„Das Drama ist Teil des Gesamtpakets“: So läuft die Rettung von Migrantenbooten auf den Balearen ab
Manuel Capa ist Matrose bei der spanischen Seenotrettung. Rund um die Balearen bedeutet das immer wieder: Migranten zur Hilfe eilen

Manuel Capa vor der „Guardamar Concepción Arenal“. Seit einem Jahr ist der Gewerkschaftsvertreter auf den Balearen stationiert. / PRIVAT
Manuel Capa hält nicht viel von Hierarchien und möchte am liebsten als „Matrose bei der Seenotrettung“ bezeichnet werden. Seit 15 Jahren rettet der gebürtige Andalusier Menschen in Seenot – vor Almería, rund um die Kanaren und seit einem Jahr in balearischen Gewässern an Bord der „Guardamar Concepción Arenal“. Capa ist Gewerkschafter, er gehört der anarchosyndikalistischen CGR an. Wir erreichen ihn telefonisch im Hafen von Ibiza.
Wie ist Ihr Alltag an Bord?
Wir sind zu acht auf einem 20 Meter langen Schiff. Einen Monat leben wir an Bord, danach geht es in die Heimat – in meinem Fall Almería. Wir sind wie die Feuerwehr auf dem Meer: Falls wir gebraucht werden, stechen wir in See, sonst bleiben wir im Hafen. Im Winter ist es relativ ruhig, da müssen wir ab und zu mal ein Freizeitboot abschleppen oder Migranten zur Hilfe eilen. Im Sommer ist wesentlich mehr los, da haben wir teilweise 80-Stunden-Wochen.
Sind die Migrantenboot-Einsätze mittlerweile Ihre Hauptaufgabe?
Mein Schiff ist gerade hier, weil in dem Bereich weitere Unterstützung gebraucht wird. Landesweit würde ich schätzen, dass Migranteneinsätze vielleicht zehn Prozent unserer Arbeit ausmachen. Im Januar war mein Schiff nur an einer Rettung eines Migrantenbootes beteiligt.
Wie finden Sie die Menschen, die weitab der Küste in Seenot geraten?
Es gibt mehrere Möglichkeiten, wie wir von Schiffbrüchigen erfahren. Einerseits durch Anrufe beim Notruf. Dieser kontaktiert uns und gibt uns ungefähre Koordinaten weiter, wo sich die Personen befinden. Andererseits über den sogenannten Kanal 16 im UKW-Seefunk (VHF), den Notfallkanal, über den Boote in Not ein Notsignal senden können. Migrantenboote haben kein Funkgerät, also erfahren wir den Standort meist von anderen Schiffen, die sie gesichtet haben. Hinzu kommt noch das Flugzeug der Seenotrettung in Valencia: Es überfliegt das Mittelmeer auf der Suche nach möglichen Verschmutzungen, die Schiffe ins Meer ablassen. Manchmal werden dabei auch Boote in Seenot entdeckt.
Wie läuft die Rettung ab?
Wir nähern uns den Migrantenbooten mit geringer Geschwindigkeit, meistens von Steuerbord, weil wir von dort einen besseren Blick haben. Wir fordern die Menschen immer auf, nicht aufzustehen. Dann werfen wir ihnen ein Seil zu, das am Heck befestigt wird, und wenn wir in unmittelbarer Nähe sind, bringen wir die Menschen auf unser Boot. Meistens läuft alles glatt. Ich habe auf den Kanaren erlebt, dass ein Boot gekentert ist – das war eine schreckliche Erfahrung: Von 50 Insassen an Bord ertranken 27. Auf den Balearen sind meist weniger Menschen an Bord der sehr prekären Boote: 25 maximal, obwohl sie eher für fünf Personen geeignet wären.
In welchem Zustand befinden sich die Migranten, wenn Sie sie retten?
Meistens treiben sie schon seit ein paar Tagen auf dem Meer, weil der Motor ausgefallen ist. Wenn es keine Komplikationen gibt, versuchen sie, aus eigener Kraft an Land zu kommen. Sie sind müde, oft dehydriert – und erleichtert, uns zu sehen. Leider überleben nicht immer alle die Überfahrt.
Nennen Sie uns ein Beispiel.
Vergangenen November hat eine Frau, die bereits auf Ibiza lebte, den Notruf alarmiert: Ihr Partner sei eine Woche zuvor in Algerien mit dem Boot Richtung Balearen aufgebrochen, seitdem gebe es kein Lebenszeichen. Wir machten uns auf die Suche, ein Frontex-Flieger ebenfalls. Wir fanden nur eine Leiche im Meer, vom Migrantenboot jedoch keine Spur. Dann wurde unser Schiff in den Hafen von Palma verlegt, wo wir eine Woche blieben. Auf dem Rückweg nach Ibiza entdeckte schließlich ein Flugzeug das Boot, nach dem wir zuvor vergeblich gesucht hatten. Wir retteten fünf Männer, drei davon Brüder. Sie hatten Benzinkanister ausgewaschen und mit Regenwasser gefüllt. Ernährt hatten sie sich von Kürbiskernen: Einer der Brüder verteilte pro Tag zwei an jeden. Zwei Wochen hatten sie so bei Wind und Wetter auf dem Mittelmeer überlebt. Die restlichen 18 Insassen waren ins Wasser gesprungen, weil sie in der Ferne die Lichter der Küste sahen und glaubten, bis dorthin schwimmen zu können.
Wie gehen Sie emotional mit solchen Situationen um?
Auch wenn es sehr kalt klingt: Ich versuche, mich so wenig wie möglich einzufühlen. Wir verbringen auch wenig Zeit mit den Migranten – in anderthalb Stunden sind wir wieder im Hafen. Ich gebe ihnen eine Flasche Wasser und eine Decke, und das war’s. Ich sehe das Drama als Teil des Gesamtpakets, es gehört zu meinem Job dazu. Zudem muss ich sagen, dass es auf den Balearen im Vergleich zu den Kanaren eher harmlos abläuft. Meiner mentalen Gesundheit zuliebe möchte ich auch nicht wieder dorthin zurück.
Hilfsorganisationen werfen den Behörden vor, zu wenig nach in Seenot geratenen Booten zu suchen. Was sagen Sie dazu?
Die Grenze zu „schützen“ ist Aufgabe der Guardia Civil. Meine Arbeit beschränkt sich auf die Rettung von Menschen, nicht auf deren Suche.
Die Balearen-Regierung fordert immer wieder Frontex-Hilfe. Würde die europäische Grenzkontrollagentur die Situation verbessern?
Frontex ist der größte Betrug überhaupt. Im Süden Spaniens operieren sie, aber sie suchen nicht aktiv nach Migrantenbooten. Falls sie ein Boot finden, rettet die Seenotrettung es. Solche Szenen gibt es auf den Balearen auch mit der Guardia Civil. Unser letzter Einsatz verlief wie folgt: Die Beamten der Guardia Civil blieben neben dem Boot und warteten, bis wir zur Rettung kamen.
Was sagen Sie jemandem, der abfällig über Migranten spricht?
Manchmal heißt es, „wir seien das Problem“ – durch unsere Arbeit würden wir mehr Menschen nach Europa locken. Aber vielleicht sollte man sich fragen, warum Menschen überhaupt migrieren. Es gibt historische und wirtschaftliche Ursachen, die Ungleichheit und Armut geschaffen haben. Migration ist zum Teil eine Folge davon.
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