„Mallorca soll dein Gesicht nicht vergessen“: Witwe kämpft nach tödlichem Badeunfall für mehr Sicherheit an Stränden
Ralf Wrede stirbt beim Mallorca-Urlaub, als er versucht, zwei Kinder aus dem Meer zu retten. Seine Frau Britta kämpft nun für mehr Sicherheit

Britta Wrede mit einem Foto ihres verstorbenen Mannes in der Hand. | FOTO: STEPHAN SCHÜTZE / privat
Der 24. April 2026 ist für Ralf und Britta Wrede ein besonderer Tag. Es ist ihr 34. Hochzeitstag. Zugleich feiert der Freund, der die beiden gemeinsam mit seiner Ehefrau nach Mallorca begleitet hat, seinen 60. Geburtstag. Nach einem Besuch in den Drachenhöhlen in Portocristo machen sie halt an der Cala Mendia in der Gemeinde Manacor. Steilhänge im Hintergrund, Felsenreihen zu beiden Seiten, 24 Grad, das Meer ist an diesem Tag etwas bewegt. Ein zunächst ruhig erscheinender Tag im Mallorca-Urlaub.
Doch dann wird sehr schnell alles sehr schlimm. Zwei Kinder baden im Meer und werden immer weiter hinausgetrieben. Die Eltern rufen um Hilfe, Ralf Wrede springt ins Wasser, denn die Rettungsschwimmer haben ihren Dienst in dieser Saison noch nicht aufgenommen. Danach geht alles ganz schnell. Ein Paddleboard-Surfer will ebenfalls helfen, wird aber immer weiter hinausgetrieben.
Die Kinder kommen mittlerweile so nah an die Felsen, dass sie vom Land aus gerettet werden können. Ralf Wrede hingegen ist nicht mehr zu sehen. Dann erscheint sein Körper an der Oberfläche, mit dem Gesicht nach unten. Der Paddleboard-Surfer bringt ihn an Land. Die Wiederbelebungsversuche beginnen. Nach 40 Minuten übermittelt der mittlerweile eingetroffene Notarzt die schlimmste Nachricht in Britta Wredes Leben: Es kann nichts mehr getan werden. Und dann sieht Britta nur noch schwarz. Sie erleidet einen Nervenzusammenbruch und muss mit dem Krankenwagen abtransportiert werden.

So sah das Meer am Unglückstag aus. / Privat
Zwei Monate später in Dortmund
70 Nächte später, in denen sie kaum Schlaf findet, ist die Tragödie unverändert präsent. „Mein Leben ist ein Überleben geworden“, berichtet die 60-Jährige am Telefon. Auch die bürokratischen Angelegenheiten, die der traumatische Todesfall nach sich zieht, sind noch zu bewältigen. Nicht nur mit deutschen Ämtern hat Britta Wrede zu tun, auch auf Mallorca müssen einige Themen abgeschlossen werden. „Für die gesetzliche Unfallversicherung brauche ich den Polizeibericht der Ortspolizei Manacor“, sagt die Witwe. Doch an diesen komme man nicht so einfach heran. Über einen Anwalt habe sie ihn beantragt, erhalten habe sie ihn aber noch immer nicht.
„Ich komme hier überhaupt nicht zur Trauer“, seufzt sie. Ihre 34-jährige Tochter Nina helfe ihr mit dem Papierkram von Banken, Versicherungen und weiteren Stellen. „Ich bin in diesen Wochen eigentlich nur noch mit meiner Tochter eine Bürokraft“, sagt sie. Viele Schreiben seien so kompliziert formuliert, dass selbst ihre Tochter manchmal nicht wisse, was genau von ihnen verlangt werde.
Auch im Haus sei sie auf deren Hilfe angewiesen. „Als ich 29 Jahre alt war, musste ich reanimiert werden. Ich war klinisch tot“, sagt die heute 60-Jährige, die unter einem chronischen Herzsyndrom leidet. Seitdem trage sie einen Herzschrittmacher, zudem habe sie Rheuma, weshalb sie viele Arbeiten im Garten oder rund ums Haus nicht bewältigen könne.
Ein Leben ganz allein mit den sechs Katzen in ihrem frisch renovierten Haus – damit habe sie nicht gerechnet. Das Haus gehörte zuvor Wredes Mutter. Das Paar lebte dort gemeinsam und wollte daraus „ein Schmuckstück für die letzten Jahre“ machen. Für die Renovierung hatten Britta und Ralf Wrede einen Kredit über 120.000 Euro aufgenommen. Diesen muss Britta Wrede nun allein abbezahlen. Im Moment lebt sie von 1.200 Euro Witwenrente und 1.500 Euro Frührente. Eine ihrer größten Ausgaben sind neben der Hypothek ihre Katzen: Für Futter und Versicherungen kommen jeden Monat 400 Euro zusammen. Ralf Wrede war der Hauptverdiener der Familie. Vor seinem Tod hätte Britta Wrede nie gedacht, dass sie einmal finanzielle Probleme bekommen könnte.
"Mallorca dein Gesicht nicht vergisst"
In einer solchen Situation gibt es wenig, das ihr hilft, gegen ihre Dämonen anzukämpfen. „Meine sechs Katzen, die sind einfach mein Seelentrost.“ Und auch ihr Kampf für Gerechtigkeit bringt sie jeden Morgen auf die Beine. Dass sie immer wieder über den Tod ihres Mannes sprechen muss, falle ihr nicht leicht. Manchmal wisse sie erst nach einem Gespräch, ob es sie zusammenbrechen lasse oder ob es sich anfühle wie ein weiterer kleiner Schritt hin zu einer neuen Normalität. Dennoch gehe sie an die Öffentlichkeit, weil sie überzeugt ist, damit etwas bewirken zu können. Das habe sie Ralf am Strand auch versprochen. „Ich habe ihm gesagt: Ich sorge dafür, dass Mallorca dein Gesicht nicht vergisst und du als warnendes Beispiel dienst.“
Bis heute könne sie nicht verstehen, warum der Wachturm der Rettungsschwimmer Ende April noch nicht besetzt war. Seit Jahren fordern die socorristas inselweit einen früheren Start für ihren Dienst. Auch eine Rettungsschwimmerin der Gemeinde Manacor, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, kann ein Lied davon singen: „Wir fordern seit Jahren, dass wir bereits im April unseren Dienst aufnehmen.“ Vonseiten des Rathauses der Gemeinde werde ihre Petition jedoch immer wieder abgeschmettert. „Dabei baden im April schon viele Menschen im Meer“, sagt die Rettungsschwimmerin. Es sei sehr schade, dass auch nach Tragödien wie der von Ralf Wrede nicht mehr getan werde, um solche Fälle zu verhindern.
Grundsätzlich fühlt sich Britta Wrede von der Insel sehr im Stich gelassen. „Es wurde ein Mäntelchen darübergelegt, damit unangenehme Dinge nicht angesprochen werden“, meint sie. Dabei wünsche sie sich nur mehr Sicherheit an den Stränden. „Rettungsringe, ein Notfallknopf, das würde schon ausreichen. Das ist auch keine teure Veränderung.“ Auch mehr Aufklärung über die Risiken an dem Strand, an dem Ralf Wrede nicht der erste Badetote war, hält sie für notwendig. Im Moment gebe es dort nur ein Schild, das auf Spanisch vor den gefährlichen Strömungen warnt.
Mehrere Anfragen der MZ für ein Interview mit den Verantwortlichen für die Küstensicherheit sowie dem Bürgermeister von Manacor blieben unbeantwortet. Auch an die Pressesprecherin gerichtete Fragen zu den aktuellen und im Licht der Ereignisse allfällig geplanten neuen Sicherheitsmaßnahmen wurden bis zur Schlussredaktion nicht beantwortet. „Mir würde es heute noch mit einem ‚Es tut uns leid‘ reichen, solange es von Herzen kommt“, sagt Wrede.
Ein Abschied von Mallorca?
Wenn sie etwas mehr Kraft hat, möchte Britta Wrede auf die Insel kommen. Vielleicht werde sie gemeinsam mit Rettungsschwimmern für einen früheren Dienststart demonstrieren. Für Ralf. Um dafür zu kämpfen, dass keinem anderen widerfährt, was ihm passiert ist.
Die Situation bei der Rückkehr auf die Insel stellt sie sich nicht einfach vor. „Natürlich hätte ich weiche Knie. Natürlich würde es mir verdammt schwerfallen, und ich würde sicherlich weinen wie verrückt. Aber ich liebe Mallorca“, gibt sie sich entschlossen. Mit dem Mittelmeer selbst und der Insel habe sie bereits ihren Frieden geschlossen. „Ich habe vor Ort dem Meer auch schon verziehen“, sagt Wrede. Wie schnell sie zurückkehren könne, wisse sie nicht – auch aus finanziellen Gründen. Aber dass sie zurückkehren werde, daran zweifelt sie nicht. Am liebsten würde sie im selben Hotel unterkommen, in dem sie und Ralf ihren letzten Urlaub verbrachten.

Ein Bild aus dem letzten gemeinsamen Urlaub von Britta und Ralf Wrede auf der Insel. / privat
Mallorca ist nicht nur der Ort, an dem sie Ralf verloren hat. Es ist auch der Ort der Urlaubsaufenthalte mit ihrer Tochter, als sie noch klein war, der Reisen mit Freunden und der Abstecher zu zweit. Die nächste Reise auf die Insel wird für Britta Wrede deshalb auch eine Rückkehr zu vielen Erinnerungen sein. Und eine Hommage an ihren Ralf.
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