"Digitale Welle hat uns überrollt": Wie Ermittler auf Mallorca mit Deepfakes umgehen
Nach dem Fall Collien Fernandes rückt das Thema Deepfakes in den Fokus. Im MZ-Gespräch berichtet ein Ermittler der Nationalpolizei auf Mallorca von steigender Cyberkriminalität, dem Opferprofil und konkreten Schritten gegen die Verbreitung manipulierten Bildmaterials

Porno-Deepfakes tauchen immer häufiger auf / dpa / Marcus Brandt
Deepfakes sind in Deutschland derzeit in aller Munde. Der Fall der Moderatorin Collien Fernandes, die ihren Ex-Mann Christian Ulmen im Dezember bei einem Gericht in Palma unter anderem wegen mutmaßlicher Verbreitung manipulierten Bildmaterials angezeigt hat, schlägt weiter Wellen. Diskutiert wird ein neues Gesetzesvorhaben im Eilverfahren, das die Ahndung der sogenannten "Deepfakes" erleichtern soll.
In Spanien ist man da schon einen Schritt weiter. Mitte Januar entschied sich die zentralspanische Linksregierung bereits für einen entsprechenden Gesetzesvorentwurf. Bis das neue Gesetz gilt, greifen die Behörden auf bestehende Paragrafen zurück, um gegen Deepfakes vorzugehen.
"Schwimmen, um nicht zu ertrinken"
„Selbstverständlich ist solche Bildmanipulation auch auf Grundlage der aktuellen Gesetzeslage eine Straftat. Dennoch braucht es neue rechtliche Normen, die sich spezifisch mit diesem Thema auseinandersetzen. Das würde unsere Arbeit erleichtern“, bewertet Francisco Javier Fernández Rodríguez im Gespräch mit der MZ. Er ist der Leiter der Ermittlungsgruppe für Cyberkriminalität bei der Nationalpolizei auf den Balearen. Über den Fall Fernandes-Ulmen will er sich nicht im Speziellen äußern, stellt aber klar: „In den vergangenen Jahren hat uns eine digitale Welle überrollt. Wir müssen schwimmen, um nicht zu ertrinken.“ Allein in den vergangenen fünf Jahren habe die Cyberkriminalität um 20 Prozent zugenommen. „Wobei es positiv zu bewerten ist, dass die Menschen die Delikte vermehrt anzeigen. Aber die Dunkelziffer ist enorm“, so Fernández.
Seine Abteilung werde immer weiter aufgestockt, die technologischen Werkzeuge verbessert, das Personal geschult. „Wir tun viel und sind viele. Trotzdem sind wir nicht genug.“ Künstliche Intelligenz sei dabei Fluch und Segen zugleich. „Auf der einen Seite hilft sie uns bei den Ermittlungen, auf der anderen Seite führt sie zu mehr Delikten.“ Und doch: „Wir raten jedem, der Opfer von Deepfake wird, Anzeige zu erstatten“, betont Fernández. Natürlich sei es im digitalen Umfeld oft schwieriger, den Täter ausfindig zu machen und zu überführen, als beispielsweise bei physischer Geschlechtergewalt. „Aber es gibt immer Spuren, auch digital.“ Wichtig sei, dass die Betroffenen jegliche Inhalte und Daten nicht löschen, sondern speichern, und sich umgehend an die Polizei wenden. „Auf keinen Fall auf Erpressungen einlassen“, rät er.
Opfer fast immer Frauen
Einmal Anzeige erstattet, griffen bei den Sicherheitsbehörden genaue Protokolle. Wenn es sich um Geschlechtergewalt handelt, wird bei der Nationalpolizei die Abteilung für Familien- und Frauenschutz (UFAM) eingeschaltet. „Knapp 90 Prozent der Opfer von manipuliertem Bildmaterial sind weiblich“, so Fernández. Seine Abteilung arbeitet eng mit der UFAM zusammen, wenn es sich um technologiebasierte Straftaten handelt. „Der Opferschutz steht immer im Vordergrund“, so der Ermittler weiter. Über den „Canal Prioritario“ der spanischen Datenschutzbehörde stoppen die Beamten zunächst die weitere Verbreitung des Bildmaterials im Netz. „Das funktioniert in der Regel gut und schnell. Die Zusammenarbeit mit verschiedenen Portalen und Plattformen hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verbessert“, bewertet Fernández. Noch so eine Tendenz, die durch eine neue Rechtsprechung weiter vorangetrieben werden könnte, genau wie der chronische Personalmangel.
Dann versuchen die Mitarbeiter der Cyberkriminalitäts-Abteilung, die digitalen Spuren nachzuverfolgen. „Je nachdem, welche Programme oder Verschlüsselungen der Täter benutzt, geht es schneller oder langsamer.“ Manche Fälle blieben ungelöst. „Aber je mehr Informationen und Originaldaten wir haben, desto höher ist die Chance.“ Nicht immer handele es sich bei dem Täter um eine enge Bezugsperson des Opfers. „Es können dem Opfer sehr nahestehende Personen sein, aber auch flüchtige Bekannte oder Fremde.“ Präventiven Schutz vor Deepfakes gebe es daher nicht. „Jeder sollte genau reflektieren, wem er welche digitalen Daten schickt und was er im Internet von sich preisgeben möchte“, so Fernández. Doch letztlich könne es jeden treffen.
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