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Interview mit Sebastià Taltavull, Bischof von Mallorca

Tausende von Büßern, aber leere Gottesdienste: „Was ist da los, Herr Bischof?"

Bischof Sebastià Taltavull über den Zustand von Kirche, Glaube und Insel, die Religiösität der Osterprozessionen und den Fluch des immer mehr Besitzenwollens

Die Osterbotschaft des Bischofs von Mallorca an die Deutschen auf der Insel

Ciro Krauthausen

Ciro Krauthausen

Ciro Krauthausen

Sein Bild hängt schon in der Galerie mit all den Bischöfen Mallorcas vor ihm: Sebastià Taltavull i Anglada hat die Altersgrenze überschritten. Das Verfahren, um einen Nachfolger zu bestimmen, ist im Vatikan bereits im Gange. Dass der joviale 78-jährige Menorquiner weiter Freude an seinem Amt hat, ist ihm aber anzumerken.

Wie ist der derzeitige Gesundheitszustand der Kirche auf Mallorca?

Das kann ich in wenigen Minuten unmöglich erklären. Was ich Ihnen sagen kann, ist, was wir tun. Wie es wahrgenommen wird, hängt dann vom jeweiligen Standpunkt ab.

Wie nehmen Sie es wahr?

In den fast neun Jahren, die ich im Amt bin, haben wir versucht, die Kirche so zu gestalten, wie wir glauben, dass sie zu sein hat. Wir setzen das Evangelium um. Wir sind dafür da, es den Menschen nahezubringen und eine Gemeinschaft aufzubauen. An der weltweiten Synode (Kirchenparlament mit Geistlichen und Laien; Anm. d. Red.) haben bei uns über 3.000 Menschen teilgenommen. Wir arbeiten viel in kleinen Gemeinschaften, in den Gemeinden, und ich nehme dort eine sehr lebhafte Kirche wahr. Besonders die Jüngeren beteiligen sich, und das ist sehr positiv. Mehr als eine nach innen gekehrte Kirche habe ich immer nach einer Kirche gestrebt, die in der Gesellschaft präsent ist.

Sebastià Taltavull im Bischofspalast in Palma.

Sebastià Taltavull im Bischofspalast in Palma. / Nele Bendgens / Nele Bendgens

Wie viele Gemeinden umfasst die Diözese?

Rund 150.

Und wie viele haben einen eigenen Pfarrer?

Weniger. Es gibt Pfarrer, die sich um vier, fünf Gemeinden kümmern, und Pfarrgemeinschaften, die eine bestimmte Gegend betreuen.

"Es gibt das eine oder andere Kloster, wo die Ordensschwestern gestorben sind oder zu alt waren und kein anderer Orden nachgerückt ist. Aber es gibt gleichzeitig ein aktuelles Phänomen: Am meisten Berufungen verzeichnen die sechs Klausurklöster. In mehreren von ihnen sind in den vergangenen Jahren junge Frauen eingetreten."

Wie gehen Sie mit dem Priestermangel um?

Knapp 40 Prozent der Pfarrer kommen von außerhalb. Das geht mit einer intensiven Begleitung einher, damit sie hier in der Realität ankommen können. Es funktioniert gut, und es ist ein weltweites Phänomen, wobei die Besonderheit auf Mallorca ist, dass von hier einst Missionare in andere Weltgegenden aufbrachen. Jetzt ist es umgekehrt. Können Sie sagen, wie viele Klöster noch geschlossen werden müssen?

Fürs Erste schließen wir gar nichts. Es gibt das eine oder andere Kloster, wo die Ordensschwestern gestorben sind oder zu alt waren und kein anderer Orden nachgerückt ist. Aber es gibt gleichzeitig ein aktuelles Phänomen: Am meisten Berufungen verzeichnen die sechs Klausurklöster. In mehreren von ihnen sind in den vergangenen Jahren junge Frauen eingetreten.

Worauf führen Sie das zurück?

Auf eine Rückkehr der Spiritualität und des kontemplativen Lebens, der Suche nach Gott und dem Streben nach Gemeinschaft.

"Die Intensität des christlichen Lebens ist zurückgegangen, keine Frage. Aber da ist auch die Rückkehr zur Spiritualität. Und die Präsenz der Kirche im sozialen Bereich ist beeindruckend."

Dennoch: Einige Klöster mussten schließen. Was hat dann Priorität: die religiöse Bedeutung. der kulturelle Wert oder die soziale Nutzung dieser Gebäude?

Zunächst versuchen wir, andere Ordensgemeinschaften für sie zu finden. Wenn das nicht gelingt, denken wir über eine andere Nutzung nach. Allerdings spielt hier der Denkmalschutz eine Rolle: Es sind historische Klöster, mit wertvoller Architektur, da kann man nicht machen, was man will. In mehreren Fällen haben wir aber Herbergen und Heime für Bedürftige eingerichtet. Gerade öffnen wir noch mehr Pforten, um auf die geplante Räumung des alten Gefängnisses zu reagieren: Wir können nicht auf einen Schlag alle 260 Bewohner aufnehmen, aber wir können, abhängig von der jeweiligen Lebenssituation und den jeweiligen Problemen, von Fall zu Fall unterstützen. Wir schauen gerade, ob wir dafür fünf bis sechs Einrichtungen bereitstellen können.

Die Kirche hat Präsenz in der Gesellschaft eingebüßt. Wie kann sie das wieder wettmachen?

Das mit der Präsenz halte ich für sehr relativ. Wir stehen mit allen in Kontakt, von den Institutionen bis hin zu den Ausgeschlossenen, und unser Wort hat Gewicht. Es gibt Reaktionen darauf, und sie sind nicht immer positiv. Was sich allenfalls geändert hat, ist, dass die Kirche nicht mehr so massiv, so protzig auftritt.

Früher gingen die Menschen jeden Sonntag in den Gottesdienst, legten die Sakramente ab, schlossen vor Gott den Bund der Ehe.

Die Intensität des christlichen Lebens ist zurückgegangen, keine Frage. Aber da ist auch die Rückkehr zur Spiritualität. Und die Präsenz der Kirche im sozialen Bereich ist beeindruckend.

Was ist mit der Rolle der Frau?

Ich habe stets die Integration der Frau in allen kirchlichen Institutionen verteidigt. Eine Besonderheit auf Mallorca ist, dass ich die Anzahl der im Diözesanrat vertretenen Kleriker zugunsten der Frauen und Laien verringert habe. In diesem obersten Leitungsgremium der Diözese nehmen nun fünf Priester und sechs Laien Platz – drei Frauen und drei Männer. Alles, was das Kirchenrecht hergibt, habe ich versucht, umzusetzen. Die Frauen sind seit jeher diejenigen, die am stärksten den Glauben weitergeben, sei es als Mütter zu Hause oder in den Gemeinden, und wir sind dabei, sie in die Leitung der Kirche zu integrieren.

Könnte das eines Tages so weit gehen, dass sie auch zu Priesterinnen geweiht werden?

Das sehe ich im Moment nicht, denn die Tradition der Kirche ist eine andere, und die Kirche ist der Tradition sehr treu. Das ist nicht Teil des Gedankengutes unseres Kirchengründers Jesus Christus. Was es bis ins Mittelalter gab, waren geweihte Diakoninnen. Das wird geprüft.

Haben Sie in diesen neun Jahren alles getan, um Missbrauchsfälle zu verhindern?

Das werde ich immer gefragt, und ich antworte immer dasselbe: Hier auf Mallorca haben wir auf diese Fälle immer unmittelbar reagiert, sie sind dorthin weitergeleitet worden, wo sie hingehören, und das hat zu einer gewissen Normalisierung geführt. Vor allem die Betreuung der Opfer war uns stets wichtig. Ich stehe mit ihnen in regelmäßigem Kontakt.

Wie viel ist bei den Osterprozessionen Glauben und wie viel Tradition?

Wir können eines nicht vom anderen trennen. Wer die Tradition authentisch lebt, lebt sie mit Glauben. Es gibt auf Mallorca rund 10.000 Bruderschaftsmitglieder, 5.000 davon in Palma. Es ist auf jeden Fall eine Form der Religiosität, wobei es unterschiedliche Ebenen geben mag. Ich kann nicht in die Menschen hineinschauen, um zu wissen, ob sie oder er gläubig ist. Die Bruderschaften haben drei Zielsetzungen: die Bildung, die Andacht und die Nächstenliebe. Am bedeutendsten ist Letzteres: Sie alle haben ehrenamtliche Projekte. Manche beteiligen sich auch in den Gemeinden, gehen in die Gottesdienste. Und die Bruderschaften haben keine Nachwuchsprobleme. Im Gegenteil. Viele Jüngere und Frauen interessieren sich dafür.

Und wieso geht gleichzeitig die Zahl der kirchlichen Trauungen zurück?

Weil die eine sehr viel größere Verpflichtung bedeuten und die Entscheidung zu einer christliche Lebenshaltung.

Ökonomisch gedacht: Ist es nicht möglich, die eine Religiosität in die andere zu konvertieren?

Wir versuchen es über eine ganzjähriges Bildungsangebot. Nur wenige der Büßer nehmen es wahr. Es ist nicht der Ruf Gottes, der kriselt, es ist die Antwort darauf. Daher die Katechese, die Fortbildungen, die Kurse zur Initiierung im christlichen Leben, die Bemühungen, den Glauben in den Familien weiterzugeben.

"Die Wirtschaft läuft gut. Aber für wen? Und auf welche Art und Weise? Das sind die ausschlaggebenden Fragen. Denn da ist die Armut. "

Könnte es nicht sein, dass die kirchlichen Riten ein zu enges und nicht mehr zeitgemäßes Korsett für die Menschen sind?

Nun, ich denke, dass viele gerade den Sinn der Ritualisierung entdecken und wertschätzen, wenn sie denn richtig vermittelt wird.

Die Kirche ist stark im sozialen Bereich engagiert. Wie lautet Ihre Diagnose zum sozialen und wirtschaftlichen Zustand Mallorcas?

In aller Kürze gesagt: Hier gibt es sehr großen Reichtum und sehr große Armut. Die Mittelschicht ist am Verschwinden. In dem gewinnorientierten Tourismusboom haben viele das Nachsehen. Die Arbeitslosigkeit, die geringen Gehälter, die Wohnungsnot … Die Wirtschaft läuft gut. Aber für wen? Und auf welche Art und Weise? Das sind die ausschlaggebenden Fragen. Denn da ist die Armut. Familien ohne Dach über dem Kopf, obwohl sie Arbeit haben und 1.000 Euro im Monat verdienen.

"Ich verstehe nicht ganz, was das bedeutet: eine Insel aufzukaufen. Was haben wir, die wir hier leben, davon?"

Die Insel versucht, immer reichere Urlauber anzulocken, und weist zugleich die Bedürftigen ab. Was sagt uns das moralisch?

Das habe ich wiederholt in meinen Predigten verglichen: die jährlich 14 Millionen Urlauber und die vielleicht 7.000, die in Booten zu uns übersetzen. Wie gehen wir mit den einen, wie mit den anderen um? Die Kirche muss den Schwächeren Priorität einräumen, und das versuchen wir mit unseren wenigen Ressourcen.

Bischof Sebastià Taltavull beim Gespräch mit der MZ-

Bischof Sebastià Taltavull beim Gespräch mit der MZ- / Nele Bendgens

Hören die Eliten auf Sie?

Sie sind durchaus offen. Manchmal kommt der Einwand, dass wir die Menschen nicht planlos aufnehmen können, aber das sagen wir ja auch gar nicht. Es geht darum, die reguläre Einwanderung und Einbürgerung zu erleichtern.

Ein Faktor in der Gemengelage sind die hohen ausländischen, oft deutschen Investitionen. Was ist Ihre Botschaft an diese Investoren?

Da müsste ich ein wenig mehr darüber nachdenken … (macht eine Pause). Ich verstehe nicht ganz, was das bedeutet: eine Insel aufzukaufen. Was haben wir, die wir hier leben, davon? Da braucht es interkulturelle Verständigung. Wenn die einen davon profitieren, müssen die anderen es auch. Wir reden hier von sehr großen Vermögen, das Volk erfährt nichts davon, bekommt allenfalls die Konsequenzen zu spüren. Das ist ein sehr großes Ungleichgewicht. Ich habe auch schon Menschen mit sehr, sehr viel Geld kennengelernt, die alles gespendet haben, aber natürlich ist das Problem die Gier, das Besitzen, Besitzen, Besitzen. Was tragen die Käufer zur Insel bei? Nur Geld? Sollten wir vielleicht das Zusammenleben neu aufstellen? Da muss ich noch weiter darüber nachdenken. Was ich weiß, ist, dass die Kirche den Armen mehr helfen muss als den Reichen. Und den Reichen helfen muss, die Dinge zu überdenken.

Die Kirche ist selbst auch reich.

Das, was wir verkaufen können, verkaufen wir. Das, was wir den Armen geben können, geben wir ihnen. Wir füllen unsere Häuser und Einrichtungen mit Menschen, die die hohen Mieten nicht zahlen können, lassen sie zu geringen Mieten dort leben. Das ist geben, was man hat. Auf einem anderen Blatt steht das Kulturerbe, das wir nicht verkaufen können, da setzt der Staat Grenzen.

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