die Eltern der verunglückten Jungen, die in einem anderen Teil des Hauses geschlafen hatten und unverletzt geblieben waren, werden derzeit in einer städtischen Notunterkunft untergebracht. Ihr jüngerer Sohn wird im Landeskrankenhaus Son Espases in Palma versorgt.
Derweil führt die Nationalpolizei verschiedene Ermittlungen durch, für die die Berichte der Bauexperten von großer Bedeutung sein dürften. Ein Ermittlungsgericht in Manacor beaufsichtigt die Untersuchungen. /somo
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