TUI-Cruises-Chefin Wybcke Meier: „Mallorca war mein Starthafen“
Ein Gespräch mit Wybcke Meier, CEO von Tui Cruises, über die Vorzüge von Palma als Heimathafen, einen weiter wachsenden Markt und Frauen an der Spitze von großen Unternehmen

Wybcke Meier, die CEO von Tui Cruises, fährt selbst regelmäßig auf der „Mein Schiff“-Flotte mit. / TUI Cruises GmbH
Wybcke Meier ist seit 2014 CEO und Vorsitzende der Geschäftsführung der Reederei Tui Cruises – und somit eine der einflussreichsten Frauen der deutschen Touristik. Die MZ hat die 57-Jährige an Bord der gerade erst getauften und in Betrieb genommenen „Mein Schiff Flow“ interviewt.
Welche Rolle spielt Palma für die Reederei Tui Cruises?
Palma ist unser Heimathafen im westlichen Mittelmeer. Nachdem wir letztes Jahr die „Mein Schiff Relax“ von hier aus im Einsatz hatten, ist es nun das Schwesterschiff, die „Mein Schiff Flow“. Insgesamt sind wir dieses Jahr rund 50-mal mit der „Mein Schiff“-Flotte in Palma. Das Besondere unserer sogenannten InTUItion-Klasse ist der sogenannte Zwei-Tage-Turnaround: Wenn Gäste ankommen, gibt es immer eine Übernachtung in Palma, bevor die nächste Reise beginnt. Das kommt sehr gut an, weil Mallorca eine so beliebte Insel ist. Hinzu kommen die logistischen Vorteile: der nahe Flughafen, die gute Infrastruktur. Und die Routen bieten tolle Kombinationsmöglichkeiten – nach Italien, nach Ibiza, Korsika, Marseille – oder in die andere Richtung. Wer möchte, kann zwei Abschnitte verbinden und 14 Tage unterwegs sein. Wir haben übrigens auch im Winter ein Schiff in Palma, die „Mein Schiff 4“. Da geht es weniger um Sommer, Sonne oder Strand und mehr um kulturelles Erleben der Destinationen.
Sie haben selbst als Reiseleiterin auf Mallorca angefangen. Was verbindet Sie persönlich mit der Insel?
Mallorca war mein Starthafen in die Touristik. Als ich vergangenen Donnerstag meine Termine an Bord verrichtet hatte, habe ich mir um 17 Uhr meine Tasche geschnappt, bin in Bendinat schwimmen gegangen, habe dort mit Freunden zu Abend gegessen und war um 22 Uhr wieder an Bord. Genau das ist es auch, was unsere Gäste so schätzen. Ich kenne die Insel seit Ende der 80er-Jahre und bin fasziniert, wie sie sich entwickelt hat. Gerade die alte Bausubstanz, die erhalten und renoviert wurde, tut der Stadt gut. Und was an der Playa de Palma mit der neuen Promenade geschaffen wurde – das war früher tatsächlich ein Bereich mit einem zweifelhaften Ruf. Das hat die Insel wirklich gut umgesetzt.
Ich kenne die Insel seit Ende der 80er-Jahre und bin fasziniert, wie sie sich entwickelt hat.
Sie bieten erstmals eine Themenreise mit dem noch jungen Sport-Trend Hyrox. Wie kam es dazu?
Hyrox ist ein Sportkonzept für Fitness, Kraft und Ausdauer. Niemand erwartet diesen Wettkampf auf einem Kreuzfahrtschiff. Aber Hamburg ist eben doch ein Dorf: Die Gründer Christian Tötzke und Moritz Fürste haben Kontakt aufgenommen und gefragt, ob wir das nicht zusammen machen könnten – so ist das entstanden. Wir versuchen, das Angebot stets auch an Trends anzupassen. Unsere Themenreisen reichen von der Full Metal Cruise über Schlager, Pop und Electronic Dance bis hin zur Tattoo Cruise. Und jetzt als Premiere: Bewegung und Sport. Diese Community an Bord zu haben, ist für uns neu. Themenreisen haben einen ganz klaren strategischen Hintergrund: Noch immer haben erst 24 Prozent der Deutschen eine Kreuzfahrt gemacht. 2015, als ich gerade ein Jahr dabei war, waren es gerade mal 13 Prozent. Eine Themenreise ist eine wunderbare Einladung an Menschen, die vielleicht gesagt hätten: „Kreuzfahrt – ich weiß nicht.“
Wächst das Kreuzfahrtgeschäft denn immer weiter?
Weltweit gab es 2025 rund 37,2 Millionen Kreuzfahrtpassagiere. Der größte Markt ist Nordamerika mit etwa 22 Millionen, dann folgt Europa mit etwas über acht Millionen – und innerhalb Europas ist Deutschland mit knapp drei Millionen die Nummer eins, gefolgt von Großbritannien. Das Wachstum ist nachhaltig und gesund, weil die Kapazitäten limitiert sind: Die Werften, die Kreuzfahrtschiffe bauen können, sind überschaubar. Die Gefahr, dass es zu schnell zu viele Schiffe gibt, besteht schlicht nicht. Wegen der Demografie in Deutschland und der vielen bezahlten Urlaubstage haben wir das Potenzial für den deutschen Quellmarkt damals auf vier bis 4,5 Millionen geschätzt – und wir haben mit jetzt fast 70 Millionen deutschen Pauschalreisenden pro Jahr eine sehr reisefreudige Nation. Es braucht also noch ein paar neue Schiffe, und deswegen erweitern wir 2031 mit zwei weiteren Neubauten dieser Schiffsklasse unsere Flotte, gebaut in Italien bei Fincantieri.

Die Mein Schiff Flow im Hafen von Palma. / Alexandra Bosse
Es wird auch dieses Jahr auf Mallorca wieder Proteste gegen Overtourism geben. Wie stehen Sie dazu?
Kreuzfahrt-Tourismus ist ein absolut planbarer Tourismus. Wir können zwei Jahre im Voraus sagen, wie oft wir da sind, wie viele Gäste und welche Nationalitäten an Bord sind. Die Gemeinde entscheidet dann: Wollen wir das oder wollen wir das nicht? 2019 haben wir uns bereits mit der Inselregierung zusammengesetzt und besprochen, dass wir das gemeinsam und nachhaltig planen wollen. Es gibt heute sogar eine vereinbarte Obergrenze für Palma – weil wir selbst nichts davon haben, wenn wir in eine Stadt fahren, die aus allen Nähten platzt. Zur Wertschöpfung für die Insel: Allein das Hafenentgelt in Palma ist beträchtlich. Hinzu kommt die Infrastruktur: der Flughafen. Bei uns buchen im Durchschnitt 70 Prozent der Gäste einen Ausflug mit uns – das macht pro Person rund 80 bis 90 Euro, die direkt in der Destination landen. Bei unseren Übernachtungen in Palma sieht man es ganz konkret: Abends kommen die Gäste mit Einkaufstaschen spanischer Marken zurück zu uns an Bord.
Kreuzfahrt gilt manchen als Umweltsünde. Wie nachhaltig ist die „Mein Schiff Flow“?
Die InTUItion-Klasse ist mit Dual-Fuel-Motoren ausgerüstet. Wir können sowohl LNG – also verflüssigtes Erdgas – als auch Marinegasöl nutzen. Zusätzlich haben wir Katalysatoren, die Stickoxid- und Schwefeloxid-Emissionen reduzieren. LNG hat per se schon so gut wie keine Dieselpartikel. Auf dieser Reise mit der „Mein Schiff Flow“ tanken wir sogar Bio-LNG. Damit haben wir den CO2-Ausstoß im Vergleich zu konventionellem Betrieb um rund 80 Prozent reduziert. Das Thema Landstrom ist eng damit verknüpft. Unsere Schiffe können Landstrom beziehen – da, wo es geht, machen wir das auch. Palma hat noch keine Landstrominfrastruktur, aber der Hafen ist auf dem Weg dahin. Der European Green Deal hat festgelegt, dass alle europäischen Häfen diese Infrastruktur schaffen sollen. Alle spanischen Häfen sind zumindest stark in der Vorbereitung. Um die Relation richtig einzuordnen: Es gibt auf der ganzen Welt rund 450 Hochseekreuzfahrtschiffe – und über 60.000 Handelsschiffe. Wir sind nur ein kleiner Teil der Weltflotte, aber wir sind Innovationstreiber, was neue Antriebsmöglichkeiten angeht.
Sie haben kein klassisches Studium, sondern eine Ausbildung zur Reiseverkehrskauffrau. War das eine bewusste Entscheidung?
Ich habe meine Karriere tatsächlich nicht geplant. Ich wollte ursprünglich Sprachen studieren – dann kam die Touristik dazwischen. Ich arbeitete in Unternehmen, die man heute Start-ups nennen würde, mit vielen jungen Leuten, sehr viel Vertrauen und der Möglichkeit, sich sofort einzubringen. Das hat einfach Spaß gemacht. Meine Eltern haben dann gesagt: „Na gut, dann mach wenigstens eine kaufmännische Ausbildung.“ So wurde ich Reise- und Verkehrskauffrau – und habe die betriebswirtschaftlichen Themen dann berufsbegleitend nachgeholt. Was ich jedem raten kann: eine Leidenschaft für das zu haben, was man tut, und offen zu sein für Neues.
Was ich jedem raten kann: eine Leidenschaft für das zu haben, was man tut, und offen zu sein für Neues.
Wie gehen Sie mit dem Stress um, ein so großes Unternehmen zu führen?
Ich glaube, ich habe da ein gewisses Grundvertrauen – vielleicht kommt das von meiner Inselherkunft; ich bin auf Helgoland aufgewachsen. Natürlich gibt es Zeiten, die sehr herausfordernd sind. Aber ich habe gelernt, mir immer wieder kurze Auszeiten zu gönnen, um mich zu resetten. Und mit Anfang 40 bin ich mehr oder weniger zufällig beim Yoga gelandet – das schaffe ich inzwischen, regelmäßig in meinen Alltag zu integrieren. Ich bin nach dem Yoga sortierter.
Warum sind Frauen in Führungspositionen Ihrer Ansicht nach immer noch unterrepräsentiert?
Da gibt es keine pauschale Antwort – das hängt stark von der Branche und vom Umfeld ab. In der Touristik und Hotellerie gibt es relativ viele Frauen in Führungspositionen, daher war das für mich lange kein offensichtliches Thema. Aber durch meine Tätigkeit in der Geschäftsführung habe ich andere Branchen kennengelernt, wo es doch anders aussieht. Früher hätte ich bei der Frage nach Quoten gesagt: „Wir brauchen keine Quote, wenn wir durch Leistung überzeugen.“ Heute sehe ich das differenzierter: Die Quote hat tatsächlich dazu beigetragen, das Thema transparenter zu machen und Diskussionen anzustoßen. Und natürlich müssen die Unternehmen Rahmenbedingungen schaffen, die es tatsächlich ermöglichen, Familie und Beruf zu vereinbaren. Mir haben zweimal Personalverantwortliche gespiegelt, dass ich sagte: „Ja, das traue ich mir zu – aber in diesen Punkten muss ich noch lernen.“
Beide Male habe ich den Job trotzdem bekommen, aber beide meinten: „Einige Männer würden ihre Lücken gar nicht erst erwähnen.“ Das kann ich heute aus eigenen Bewerbungsgesprächen bestätigen. Diese unterschiedliche Art, mit den eigenen Fähigkeiten umzugehen, erlebe ich heute auch selbst in Bewerbungsgesprächen. Gleichzeitig gibt es Menschen, die sich bewusst gegen bestimmte Führungsrollen entscheiden, weil sie andere Prioritäten setzen oder den damit verbundenen Druck nicht möchten. Auch das ist eine völlig legitime Entscheidung. Entscheidend ist, dass alle die gleichen Chancen haben und niemand durch strukturelle Hürden ausgebremst wird.
Arbeiten Sie als CEO eigentlich 60-Stunden-Wochen?
Ich zähle meine Arbeitszeit gar nicht. Durch die Digitalisierung kann man von überall arbeiten und verliert nie ganz den Faden – aber man ist auch nie komplett off. Das gehört dazu, das muss man bewusst in Kauf nehmen.
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