Zwischen Palast und Wolle: Das XTANT-Festival zeigt die Zukunft der Textilkunst
Recycelte Materialien, Naturfarben und textile Skulpturen: XTANT 2026 machte Palma zum Schauplatz einer Kunstform, die man ausdrücklich berühren darf. Eindrücke von der jüngsten Ausgabe

Der Stadtpalast Can Vivot beherbergt das Textilkunst-Festival seit vier Jahren. / Alexandra Bosse
Es ist ein bisschen wie Malen mit Nadel und Faden: Die moderne Textilkunst erobert immer mehr Galerien und Wohnzimmer. Dabei entstehen mit Fäden, Gewebe und Strukturen dreidimensionale Skulpturen und Installationen. Die Materialien laden nicht nur zum Anschauen, sondern gleichzeitig zum Fühlen ein – Anfassen ist ausdrücklich erwünscht. Haptik als Fokus neben Farbe und Kontrast. Zudem prägt Nachhaltigkeit die Textil-Trends. Recycelte Materialien und ökologische Färbetechniken mit Naturfarben sind im Kommen. Das zumindest legt XTANT, das internationale Festival für Textilkunst und handwerkliche Traditionen, nahe, dessen diesjährige Ausgabe in der vergangenen Woche in Palma endete.

Textilkunst und Kleidung aus aller Welt beim XTANT-Textilfestival 2026 / Alexandra Bosse
Bei der bereits siebten Ausgabe trafen sich über 90 Textildesigner und Kunsthandwerker aus mehr als 35 Ländern mit ihren Arbeiten im Palau Can Vivot. Wer dort durch das fast verborgene Portal im Carrer de Can Savellà in Palmas Altstadt schritt, betrat eine andere Welt voller Farben und Tradition. Bunte Kleidungsstücke, Stoffe und Teppiche fügten sich perfekt in die herrschaftliche Architektur des Stadtpalastes ein. Stimmen in Dutzenden von Sprachen schwirrten durch die Räume.
"2026-Nomad-Edition" passend zu den mobilen Lebensweisen der globalisierten Welt
„Wir sind bereits zum vierten Mal im Palau Can Vivot. Er passt einfach perfekt zu unserem Projekt“, sagte Kavita Parmar. Die 54-jährige Textildesignerin mit indischer Abstammung ist die Organisatorin und Mitbegründerin des Festivals, das jedes Jahr mehr Künstler und Besucher anzieht und in der „2026-Nomad-Edition“ eine zusätzliche Installation zur Neuinterpretation mallorquinischer Wolle im Castell de Bellver mit dem Titel „Sueños en lana“ ausrichtete.

Kavita Parmar (re.) ist die Gründerin von XTANT. / Alexandra Bosse
„Wir sind hier, um in einer globalisierten Welt voller Hyper-Fast-Fashion das genaue Gegenteil zu vermitteln. Es sind viele junge Leute dabei, die mit ihren Arbeiten dazu beitragen, dass die lokalen Handwerks-Techniken nicht komplett aussterben“, sagte Parmar. Ihre Grundüberzeugung ist so schlicht wie radikal: Textilien sind eine Sprache, älter als das Alphabet. „Homo sapiens wusste zu weben, bevor er zu schreiben lernte“, formuliert sie auf der Festival-Website, und diese Idee zieht sich wie ein roter Faden durch XTANT.
Inspiration und neue Visionen in einer immer komplexeren Zeit
Bei der Eröffnung am vergangenen Freitagabend gab es eine Live-Videokonferenz mit dem indisch-britischen Aktivisten Satish Kumar. Der ehemalige Jain-Mönch und Herausgeber der Zeitschriften „Resurgence“ und „Ecologist“ sowie Begründer des internationalen Zentrums für ökologische Studien am Schumacher College (UK) fand klare Worte: „Die vielen Krisen der heutigen Zeit sind eine Krise der Ästhetik. Wir haben den Sinn für Schönheit verloren und erschaffen weltweit eine Art hässliche Zivilisation: unsere Autobahnen, unsere Einkaufszentren, unsere modernen Gebäude. Dabei gibt es acht Milliarden Menschen mit 16 Milliarden Händen und die brauchen Arbeit. Schöne Arbeit, gute Arbeit, kreative Arbeit, fantasievolle Arbeit.“ XTANT sei ein Showroom dieser Arbeit.

Der britsich-indische Aktivist Satish Kumar sprach bei der Eröffnung via Live-Videoschaltung zu den Teilnehmern / Alexandra Bosse
Vielfältige Kunstwerke von rund um den Globus
Da war beispielsweise das sofort ins Auge fallende Triptychon „Jö“ aus Nesselseide. „Es ist ein Gemeinschaftsprojekt der französischen Textilkunst-Marke ‚Maison E. Boehm‘, der lokalen Webern in Nepal und mir als Maler“, so Xavier Deshoulières, der seit Jahren auf Mallorca lebt und dessen Baum-Motive das Kunstwerk inspirierten. Die 91 mal 182 Zentimeter großen Wandbehänge können auch als Teppiche genutzt werden. Auch das Rathaus von Palma habe bereits Interesse angemeldet, die Stücke auszustellen.

Textilkunst auf hohem Niveau: Das Triptychon „Jö“ aus geknüpfter Nesselseide, gefertigt in Handarbeit in Nepal. / Alexandra Bosse
Die aus Stralsund stammende Textilkünstlerin Dörthe Bundt hat ihr Atelier in Berlin. Sie begann als „Makramee Queen“ mit der alten Knüpftechnik, bei der man mit den Händen Fäden oder Kordeln zu Mustern und Objekten verknotet. „Wir werden in Textil gehüllt, wenn wir geboren werden, und genauso, wenn wir sterben. Es ist das Normalste und Greifbarste, was der Mensch kennt, und deswegen wird Textilkunst für selbstverständlich gehalten“, sagt die 42-jährige Designerin. Sie stellt mittlerweile am liebsten Bojagi-Tücher nach der koreanischen Patchwork-Kunst Jogakbo her, wobei sie Stoffteile zu geometrischen Mustern zusammennäht. Ihre Tücher aus handgefärbtem Leinen und Baumwolle lassen sich als Gardinen oder Raumteiler nutzen.

Dörthe Bundt designt mit der Patchwork-Technik Jogakbo. / Alexandra Bosse
Es sind nur zwei Beispiele der vielfältigen Textilkunstwerke, die bei XTANT 2026 zu bewundern waren. Alle teilnehmenden Künstler finden sich auf der Website des Festivals, das voraussichtlich vom 7. bis 11. Mai 2027 wieder nach Palma kommt.
Informationen
XTANT-Textil-Festival
Nächste Ausgabe voraussichtlich am 7.–11. Mai 2027 in Palma.
IG: kavitaparmar
IG: dorte.bundt
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