Tourismus-Experte auf Mallorca zum Beginn der Urlaubssaison 2026: „Ich rechne wieder mit einem Rekordjahr“
Die Balearen werden wohl auch 2026 knapp 20 Millionen Urlauber empfangen – vielleicht sogar mehr. Das prophezeit Bartolomé Deyà, Dekan der Tourismus-Fakultät der Balearen-Universität (UIB)

Urlauber an der Cala Molins in Cala Sant Vicenç. Vergangenes Jahr waren es 13,6 Millionen Touristen auf Mallorca, 19,1 Millionen auf sämtlichen Balearen-Inseln. / Nele Bendgens
Wie sind die Urlauberzahlen 2025 zu interpretieren? Wie verhält sich der deutsche Markt und was ist für dieses Jahr zu erwarten? Der Dekan der Tourismus-Fakultät der Balearen-Universität Bartolomé Deyà kennt sich auf diesem Gebiet aus wie kaum ein Zweiter und ordnet für die MZ ein.
Wie interpretieren Sie die Urlauberzahlen aus dem Jahr 2025?
Wir hatten einmal mehr ein Jahr mit Rekordbesucherzahlen. Es sind mehr als 19 Millionen Urlauber auf die Balearen gekommen. Wir sehen, dass die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der einzelnen Gäste immer weiter schrumpft. Das heißt, wir brauchen immer mehr Urlauber, um dieselbe Zahl an Übernachtungen zu erreichen. Diese ist in den Hotels ist seit Jahren mehr oder weniger gleich geblieben. Interessant ist: Die Zahl der Menschen, die angeben, sie kommen in Häusern von Angehörigen oder Freunden unter, ist dafür in den vergangenen Jahren sehr deutlich gestiegen. Theoretisch sind das Urlauber, die für ihre Unterkunft auf den Balearen nichts bezahlen. Und diese Menschen kommen in den Tausenden von Häusern unter, die Ausländer in den vergangenen Jahren auf den Inseln gekauft haben.
Die Menschen, die bei Freunden oder der Familie und nicht in Hotels übernachten, sind kaum zu kontrollieren.
Die sind gar nicht zu kontrollieren oder zu regulieren. Da kann man noch so viele Obergrenzen einführen oder die Gästebetten begrenzen. Diese Leute bekommt man damit nicht. Und da hilft es im Übrigen auch nichts, die Touristensteuer anzuheben. Die bezahlen diese Urlauber ja nicht. Solange sie ein Flugticket kaufen, können sie auf die Inseln kommen.

Uni-Professor Bartolomé Deyà. / Pere Estelrich
Es stimmt, dass es einen minimalen Rückgang der Urlauberzahlen in der Hochsaison gegeben hat und einen Anstieg der Zahlen in der Nebensaison. Das liegt vor allem daran, dass es im Sommer einfach keine freien Unterkünfte mehr gibt. Zudem sind die Preise vor allem in der Hauptsaison so in die Höhe geschossen, dass die Urlauber sie nicht mehr bezahlen können. Das führt dazu, dass viele, die uns besuchen wollen, zu anderen Zeiten im Jahr reisen müssen.
Wie soll man dann Ihrer Meinung nach die Urlauberzahlen eindämmen?
Da sage ich immer dasselbe: Wenn wir das wirklich wollen, dann ist die Touristensteuer keine effektive Maßnahme, denn viele fallen durch das Raster. Wenn wir die Zahl der Urlauber senken oder zumindest beibehalten wollen und dafür eine Steuer pro Kopf erheben wollen, müssen wir so hohe Flughafengebühren etablieren, dass die Flüge auf die Insel deutlich teurer werden. Eine solche Preiserhöhung würde alle betreffen, auch die, die sich bei Freunden und Familie einmieten. Das wäre zum momentanen Zeitpunkt die einzige effektive Tourismuspolitik auf diesem Gebiet.
·Es wirkt nicht so, als würde irgendein Entscheidungsträger aus der Politik den Tourismus wirklich einschränken wollen."
Da fehlt aber der politische Wille.
Eine Alternative wäre auch das Nachtflugverbot. Man könnte es sowohl mit dem Umweltschutz als auch mit einer familienfreundlicheren Arbeitszeiten, also dem Verzicht auf Nachtarbeit, begründen. Deutschland macht es vor. Da gibt es an vielen Flughäfen Nachtflugverbote. Die Zahl der Flüge würde deutlich sinken, weil es ein kleineres Zeitfenster gibt, und damit würden die Flüge deutlich teurer.
Diese Forderung ist auf Mallorca nicht sehr populär.
Die Aussagen von Balearen-Regierung und Zentralregierung im Hinblick auf die Begrenzung der Urlauberzahlen unterscheiden sich nicht groß. Wir sind schon beinahe wieder mit einer Legislaturperiode durch, und immer noch ist nicht klar, was mit der Touristensteuer passiert. Es wirkt nicht so, als würde irgendein Entscheidungsträger aus der Politik den Tourismus wirklich einschränken wollen.
Zum Sorgenkind, den Deutschen: Ihre Zahl nahm 2025 um 1,8 Prozent ab.
Dass weniger Deutsche gekommen sind, hat sicher mehrere Gründe. Da ist erstens der Preisanstieg. Die Deutschen haben zwar ein ordentliches Urlaubsbudget, aber die hohen Preise treffen sie trotzdem. Zweitens ist die wirtschaftliche und politische Situation in Deutschland nicht mehr ganz so stabil wie in früheren Jahren. Und drittens haben die Demonstrationen gegen den Massentourismus Eindruck gemacht. Wir wissen, dass der deutsche Markt sensibler auf gewisse Nachrichten reagiert, weil für die Deutschen Aspekte wie Umweltschutz oder Respekt für die Einwohner einen etwas größeren Stellenwert haben als für Urlauber anderer Nationalitäten. Hinzu kommt, dass gewisse Ermüdungserscheinungen nicht auszuschließen sind. Die deutschen Urlauber waren über Jahrzehnte den Balearen sehr treu. Vielleicht wollen manche jetzt andere Reiseziele kennenlernen.
Was tun, wenn sich diese Ermüdungserscheinungen bewahrheiten?
Unter anderem deshalb bemühen sich die Verantwortlichen, neue Märkte zu erschließen, wie etwa Nordamerika, Kanada oder den arabischen Raum mit Direktflügen nach New York, Montreal und Abu Dhabi.
"US-Amerikaner beispielsweise sind lange Zeit vor allem nach Italien geflogen, suchen aber jetzt auch neue Ziele. Und da steht nun Mallorca bereit."
Welches Potenzial haben diese Märkte?
Ein großes. Das sind Regionen mit vielen Einwohnern, von denen viele sich aufwendige Urlaube leisten können. Hinzu kommt, dass diese Menschen inzwischen häufiger nach Europa reisen. Und Mallorca hat da jetzt einen festen Platz auf der Landkarte. US-Amerikaner beispielsweise sind lange Zeit vor allem nach Italien geflogen, suchen aber jetzt auch neue Ziele. Und da steht nun Mallorca bereit.
Diese Märkte stehen vor allem für Luxustourismus. Wird es für normale Familien noch möglich sein, auf Mallorca Urlaub zu machen?
Die Preise sind bereits deutlich gestiegen. In den vergangenen fünf Jahren sind die Unterkünfte um 35 Prozent teurer geworden. Mallorca verwandelt sich in eine Luxusdestination. Und klar, da können sich viele Menschen keinen Urlaub mehr leisten. Unter anderem deshalb kommen viele inzwischen in der Nebensaison.
Ist das wünschenswert?
Es ist keine Frage, dass die Tourismusbranche auf höhere Margen setzen muss, wenn sie nachhaltiger werden will. Und das bedeutet, dass man ein Produkt, das man vorher für einen Preis X verkauft hat, nun deutlich teurer verkaufen muss. So braucht es weniger Konsumenten, um eine höhere Marge zu erreichen. Und dann ist die einzige Lösung, auf Urlauber mit Geld zu setzen. Wenn wir auf Familien setzen wollen, dann wird es schwierig, die Zahl der Urlauber zu senken und ein nachhaltiges Urlaubsziel zu werden. Entweder das eine oder das andere.
"Ferienvermietung ist eine Urlaubsform, die viele Menschen explizit suchen, deshalb können wir uns nicht gegen den Markt stellen und sie verbieten."
Das ist ein moralisches Dilemma.
Es ist einfach so, dass die Menschen, die sagen, man muss den Tourismus beschränken, nicht hören wollen, dass das dann auf eine Elite hinausläuft. Viele Menschen sind da sehr heuchlerisch. Sie fordern nach außen hin eine Deckelung oder einen Rückgang der Urlauberzahlen, selbst wollen sie aber nicht von Einschränkungen betroffen sein und plötzlich vielleicht nicht mehr nach Venedig oder Griechenland reisen dürfen. Vor 50 Jahren war es doch auch nicht anders. Wer konnte denn damals reisen? Menschen mit hohem Lebensstandard.
Wie steht die Insel in Sachen Ferienvermietung da?
Ferienvermietung ist eine Urlaubsform, die viele Menschen explizit suchen, deshalb können wir uns nicht gegen den Markt stellen und sie verbieten. Wo noch viel zu tun ist, ist bei der illegalen Vermietung. Da gibt es viele Schwierigkeiten, aber auch einige Fortschritte.
Sehen Sie wirklich Fortschritte?
Es gibt inzwischen einen Haufen Normen und Gesetze. Woran es noch hapert, sind mehr Kontrolle und vor allem mehr Sanktionen. Nur wer wirklich das Gefühl hat, er wird überprüft und verfolgt, der hält sich auch an die Auflagen. Er oder sie muss auch die Strafe zahlen. Diese Sanktionen müssen angewandt werden. Ein weiterer Aspekt dabei: Auf die Kooperation der Portale kann man sich nicht verlassen. Man muss selbst kontrollieren. Nur auf die Unternehmen zu vertrauen, ist ein großer Fehler.
Was ist mit den Sanktionen? Werden die Bußgelder inzwischen eingetrieben?
Das große Problem ist, dass wir das nicht wissen. Es wäre wünschenswert, dass die verantwortlichen Institutionen nicht nur alle paar Jahre, sondern regelmäßig über das tatsächlich eingetriebene Geld informieren. Nicht nur über die ausgestellten Sanktionen.
Wagen Sie bitte mal einen Ausblick auf die Saison 2026.
Ich glaube an eine ähnliche Saison wie in den vergangenen Jahren. Die Urlauberzahl wird noch einmal leicht steigen und nah an die 20 Millionen rankommen oder sie vielleicht sogar übertreffen. Ich rechne also wieder mit einem Rekordjahr. Die Ausgaben der Urlauber steigen weiter, weil die Preise weiter steigen und es eine große Nachfrage gibt. Wir werden andere Märkte wachsen sehen. Die große Unbekannte ist, wie sich der deutsche Markt verhält. Ein zweites Jahr mit einem Rückgang wäre besorgniserregend.
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