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„Außer Kontrolle geraten“: Diese Fehler sollte man nicht machen, wenn man Wildhühnern auf Mallorca begegnet

Mariano Mas, Leiter der Stiftung Natura Parc, über das Phänomen verwilderte Hühner – und was jeder Einzelne tun kann, um es einzudämmen

Wildhühner sind in vielen Gemeinden auf Mallorca ein Problem

Wildhühner sind in vielen Gemeinden auf Mallorca ein Problem / Juan Luis Iglesias

Sophie Mono

Sophie Mono

Verwilderte Hühner und Hähne, die sich immer weiter vermehren – auf Mallorca ist dieses Phänomen derzeit an vielen Orten zu beobachten. Auf verwaisten Baugrundstücken, an Parkplätzen oder Ausfahrtsstraßen sind die Tiere besonders präsent. Die Gemeindeverwaltung von Calvià hat in den vergangenen Wochen drastische Schritte unternommen, um die Population zu verringern: Im Gebiet Sa Porrassa – rund um das Gelände des Mallorca Live Festival – setzten Experten Luftgewehre mit Schrotmunition ein. Im MZ-Interview erklärt Mariano Mas, Leiter der Stiftung Natura Parc, die viele Gemeinden beim Thema Haus- und Nutztiere unterstützt, warum mit der unkontrollierten Verbreitung ausgewilderter Hühner nicht zu spaßen ist.

Der Leiter der Stiftung Natura Parc, Mariano Mas, auf einem Archiv-Foto

Der Leiter der Stiftung Natura Parc, Mariano Mas, auf einem Archiv-Foto / Manu Mielniezuk

Calvià scheint kein Einzelfall zu sein. Von wie vielen ausgewilderten Hühnern auf Mallorca sprechen wir denn?

Es gibt keine genaue Kontrolle. Aber ich bin ziemlich sicher, dass fast 50 Prozent der Gemeinden auf Mallorca irgendwo Probleme mit Hühnern haben. In größeren Orten gibt es oft mehrere Problemstellen. Anderswo handelt es sich vielleicht nur um ein verlassenes Landhaus, auf dessen Gelände Hühner verwildert leben.

Ist das tatsächlich ein neueres Phänomen?

Es besteht seit vielen Jahren. Was sich verändert hat, ist eher die Gesellschaft. Früher war es wohl so, dass die Leute, wenn irgendwo im Dorf ein frei laufendes Huhn war, es eingefangen, behalten, versorgt und später genutzt oder gegessen haben. Heute passiert das nicht mehr. Wenn es große Not oder Hunger gäbe, gäbe es keine Hühner mehr auf den Straßen.

Die Anzahl an ausgewilderten Hühnern nimmt also deshalb immer weiter zu?

Unter anderem, ja. Zum einen haben Hühner auf den Balearen keine natürlichen Feinde, die ihre Population verringern könnten. Ich rede nicht nur von den Menschen, sondern auch von Tieren. In Deutschland oder auf dem spanischen Festland gibt es zum Beispiel Füchse, Wölfe, Adler, Eulen, Dachse, Wiesel – viele Tiere also, die sowohl erwachsene Hühner als auch Küken angreifen. Hier auf den Balearen haben wir dieses Problem nicht. Warum? Weil wir keine großen Fleischfresser haben. Es gibt nur zwei: die Ginsterkatze und den Marder. Diese Tiere sind kleiner als eine Katze, und um ein erwachsenes Huhn zu fressen, müssten sie schon sehr hungrig sein. Der zweite Faktor ist, dass die Hühner eine Art Symbiose mit dem Menschen gefunden haben. Sie leben in periurbanen Räumen, also in der Nähe von Häusern, was für sie noch sicherer ist, weil wilde Tiere dort kaum vorkommen. Außerdem bekommen sie von vielen Menschen unbewusst Futter. Dadurch vermehren sich die Tiere viel stärker, als sie es täten, wenn sie komplett auf sich allein gestellt wären.

Sie meinen, die Hühner machen sich über Hausabfälle her?

Nein, nicht nur. Viele Menschen geben ihnen direkt Futter. Und in vielen Gegenden werden regelmäßig Straßenkatzen gefüttert, auch davon profitieren die Hühner.

Ein bisschen Futter und schon sind Hühner in der Lage, alleine klarzukommen?

Diese Hühner passen sich an das Leben mit Menschen, Autos, Lichtern, Geräuschen und all den anderen Bedingungen ihrer Umgebung an. Dadurch gibt es auch eine Art morphologische Anpassung. Ganz einfach gesagt: Wenn ein großes, schweres Tier nicht fliegen kann, ist es leichter angreifbar. Dann überleben eher die kleineren Tiere, die fliegen können. So findet unbewusst eine natürliche Selektion statt. Die widerstandsfähigeren Tiere mit bestimmten körperlichen Merkmalen und Verhaltensweisen überleben eher.

In Calvià hat man viele Wildhühner erschossen. Sind sie denn wirklich ein Problem?

Anfangs stören sie oft niemanden, weil es nur wenige sind. Aber irgendwann wächst die Population so stark, dass sie für die Nachbarschaft zur Belastung wird. Die Hähne krähen die ganze Nacht, vor allem an Orten mit viel Licht. Diese Ruhestörung fällt besonders im Frühling und Sommer auf, wenn die Menschen mit offenen Fenstern schlafen. Hinzu kommen Essensreste und Schmutz auf Gehwegen, Spielplätzen, Autos und so weiter. Außerdem bleiben Futterreste liegen, die die Hühner nicht fressen, und das zieht Ratten an. Auch das ist ein Problem, denn Ratten siedeln sich dort an, wo es Futter gibt.

Ratten greifen die Hühner nicht an?

Erwachsene Hühner normalerweise nicht. Küken können sie schon angreifen. Trotzdem überleben heute viel mehr Tiere, als man vielleicht annehmen würde. Letztlich bringt das auch gesundheitliche Probleme mit sich. Erstens handelt es sich um Nutztiere für den menschlichen Verzehr. Jeder weiß, dass Hühner und Hähnchen grundsätzlich auch Nahrungsmittel sind. Wenn Menschen diese Tiere oder ihre Eier nutzen wollten, gäbe es keinerlei Garantie dafür, dass ihr Gesundheitszustand gut ist. Zweitens wirkt sich das auch auf den kontrollierten Hausgeflügelbestand auf Mallorca aus. Wenn eines dieser Tiere unkontrolliert gehalten wird und mit Wildtieren zusammenlebt, die möglicherweise von Krankheiten befallen sind, dann kann es diese Krankheiten weitergeben. Das muss nicht unbedingt ein Problem für den Menschen sein, sehr wohl aber für andere Höfe oder andere Nutztiere. Wenn Menschen sich also Sorgen machen, wenn eine Möwe, ein Star oder eine Taube an Vogelgrippe stirbt, dann müssten sie sich eigentlich noch mehr Sorgen machen, wenn es ein Huhn ist. Ein drittes Problem ist der Verkehr: Die Hühner laufen auf Straßen und Kreisverkehre, und dadurch ist es schon oft zu Unfällen gekommen.

Was kann denn jeder Einzelne tun, wenn er ein Huhn im öffentlichen Raum sieht?

Das Wichtigste ist, ihnen kein Futter zu geben. Denn damit fördert man etwas, das eigentlich nicht dorthin gehört. Ein Huhn auf einem Parkplatz in Palma ist nicht normal. Wenn dort keines sein sollte, dann muss man beim Rathaus anrufen, damit es entfernt wird. Das wäre eigentlich vom ersten Tag an richtig gewesen. Heute ist die Lage vielerorts schon eskaliert. Wenn jemand jetzt anruft und sagt: „Ich habe 45 Hühner vor meinem Haus“, dann ist das eben nicht mehr derselbe Fall wie ein einzelnes ausgesetztes Huhn. In diesem Sinn ist das Problem inzwischen außer Kontrolle geraten.

Und was passiert dann mit den Tieren?

Viele Gemeinden arbeiten mit uns zusammen. Zuerst werden die Tiere eingefangen und gesundheitlich untersucht. Danach hängt alles von der geltenden Gesetzgebung und den zuständigen Behörden ab, insbesondere von der Landwirtschaftsbehörde. Wenn diese sagt, dass die Tiere aus gesundheitlichen Gründen nicht an einen anderen Ort gebracht werden dürfen, dann müssen sie euthanasiert werden. Wenn das nicht der Fall ist, versucht man, sie an ein Zentrum weiterzugeben, das die Genehmigung hat, solche Tiere zu halten. Denn man kann ein Huhn nicht einfach an eine Privatperson abgeben. Heute darf niemand ein Huhn halten, wenn nicht alle erforderlichen Register und Genehmigungen vorhanden sind.

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