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„Es war ein reiner Überlebenskampf“: Warum Migranten jetzt vor den Rathäusern stundenlang Schlange stehen

Tausende Zuwanderer ohne Papiere hoffen dieser Tage auf ihre Legalisierung – und sputen sich, um alle dafür notwendigen Dokumente zu bekommen

Hunderte Menschen stehen Schlange vor dem Bürgerbüro in de Nähe des alten Gesa-Gebäudes. Das Bild ist vergangenem Freitag (17.4.)

Hunderte Menschen stehen Schlange vor dem Bürgerbüro in de Nähe des alten Gesa-Gebäudes. Das Bild ist vergangenem Freitag (17.4.) / Luana Caridad

Sarah López

Sarah López

Faeed aus Marokko steht mit etwa zehn weiteren Menschen vor dem Bürgeramt nahe dem alten Gesa-Gebäude in Palma. In gebrochenem Spanisch fragt er nach einem Kugelschreiber, um ein Formular auszufüllen. Auf Nachfragen stockt er immer wieder. Schließlich holt er sein Handy hervor und zeigt eine Nachricht, die jemand für ihn eingetippt hat: Necesito ayuda con el informe de vulnerabilidad – ich brauche Hilfe mit der Bescheinigung über eine soziale Notlage.

Dieses von den Rathäusern ausgestellte Dokument dürfte in den vergangenen Tagen in Migrantenkreisen in Palma eines der meistdiskutierten Themen gewesen sein. Am vergangenen Donnerstag (16.4.) begann die Frist zur Einreichung der Unterlagen für die Legalisierung von irregulären Migranten. Um an den informe de vulnerabilidad zu kommen, bilden sich seither lange Schlangen vor den Bürgerbüros in Palma.

Manche Menschen übernachteten sogar vor den Gebäuden, um sicherzugehen, dass sie auch drankommen. Ähnliche Szenen spielten sich auch anderswo vor den Rathäusern auf der Insel ab: Vor allem in Manacor, Sa Pobla, Campos und Son Servera war der Andrang der Menschen groß.

„Es war ein reiner Überlebenskampf“

Für viele Betroffene ist die Bescheinigung ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Legalisierung sein. So wie etwa Gustavo aus Kolumbien. Immer wieder sei sein Aufenthaltsstatus ein Problem gewesen, vor allem bei der Jobsuche. „Die Arbeitgeber sagten mir oft: ,Du hast die richtige Einstellung und bringst viel mit, aber ohne Papiere können wir dich nicht einstellen‘“, sagt der 29-Jährige. „Es war ein reiner Überlebenskampf.“

Biografien wie die von Gustavo gibt es viele auf der Insel. „Vor zwei Jahren kamen wir in einer Befragung auf rund 30.000 Menschen ohne Papiere auf den Balearen“, sagt Juan Pablo Blanco, Chefredakteur der lateinamerikanischen Inselzeitung „Baleares Sin Fronteras“. Inzwischen könnten es sogar noch mehr sein. Viele von ihnen arbeiten schwarz, vor allem in Gastronomie, Hotellerie, Haushalten und auf dem Bau.

Lilian aus Kolumbien und Ismael aus Peru kennen diese Realität aus eigener Erfahrung. „Ich habe einen älteren Herrn gepflegt“, sagt die Kolumbianerin. Der Mann sei mittlerweile verstorben, sie selbst derzeit arbeitslos. Ihr Partner arbeitet auf dem Bau. Mit gültigen Papieren auf der Insel zu leben, würde das Leben des Paares grundlegend verändern. „Es wäre ein Segen, mami“, sagt Lilian. Dann erzählt sie von ihren Erfahrungen bei den Jobs in der Pflege und sagt: „Wir Latinos werden gnadenlos ausgebeutet.“

Alternative Nachweise

Bevor Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis in greifbare Nähe rücken, müssen die Antragsteller nachweisen, dass sie seit mindestens fünf Monaten ununterbrochen im Land leben, in ihrem Herkunftsland nicht vorbestraft sind und sich auch in Spanien nichts zuschulden kommen ließen. Die Bescheinigung über die soziale Notlage ist nur eine der Möglichkeiten, diesen Prozess voranzubringen. „Viele beantragen diesen Bericht, obwohl er nicht immer nötig ist, etwa weil man mit Kindern zusammenlebt oder bereits ein Arbeitsangebot vorliegt“, erklärte María Crespí, Anwältin bei Caritas Mallorca, im Interview mit der MZ-Schwesterzeitung „Diario de Mallorca“.

Auch Nachweise über den Aufenthalt in Spanien sind gefragt. So bilden sich auch vor dem Verkehrsverbund CTM Schlangen. Seit Bekanntwerden der Regularisierung hat sich die Zahl der Anfragen zur Ausstellung von Fahrnachweisen verdreifacht. Ähnliches dürfte auch für die Stadtbusse der EMT in Palma gelten – dort muss das Dokument allerdings per E-Mail beantragt werden.

Die Unterlagen müssen bis zum 30. Juni eingereicht werden. Mit 80 Prozent der Anträge wird online gerechnet, alternativ können sie seit Montag (20.4.) nach vorheriger Terminvereinbarung in den Büros der Seguridad Social oder bei der Post abgegeben werden. Juan Pablo Blanco schließt jedoch nicht aus, dass die Frist noch verlängert wird. „Eineinhalb Monate kommen mir kurz vor“, sagt der Journalist.

Überforderte Rathäuser

Dass viele der Migranten eine Bescheinigung über die soziale Notlage vorlegen müssen, war erst mit Inkrafttreten des Gesetzes bekannt geworden, auch die Rathäuser hätten davon nichts gewusst, kritisierte am Freitag bei einer Pressekonferenz Antoni Costa, der Sprecher der Balearen-Regierung. In einigen Gemeindebüros seien die Unterlagen nicht rechtzeitig angekommen. Und eine Bescheinigung über eine soziale Notlage lasse sich nicht in fünf Minuten erstellen, da dafür die Einschätzung der Sozialdienste nötig sei.

Auch die konservative balearische Ministerpräsidentin Marga Prohens machte ihre Unzufriedenheit deutlich. Die regularización der Migranten sei „massiv und undifferenziert“. „Nicht jeder, der ankommt, ist ein Straftäter. Aber auch nicht jeder ist ein Unschuldslamm.“ Wie auch andere konservative Regionalregierungen lehnt sie die außerordentliche Legalisierung ab.

Die Balearen wollen nun ihre Aussetzung beantragen, weil die Folgen von den Regionen getragen werden müssten. Als Beispiel nannte sie die Belastung des Gesundheitssystems. Wie der PP-Vorsitzende Alberto Núñez Feijóo sowie die rechtsextreme Vox-Partei, die den Konservativen im Nacken sitzt, warnt Prohens zudem davor, dass die Legalisierung weitere Zuwanderer anlocken könnten.

Nur für Migranten die bereits im Land leben

Bei solchen Reaktionen aus der Politik kann Juan Pablo Blanco nur seufzen. „Dazu kann es gar nicht kommen, weil die Maßnahme nur für Menschen gilt, die vor dem 1. Januar 2026 eingereist sind“, sagt der Journalist. Er sieht in der Regelung vor allem Vorteile für die Balearen, da mit der Legalisierung Ausbeutung und Schattenwirtschaft bekämpft würden. Auch der Unternehmerverband Pimem lobte die Maßnahme. In einer Pressemitteilung erinnert er daran, dass legal beschäftigte Arbeitnehmer Sozialversicherungsbeiträge und Steuern zahlen . Außerdem könne die Maßnahme helfen, Stellen in Bereichen mit Arbeitskräftemangel zu besetzen.

Miranda aus Argentinien kann es kaum erwarten, in dem Land, das ihr so viele Türen geöffnet hat, Steuern zu zahlen. Vor zwei Jahren kam sie auf die Insel. Ihr Sohn lebte damals bereits seit zehn Jahren hier, ihre Mutter sogar schon seit 23 Jahren. „Ich bin Spanien sehr dankbar für die Chancen, die ich hier hatte“, sagt die 60-Jährige. Auf der Insel finde sich selbst ohne Papiere der eine oder andere Job als Putzkraft oder Pflegerin von Senioren. Wenn sie ihren Aufenthaltsstatus in der Tasche hat, strebe sie auch die spanische Staatsbürgerschaft an, sagt sie.

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